Alain de Botton

"In den Ferien sind wir alle Philosophen"

Der Philosoph Alain de Botton über unfreiwillige Komik am Strand und die Traurigkeit des letzten Urlaubstags.

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Morgenpost Online: Herr Botton, wie war der Sommer?

Alain de Botton: Schön. Ich war mit meinen zwei kleinen Kindern und meiner Frau in der Schweiz unterwegs, meiner Heimat. Wir sind mit dem Auto von Zürich nach Genf gefahren, haben hier und dort angehalten und das Leben in den Alpen genossen.

Morgenpost Online: Gar keine Kultur?

Botton: Nein. Kindern kann man keine Kirche zeigen und sagen: Wie interessant, Karl der Große war hier! Kinder wollen physische Attraktionen wie Geschwindigkeit, Wasser, Sand. Früher bin ich weggefahren, um psychologische Sehnsüchte zu befriedigen. Ich wollte in fremden Städten stehen und starke Gefühle empfinden. Das ist jetzt unmöglich.

Morgenpost Online: Klingt fast schon nach einer Kapitulation.

Botton: Nicht doch. Familienurlaub ist – zumindest seiner platonischen Idee nach – eine anspruchsvolle Sache. Man sucht als Kernfamilie nach ungewöhnlichen Erfahrungen, die alle miteinander verbindet. Eine hochkomplexe Angelegenheit.

Morgenpost Online: Ungefähr so stellen wir uns das vor, wenn Philosophen Ferien machen.

Botton: Sind wir im Urlaub nicht alle Philosophen? Wir studieren die anderen Hotelgäste am Frühstücksbuffet, wir beobachten unseren Strandabschnitt, wir analysieren das Verhalten der Einheimischen. So schärfen wir unseren Sinn für Differenzen. Unglücklicherweise bemerken wir Dinge nicht mehr, sobald sie eine Weile da sind. Aber in den ersten Minuten nach der Landung in einem fremden Land sind die Schleusen unserer Wahrnehmung weit geöffnet. Das ist wie in den ersten Tagen des Verliebtseins.

Morgenpost Online: Woher kommt dann all die Unzufriedenheit auf Urlaubsreisen? Das Wetter ist immer schlechter als erwartet, die Restaurants sind zu teuer, das Hotelzimmer sieht kleiner aus als im Internet.

Botton: Ach, das liegt in unserer Biologie. Wir stammen nun einmal von Leuten ab, die sich permanent Sorgen machten. Darüber, ob sie gefressen werden, ob die Ernte gelingt, ob es morgen regnet, ob jenseits des Berges ein Feind lauert. Wer sich die meisten Sorgen machte, der überlebte. Heute, in der Wohlstandsgesellschaft mit all ihrem Komfort, gibt es diese seltsame Einrichtung namens Urlaub. Im Kern ist das eine Aufforderung, sich für ein, zwei Wochen um nichts zu sorgen. Das ist ein zutiefst unnatürlicher Imperativ. Was passiert also? Weil wir uns keine ernsthaften Sorgen machen dürfen, konzentrieren wir uns auf Banalitäten. Was macht die kleine Wolke am Horizont? Warum ist die Minibar so schlecht bestückt? Wann verschwindet der nervige Typ vom Beckenrand?

Morgenpost Online: Aber im Alltag fällt uns doch auch alles Mögliche auf die Nerven.

Botton: Natürlich, aber im Arbeitsleben geht es meistens um Dinge, die einen ernsthaften Anschein haben, manchmal sogar ums wirtschaftliche Überleben. Im Urlaub bekommt der Zwang, sich zu sorgen, etwas unfreiwillig Komisches.

Morgenpost Online: Sind die Ferien nicht erfunden worden, um uns glücklich zu machen?

Botton: Wir neigen zu dem Glauben, dass all die Hoteliers, Fluglinienchefs und Museumsdirektoren mit ihren Heerscharen von Experten schon wissen werden, wie ein guter Urlaub aussieht. Aber das ist ein naiver Glaube, ein Glaube an die Maschine. Um glücklich zu sein, genügt es nicht, am Pool zu sitzen oder das Restaurant zu wählen, das die besten Kritiken bekommen hat. Ich glaube, wir fangen gerade erst an zu begreifen, was einen gelungenen Urlaub ausmacht.

