Late Night

Beckmanns Rückkehr mit vielen feuchten Augen

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Uwe Felgenhauer

Foto: NDR/Morris Mac Matzen / NDR/Morris Mac Matzen/NDR Presse und Information

Liedermacher Reinhard Mey war den Tränen nah, und auch Hans-Jochen Vogels Gattin Liselotte zeigte sich von Meys Schilderung über das Wachkoma seines Sohnes ergriffen. Der dritte Gast bei Beckmanns Start nach der Sommerpause hieß Michael Buback: Er sucht noch immer die Mörder seines Vaters.

Als Letzter der im Wochenrhythmus sendenden Talk-Moderatoren nahm Reinhold Beckmann nach knapp zweieinhalb Monaten Sommerferien seine Arbeit wieder auf. Statt investigativer journalistischer Arbeit war bei seiner Rückkehr besonderes Einfühlungsvermögen gefragt. Den Rest besorgten die auskunftsfreudigen Gäste selbst.

Den Anfang machte Reinhard Mey, dessen Sohn Max seit einem halben Jahr im Wachkoma liegt. Das mittlere der drei Kinder von Mey, 66, und seiner Frau Hella, 61, war am 13. März bewusstlos zusammengebrochen. Der Notarzt habe einen Herz- und Atemstillstand festgestellt und Max nach rund acht Minuten ohne Sauerstoffversorgung intubiert und reanimiert, so der Liedermacher. Ursache sei eine verschleppte Lungenentzündung mit drei unterschiedlichen Keimen gewesen.

Zunächst habe die Familie den Medienrummel nicht gebrauchen können, doch nun wolle er die Karten auf den Tisch legen, weil er sich nicht länger vor Bekannten aus der Nachbarschaft verstecken will. ”Ich möchte nicht lügen und sagen, es geht mir fabelhaft. Ich möchte es ihnen aber auch nicht zwischen zwei Supermarktregalen erzählen.“

Wie wohl bei jedem Vater in solch einer Lage weckt die kleinste Reaktion des Patienten bei Reinhard Mey Hoffnung: ”Er hat mir in die Augen gesehen, wir haben uns für den Bruchteil einer Sekunde in die Seele gesehen.“ Und wenn wir heute ins Zimmer kommen, ich schwöre, er erkennt uns”.

Mey beschrieb schließlich, wie die Familie Kraft für den nächsten Tag sammele, wenn sie mit Freunden abends am Tisch sitze und dabei auch lache, und resümierte: ”Wir haben wieder ein Kind, im Alter von 66 und 61 Jahren.“ Nicht nur er hatte dabei feuchte Augen, sondern auch Liselotte Vogel, die gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Jochen zu Gast war.

37 Jahre ist das Paar verheiratet, seit drei Jahren lebt es in einem Wohnstift. Dafür musste es nach eigenen Angaben viel Kritik einstecken, weil Freunde und Bekannte nicht verstehen konnten, dass so ein rüstiges Duo in eine Seniorenwohnanlage zieht. Aus diesem Grund hat Liselotte Vogel das Buch ”Ich lebe weiter selbstbestimmt” geschrieben, das aufräumen will mit Vorurteilen gegen diese Einrichtungen. Viele hätten da eine ”krause Vorstellung“, sagte die spät berufene Autorin, während ihr Gatte gleich einen Vorzug solcher Anlagen nannte: ”Wer krank wird, wird dort in der eigenen Wohnung gepflegt, in bekannter Umgebung.“

Überhaupt redete dann doch meistens der Ex-Politiker, wenngleich er seine Frau stets um Erlaubnis fragte. Das habe er sich bei der Beckmann-Sendung mit Helmut und Loki Schmidt abgeguckt, behauptete Vogel. Ganz so weltmännisch wie das Ex-Kanzlerpaar kamen der 83-Jährige und seine ein Jahr jüngere Gattin zwar nicht rüber, dafür aber äußerst ehrlich. So gestand Liselotte Vogel, dass sie zur Hoch-Zeit der RAF nicht zuletzt wegen des ständigen Personenschutzes” eine Nacht lang Panik“ gehabt hätte. Ihr Gedanke damals: ”Entweder ich lass mich scheiden oder ich ertrage es.“

Diese Tage habe er immer noch vor Augen, so der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat, der unter der Regierung Schmidt von 1974 bis 1981 als Bundesjustizminister fungierte. Beckmann erinnerte an die Zeit, um zum nächsten Gast Michael Buback überzuleiten – mit einem Einspielfilm über den Mord an dessen Vater, dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback, im April 1977.

