Kino

Großes Desaster um den kleinen Hobbit

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Veit Medick

Peter Jackson ("Herr der Ringe") hat die Regie für J. R. R. Tolkiens Erstlingswerk abgesagt. Die Firma New Line Cinema, mit der Jackson sich um 100 Millionen Dollar streitet, will "Der kleine Hobbit" trotzdem drehen. Im Internet stehen die Fans hinter Jackson. Ein Kampf wie Mittelerde gegen Sauron.

„Mit einem Telefonanruf im November 1995 begann unsere Reise in Tolkiens Welt und mit einem Telefonanruf im November 2006 endete sie. Es waren elf großartige Jahre.“ In den Ohren von Laien mag das unverständlich klingen, für Fans von Verfilmungen des englischen Schriftstellers sind diese Zeilen hingegen ein Selbstmordgrund: Die Peter-Jackson-Ära der Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Werken geht offenbar zu Ende. Der neuseeländische Starregisseur hat angekündigt, nach der Herr-der-Ringe-Trilogie die Verfilmung des Ringe-Vorgängers „Der kleine Hobbit“ nicht zu übernehmen. Erlösstreitigkeiten mit einer Produktionsfirma sind offenbar der Grund, Filmemacher und Fans wollen das Ende der Allianz nicht wahr haben und machen nun Druck.

Wie konnte es soweit kommen? Beginnen wir im Jahr 1995. Peter Jacksons Manager erhielt einen Anruf des Filmproduzenten Harvey Weinstein, seinerzeit Chef der Produktionsfirma Miramax. Gemeinsam mit dem Kollegen Saul Zaentz, der in den 1970er Jahren die Verfilmungsrechte an der Tolkien-Trilogie kaufte, riefen sie das Filmprojekt ins Leben. Das Projekt wurde aufgrund von Meinungsverschiedenheiten an die Produktions- und Vertriebsgesellschaft New Line Cinema abgetreten, die schließlich Peter Jackson beauftragte, zwischen 2001 und 2003 die Trilogie zu realisieren.

Mit dem Filmerfolg von „Herr der Ringe“ wurde Peter Jackson zu Hollywoods Lieblingskind, der die seit Jahren sinkenden Besucherzahlen und Einnahmen zeitweise vergessen machte. Knapp drei Milliarden Dollar spielte die Trilogie weltweit ein. Doch wie jeder Goldrausch schaffte auch dieser Probleme. Jackson, der mit den Filmen rund 200 Millionen Dollar verdient haben soll, fühlte sich von New Line hintergangen. Der Regisseur warf dem Studio vor, mittels eines undurchsichtigen Rechnungssystems 100 Millionen Dollar unrechtmäßig in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben und klagte im Februar 2005.

New Line Cinema ging dieser Schritt zu weit. In einem Telefonanruf kündigte Studio-Boss Mark Ordesky Anfang November dieses Jahres an, für die geplante Hobbit-Verfilmung auf den Erfolgsregisseur verzichten zu wollen und sich umgehend nach anderen Alternativen umzusehen. Wohl wissend, dass die eigenen Rechte an dem Film aber schon nächstes Jahr auslaufen, ließ Ordesky eine Hintertür offen: Eine Zahlung sei vorstellbar, wenn sich Jackson vertraglich dazu verpflichte, den Hobbit zu drehen. Vor einer Woche erhielten Tolkien-Fans die Hiobsbotschaft – Jacksons Reaktion. In einem offenen Brief auf der Homepage seines größten Fanclubs theonering.net informierte Jackson gemeinsam mit seiner Frau und Koproduzentin Fran Walsh seine Anhänger, auf einen solchen Kuhhandel zu verzichten: „Wir finden es schade, dass unsere Beteiligung beim 'Hobbit' so beendet wurde. Diesen Ausgang haben wir nicht erwartet oder gewollt. Wir sehen allerdings auch keinen positiven Nutzen darin, verbittert zu sein. Wir haben nun keine andere Wahl, als die Vorstellung von einem Film über den 'Hobbit' hinter uns zu lassen, und mit anderen Projekten weiterzumachen.“

Nun steht in den Sternen, ob die Geschichte von Bilbo Beutlin und seiner Suche nach dem Ring je auf die Leinwand kommen wird. Aufgrund der schwelenden Rechtsstreits gibt es bislang weder ein Drehbuch oder ein Budget, noch ist die Besetzung oder der Produktionsstart festgesetzt worden. Mit der Entscheidung, das Projekt ohne ein Engagement Jacksons realisieren zu wollen, steht New Line Cinema allein auf weiter Flur. Äußerungen von Hollywood-Produzent Zaentz, der einen Teil der Hobbit-Rechte besitzt, sind jedenfalls mit dem Alleingang des Studios nicht zu vereinen. In einem Interview mit der Filmzeitschrift „Cinema“, versprach er, der Film werde „definitiv“ von Jackson gedreht. Die „New York Times“ zitiert ihn mit den Sätzen: „Wir wollen es umsetzen, natürlich mit Peter Jackson. Er ist ein guter Regisseur. Er ist der richtige Mann.“

Protest kommt auch aus der Schauspielerriege. Ian McKellen, der in der Ringe-Trilogie Gandalf verkörperte, ließ auf seiner Website wissen: „Ich bin sehr traurig. Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein anderer Regisseur seine Erfolge im Tolkien-Land erreichen könnte.“ Und auch die Hollywood-Firma MGM, im Falle eines Hobbit-Films Inhaber von Vertriebsrechten, sind skeptisch: „Wir unterstützen Peter Jackson als Regisseur und glauben, dass er den Film macht, wenn sich die Wogen geglättet haben. Wir können uns keinen anderen Ausgang vorstellen“, so ein Sprecher des Unternehmens.

Die härtesten Protestwellen schlagen dem Studio jedoch elektronisch entgegen. Schon die Veröffentlichung seines Briefes auf einer Fan-Homepage zeigt, welchen Stellenwert Jackson inzwischen seiner Internet-Community einräumt. Tausende Tolkien-Anhänger sammeln sich auf den Fanplattformen und üben sich in kreativem Widerstand. Benutzer vergleichen die Jackson-Absage mit Todesfällen in der eigenen Familie, gestalten fiktive Filmplakate und veröffentlichen Beschwerden an einflussreiche Mitglieder des Film-Business. Eine Petition an alle beteiligten Produzenten erhielt am Mittwoch seinen 50.000 Unterzeichner. Und über eine Umfrage lassen die weltweiten Fans wissen, dass eine Tolkien-Verfilmung ohne Jackson noch lange keine Lebensversicherung ist: Nur 2,8 Prozent von bislang 8000 Teilnehmern können sich vorstellen, einen solchen Film anzugucken. Die Botschaft ist eindeutig: Nur weil Tolkien draufsteht, werden wir noch lange nicht dafür sorgen, dass ihr euch mit Dollarnoten waschen könnt. Ohne Jackson kein Tolkien.

Bei allen Protesten ist klar: Letztlich wird allein das Geschäft den Ausschlag geben. New Line Cinema wird sich bewusst sein, dass sich ohne Jackson nur schwerlich die Erfolge der Ringe-Trilogie wiederholen lassen. Und für Peter Jackson ist Tolkien eben doch noch eine Lebensversicherung – auch wenn er sie nicht mehr braucht. Sie werden sich einigen. Die Welt wird sich freuen.