Morgenpost Online: Wie soll man das herausfinden? Durch akademische Forschungsprogramme?

Botton: Wir können vom Buddhismus lernen. Vergleicht man die buddhistische Meditation mit dem, was das Sonnenbad für Touristen bedeutet, so findet man Ähnlichkeiten. Hinter beiden Tätigkeiten steht der Wunsch nach Ruhe und innerem Frieden. Der Unterschied liegt in der Struktur. Kein Buddhist würde auf die Idee kommen, dass man Harmonie finden kann, ohne vorher fünfhundert Stunden zu meditieren. Erst nach langer und harter Übung erreicht man ganz vielleicht ein paar Momente wirklicher Ruhe. Als Touristen glauben wir dagegen allen Ernstes, wir bräuchten uns nur aufs Handtuch zu legen, um glücklich zu werden. Natürlich klappt das nicht.

Morgenpost Online: Empfehlen Sie uns doch mal ein paar geistige Übunge n.

Botton: Wir sollten viel gründlicher darüber nachdenken, was wir im Urlaub überhaupt wollen. Meistens klammern wir uns an einer leeren Idee fest, ohne sie zu überprüfen: Indien zum Beispiel, oder Amerika. Es gibt eine riesige Kluft zwischen diesen Fantasien und den Dingen, die uns wirklich fehlen. Eigentlich bräuchten wir psychotherapeutische Reisebüros, die uns die passenden Ziele heraussuchen.

Morgenpost Online: Im alten Europa sollte das Reisen den Charakter formen. Heute geht es eher darum, für ein paar Tage abzuschalten.

Botton: Die Bildungsreise war eine herrliche Idee, und Goethe hat mit seiner Italienreise das Maximum aus der Kulturtechnik des Reisens herausgeholt. Er hat nachgedacht und bemerkt, dass nicht nur ihm selbst, sondern den Deutschen überhaupt bestimmte Eigenschaften fehlten – Sinnlichkeit, Leichtigkeit, eine Verbindung zur Antike. Und er hat einen realen Ort ausgemacht, an dem er diesen Mangel ausgleichen konnte. Wenn man die Leute am Frankfurter Flughafen anhielte und fragte, warum sie nach Thailand wollen, dann würden sie sich schon über die Frage wundern.

Morgenpost Online: Sie arbeiten an einem Buch über Pilgerfahrten. Ist der Tourist nicht nur die säkularisierte Ausgabe des Pilgers?

Botton: Es gibt da ein paar ähnliche Impulse. Aber Pilgerfahrten waren darauf angelegt, den ganzen Menschen zu heilen. Man pilgerte, weil Körper oder Seele krank waren.

Morgenpost Online: Heute gibt es dafür Wellnesshotels.

Botton: Die Tourismusindustrie kümmert sich überwiegend darum, dass es unseren Körpern gut geht. Man schläft auf frischen Baumwolllaken und bekommt zum Dinner Hähnchen auf einem Bett aus grünem Spargel. Das klingt großartig, aber wir bringen nicht nur unsere Mägen und unsere Haut, sondern auch unsere Psyche mit in den Urlaub. Schlammbäder, Algenpackungen und Massagen bringen unser mentales Chaos nicht in Ordnung.

Morgenpost Online: Das Ideal des Urlaubs besteht heute darin, nichts zu tun. Geht das überhaupt?

Botton: Das ist nur eine bequeme Redeweise. Es klingt halt nicht so toll, den Kollegen nach dem Urlaub zu erzählen: Ich habe die ganze Zeit über meine Beziehung nachgedacht, oder: Ich habe mir Gedanken über die Zukunft gemacht. Tatsächlich besteht ein großer Teil eines Urlaubs aus Tagträumen und Reflexionen.

Morgenpost Online: Warum lesen die Leute auf Reisen so gern? Es gibt doch so viel mehr zu entdecken als bedrucktes Papier.