Verurteilt wurden für die Tat bekanntlich die RAFler Christian Klar, Knut Folkerts und als Drahtzieherin Brigitte Mohnhaupt. Doch für Michael Buback, Chemieprofessor in Göttingen, stehen drei andere Namen im Zusammenhang mit dem Attentat auf seinen Vater: Günter Sonnenberg, gegen den das Verfahren im Fall Buback aus gesundheitlichen Gründen seinerzeit eingestellt worden war, Stefan Wisniewski und Verena Becker.

Der Mord habe Buback nie zur Ruhe kommen lassen. Noch weniger, nachdem er vor rund zweieinhalb Jahren mehrere Gespräche mit dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock geführt hatte, der Wisniewski als Täter nannte. In etlichen TV-Runden forderte Buback, endlich die wahren Mörder zu ermitteln, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth wurde er auch selbst aktiv. Die eigenen Recherchen hat er in dem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ zusammengefasst, in dem er von vielen Ungereimtheiten, beunruhigenden Merkwürdigkeiten und mangelnder Sorgfalt bei den Ermittlungen spricht.

Dass Ende August nun Verena Becker verhaftet worden ist, weil sich auf mehreren Bekennerschreiben Spuren ihrer DNA fanden, hat ihn ”übermäßig überrascht, aber auch erleichtert“. Laut Buback gibt es ”erdrückende Hinweise” darauf, dass Becker seinen Vater und dessen Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster vom Sozius eines Motorrades aus erschossen hat.

Gestern nannte er sowohl den Fund der Tatwaffe bei Beckers und Sonnenbergs Verhaftung im Mai 1977. Zudem gebe es „jetzt vier, fast schon fünf Zeugen“, die neben einem großen Mann eine zierliche Frau auf dem Motorrad gesehen hätten. Erneut wiederholte Buback seine These, dass es damals irgendwo in den ermittelnden Behörden "eine schützende Hand” gegeben haben muss, die Becker schonte.

Filmautor Egmont R. Koch hingegen, dessen Dokumentation „Bubacks Mörder“ gerade im Ersten lief und der gestern an Bubacks Seite saß, hält nichts von dieser Verschwörungstheorie. Die Zeugenaussagen sind seines Erachtens 32 Jahre nach der Tat nicht mehr verlässlich. Dass Becker damals nicht wegen des Buback-Mordes angeklagt wurde, hat für ihn einen „ganz pragmatischen Grund“: Becker und Sonnenberg seien damals schon wegen anderer Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden, und so hätte sich die Bundesanwaltschaft auf noch nicht verurteilte Terroristen konzentriert.

Auch die nun erwiesene Zusammenarbeit Beckers mit dem Verfassungsschutz von 1981-1983, wofür sie knapp 5000 Mark und wahrscheinlich Hafterleichterungen erhielt, spricht laut Koch nicht für einen Schutz Beckers. Es gebe keinen Beleg für eine Kooperation mit der Terroristin vor 1981.

Hans-Jürgen Vogel plädierte schließlich dafür, die vom Verfassungsschutz Anfang der 80er angelegten geheimen Akten mit Aussagen von Verena Becker nun endlich für weitere Aufklärungsarbeit zugänglich zu machen. Und Reinhold Beckmann wies darauf hin, dass viele Schlampereien bei den Ermittlungen ohne Bubacks Engagement gar nicht als Licht gekommen wären. Ein kluges Schlusswort einer interessanten Sendung.