Neuer Generalmusikdirektor

Runnicles will keine Experimente an Berliner Oper

Der schottische Dirigent Donald Runnicles tritt in dieser Woche in Berlin offiziell sein Amt als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper an. Im Interview mit Morgenpost Online kündigte er einige Veränderungen an.

Foto: deutsche oper berlin

Morgenpost Online: Das Antrittsfoto zeigt Sie kampfbereit aufs Schwert gestützt. Wo ist der Feind?

Donald Runnicles: Das war doch nur halb Spaß, halb Ernst. Ich sollte mit dem Fotografen André Rival etwas Apartes machen. Also habe ich mich brav mit dem Schwert hingestellt. Und habe nichts dabei gedacht. Höchstens, ob ich lächeln soll oder besser nicht.

Morgenpost Online: Welche Eigenschaften hat denn der Dirigent Runnicles?

Donald Runnicles: Ich strebe danach, geduldig zu sein. Ich versuche immer, Empathie zu haben. Und ich bin voller Demut, weil es ein Privileg ist, Dirigent zu sein. Unser Instrument ist ein Orchester voller lebendiger, höchst qualifizierte Musiker. Ein Dirigent darf nie vergessen, dass er von Ihnen und der Musik abhängig ist.

Morgenpost Online: Wie haben Sie Ihr neues Orchester bislang wahrgenommen?

Donald Runnicles: Als ich vor zwanzig Jahren in Freiburg war, wusste ich von dem berühmten Haus in Berlin. In Musikerkreisen galt es als ein schwieriges Orchester. Aber als ich vor zwei Jahren zu den „Ring“-Proben kam, war es auf Anhieb eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit. Wir hatten gemeinsam Freude daran, am Klang zu arbeiten.

Morgenpost Online: Welchen Klang wollen Sie?

Donald Runnicles: So viele Klänge wie es Komponisten gibt. Aber es gibt nichts Intensiveres als einen leise schimmernden Klang. Es ist wie bei einer guten Lautsprecherbox. Selbst wenn die Lautstärke sehr weit herunter gepegelt wird, bleibt die Qualität hervorragend. Meiner Meinung nach ist das bei Orchestern ähnlich. Mir gefällt es außerdem nicht, wenn ein Orchester meint, forcieren zu müssen.

Morgenpost Online: Daniel Barenboims Staatskapelle ist Opern- und zugleich Konzertorchester. Wollen Sie Ihr Orchester auch dahin entwickeln?

Donald Runnicles: Ich habe vor, künftig mehr Konzerte zu machen. Ein Opernorchester muss auch aus dem Graben heraus kommen. Und das Publikum muss sein Orchester sehen können.

Morgenpost Online: Welche Komponisten stehen Ihnen nahe und werden künftig mehr an der Oper zu hören sein?

Donald Runnicles: Jemand hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich am liebsten geistvolle Musik dirigiere, sprich Opern, die lehrreich sind. Ich denke zum Beispiel an Benjamin Brittens „Peter Grimes“. Für Britten ging es immer um Menschen untereinander, um Schwächen, um Vorurteile. Und wie furchtbar die Macht der Menge sein kann.

Morgenpost Online: Sie treten in einer komplizierten Zeit an, denn die Staatsoper wird als Konkurrenz ins nahe gelegene Schillertheater ziehen?

Donald Runnicles: Ich sehe das sehr positiv. Es ist eine Herausforderung. Dieser Teil der Bismarckstraße wird eine Opernmeile. Ich wünsche mir auch mehr Absprachen der beiden Häuser miteinander.

Morgenpost Online: Ihr Wunsch hat bereits für einige Sorgen in den Häusern gesorgt. Gibt es schon Absprachen zwischen Daniel Barenboim und Ihnen?

Donald Runnicles: Nein, es gibt keine festen Pläne, aber Daniel und ich reden natürlich über die zwei, drei Jahre, in denen wir beide mit der Situation umgehen müssen. Zwischendurch wird auch die Deutsche Oper für drei Monate geschlossen sein, weil die Obermaschinerie erneuert werden muss. Ich würde mir schon wünschen, dass die beiden Häuser sich gegenseitig helfen, auch in der Frage, wo man dann die Opern spielt? Aber das hat überhaupt nichts mit Fusion zu tun. Die schließe ich komplett aus. Richtig ist: Ich komme auch nach Berlin, um zu kooperieren und nicht, um zu konfrontieren.

Morgenpost Online: Ihr Haus leidet unter einer strukturellen Unterfinanzierung?

Donald Runnicles: Ja, die Deutsche Oper ist unterfinanziert. Es gibt regelmäßige Gespräche darüber. Und ich bin zuversichtlich, dass sich etwas bewegen wird.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist das Regietheater?

Donald Runnicles: Die richtige Balance ist wichtig. Die stimmt im Moment generell nicht. Schauen wir nur einmal auf Opernkritiken. Die befassen sich mit Regie, Regie, Regie und am Ende gibt es einige knappe Sätze über Sänger und Orchester. Das ist symptomatisch für den Zustand. Ein deprimierender Zustand! Ich möchte künftig bei unseren Regisseuren und ihren Konzepten mitreden. Die Deutsche Oper ist meines Erachtens keine Experimentalbühne. Und sie ist eigentlich auch kein Haus, wo irgendjemand seine erste Chance als Regisseur bekommen soll. Mir wäre es lieber, wenn Regisseure – wie wir Dirigenten – erst einmal Stationen an kleineren Häusern durchlaufen. Und irgendwann dürfen sie davon träumen, nach Berlin und beispielsweise an die Deutsche Oper zu kommen.

Morgenpost Online: Welche Regisseure favorisieren Sie?

Donald Runnicles: Ich wünsche mir etwa, dass die wunderbare Choreographin Sasha Waltz mit ihrer Gruppe regelmäßig an die Deutsche Oper kommt.

Morgenpost Online: 2011 endet der Intendantenvertrag von Kirsten Harms. Wie soll es weiter gehen?

Donald Runnicles: Das Ganze liegt letzten Endes außerhalb meines Verantwortungsbereiches. Ich wünsche mir, wünsche der Deutschen Oper ein Team. Es geht mir gar nicht um die Hierarchie, sondern um eine Partnerschaft.

Morgenpost Online: Was macht heutzutage einen guten Intendanten aus?

Donald Runnicles: Die Oper fordert zunehmend andere, vielfältigere Qualifikationen als noch vor zwanzig Jahren. Heute geht es um Sponsoring, um die Wirtschaftlichkeit, um Beziehungen in die Stadt hinein und zur Politik.

Morgenpost Online: Die Berliner Philharmoniker haben sich gerade einen ehemaligen Fernsehmanager als Intendanten verpflichtet.

Donald Runnicles: Das ist eine bedenkenswerte Entscheidung. Schließlich gab es noch nie so viele Alternativen für Menschen, ihre Freizeit mit Events auszufüllen. Der Wettkampf ums Publikum ist gerade in Berlin gigantisch und nicht nur durch das musikalische Modul zu gestalten. Heute gibt es auch Internet, Facebook, Twitter. Jemand muss klug und gezielt am modernen Image der Oper arbeiten. Das ist auch eine Intendantenaufgabe.