Botton: Dafür fällt mir eine gute und eine schlechte Erklärung ein. Probieren wir zum Spaß die schlechte aus: Es fühlt sich nicht unbedingt gut an, mit seinem Denken allein gelassen zu sein – und das passiert im Urlaub öfter als im Büro. Also lesen wir lieber einen Thriller und beschäftigen uns damit, ob X wirklich Y erschossen hat. Das lenkt uns von uns selbst ab.

Morgenpost Online: Viele Philosophen haben das Reisen als eine Form des Davonlaufens verachtet. Wer Selbsterkenntnis sucht, soll gefälligst daheim bleiben.

Botton: Ich bin da großzügiger. Das Davonlaufen hat einen schlechten Ruf, aber wir können nicht alles zu Hause im Schlafzimmer bewältigen. Es kommt allerdings darauf an, dass wir in die richtige Richtung davonlaufen.

Morgenpost Online: Aber gibt es nicht auch Reisen, die ohne jede Vorplanung ganz gut gelingen?

Botton: Reiner Zufall. Es ist wie mit dem Gespräch: Ab und zu kommen ein paar Leute zum Abendessen zusammen, und plötzlich entsteht eine sagenhaft gute Unterhaltung. Aber meistens sitzen wir nur herum und reden über das Wetter oder die Kinder. Unsere innersten Bedürfnisse überlassen wir viel zu oft dem Zufall. Nur wenn es um Logistik geht, um Geld oder ums Geschäft, dann ist immer alles durchgeplant.

Morgenpost Online: Europäische Intellektuelle definieren sich darüber, Individualurlaub zu machen und Hotelkomplexe zu meiden.

Botton: Es ist ein romantischer Irrtum zu glauben, man könnte als Reisender allein sein. Es gibt immer andere, die dasselbe tun und sogar dasselbe denken. Aber dieser Gedanke kränkt den Narzissmus der Intellektuellen. Resorts stehen dagegen für ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, das ist keine so schlechte Sache. Natürlich hilft es, wenn die Gesellschaft angenehm ist. Aber Pauschaltourismus schult eben auch in Demut.

Morgenpost Online: Briten und Deutsche reisen besonders gern. Das macht sie beim Rest der Welt nicht unbedingt beliebter. Hat jeder Urlaub eine aggressive Seite?

Botton: Im Ausland fallen Menschen immer stärker auf als im Inland. Es macht den Leuten Angst, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen. Und ängstliche Menschen benehmen sich oft daneben. Sie schreien herum, werden paranoid und denken ständig, man wolle sie beklauen. Manchmal stimmt das ja sogar. Aber der Urlaub bringt oft die schlechtesten Seiten der menschlichen Natur an den Tag.

Morgenpost Online: Ein Hauptzweck des Reisens besteht darin, Erinnerungen zu erzeugen. Verpasst man die Gegenwart, wenn man sich immer schon vorstellt, wie man in Zukunft daran zurückdenkt?

Botton: Ich glaube, das Bedürfnis, etwas mitzunehmen, wertet die Gegenwart auf. Es ist nur legitim, Vorsorge gegen das Vergessen zu treffen. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln. Oft sollen Souvenirs diesen Zweck erfüllen: Man fährt nach Ägypten, schaut sich die Pyramiden an und kauft ein Holzkamel für die Fensterbank. Aber dieses Kamel fängt die Stimmung nicht wirklich ein. Und es gibt dieses schreckliche Phänomen, dass Leute so sehr mit dem Fotografieren beschäftigt sind, dass sie das Motiv hinter dem Objektiv gar nicht wahrnehmen. Dabei ist schon das menschliche Gedächtnis eine faszinierende Kamera, die ständig klickt, ohne dass wir es merken. Manchmal kommt uns Jahrzehnte nach einer Reise, kurz vor dem Einschlafen, das Bild irgendeiner Tankstelle an der Peripherie von Los Angeles wieder in den Sinn.

Morgenpost Online: Lange bevor die Touristen kamen, haben Entdecker die Welt erschlossen. Heute ist die Erde nicht nur vollständig kartografiert, man kann auch jede einsame Bucht auf Google Earth betrachten und per Street View durch Montmartre spazieren. Wozu muss man überhaupt noch hinfahren?

Botton: Google hat keinen Geruch. Wir verfügen aber auch über eine Nase und über eine Haut, die Temperaturen wahrnimmt und Luftfeuchtigkeit spürt. Ich sehe nicht die Gefahr, dass uns das Internet den Eindruck ersetzt, leibhaftig in Tahiti zu sein. Es zeugt von einem sehr westlichen Menschenbild, Googles Datenströme mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Morgenpost Online: Im Urlaub verbringen wir viel Zeit an Orten, die nicht für längere Aufenthalte gemacht sind: Lobbys, Flughäfen, Überlandbusse, Tankstellen. Warum fühlen wir uns dort trotzdem wohl?

Botton: Jeder Mensch ist zugleich Bauer und Nomade. Transit-Orte sprechen unsere nomadische Seite an. Das Wort Zuhause wird zwar meistens als Synonym für Vertrautheit und Gemütlichkeit verwendet. Aber es ist auch furchtbar zu Hause, nichts ändert sich dort. Daher kommt es, dass sogar Hochgeschwindigkeitszüge ihre eigene Poesie haben.

Morgenpost Online: Es gibt eine besondere Form von Traurigkeit, die sich am Ende jedes Urlaubs einstellt. Sie hat etwas Existenzielles.

Botton: Ja, das gibt uns eine Ahnung davon, dass wir eines Tages sterben müssen. Jedes Mal, wenn wir auschecken und zum Flughafen fahren, bereiten wir uns ein bisschen auf den Tod vor.

Morgenpost Online: In modernen Gesellschaften ist Urlaub aber keine stoische Übung, er soll die Arbeitskraft wiederherstellen.

Botton: Ich habe viel mit Leuten geredet, die ein erfülltes Arbeitsleben haben. Die sagen oft: Ich nehme keinen Urlaub. Oder: Ich arbeite immer, egal wo ich bin. Ein Modedesigner, der nach Indien fährt, bleibt ein Modedesigner, denn er schaut sich die Schnittmuster und die Farben auf der Straße an. Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn man den Unterschied zwischen Arbeit und Urlaub allzu deutlich spürt. Die schlimmsten Jobs sind solche, die man hasst, die einem aber das Geld einbringen, das man für den Urlaub braucht, um sich von ihnen zu erholen. Das ist ein sinnloser Zirkel.

Morgenpost Online: Welche Orte möchten Sie unbedingt noch sehen, bevor Sie sterben?

Botton: Es geht mir nicht so sehr um Orte, an denen ich noch nicht war. Aber es gibt Dinge, die ich immer wieder erleben will. Als Engländer habe ich oft das Bedürfnis nach Sonnenschein. Als Städter habe ich oft Sehnsucht nach der Wüste. Und als jemand, der viel Zeit zu Hause verbringt, sehne ich mich oft nach Flugzeugen. All das brauche ich, so wie man für eine ausgewogene Ernährung bestimmte Speisen immer wieder braucht.

Morgenpost Online: Können Sie sich an einen Augenblick erinnern, der die Idee des Urlaubs vollkommen verkörpert?

Botton: Ja, das war auf meiner ersten Reise nach Australien, mein Verlag hatte mich dorthin auf Lesereise geschickt. Der Flug dauerte zwölf Stunden, und nach einem äußerst gediegenen Schlaf erwachte ich auf einem langen und luxuriösen Businessclass-Sitz in einer Maschine der British Airways. Ich schob die Jalousie hoch, und wir überflogen gerade Indien. Weit unter uns waren kleine Dörfer erkennbar. Das war eine verrückte Situation: Da saß ich in dieser Aluminiumröhre und flog über eine landwirtschaftlich geprägte Landschaft hinweg, die sich wahrscheinlich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Diesen Moment, der bizarr und aufregend zugleich war, werde ich niemals vergessen.

Alain de Botton lebt als Philosoph in London. In seinem Bestseller „Die Kunst des Reisens“, aber auch in seiner jüngsten Reportage „Airport“ beschäftigte er sich mit dem Komplex des Urlaubs. Beide Bücher sind im S. Fischer Verlag erschienen.