Neupräsentation

Hamburger Bahnhof - Berlins moderne Schatzkammer

Seit neun Monaten steht Udo Kittelmann an der Spitze der Berliner Nationalgalerie. Mit der Neupräsentation im Hamburger Bahnhof legt Kittelmann seine Visitenkarte vor. Und diese ist durchaus gelungen. Noch nie wirkte das Museum derart gut sortiert und modern präsentiert.

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Dem neuen Direktor Udo Kittelmann gelingt eine furiose Neupräsentation der Sammlungen im Hamburger Bahnhof. Er verwandelt das Museum in eine moderne Schatzkammer. Noch nie wirkte der Hamburger Bahnhof derart gut sortiert.

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Von Krise keine Spur. Und auch vom elitären Geniekult seines Vorgängers Peter-Klaus Schuster will er nichts wissen. Udo Kittelmann, seit neun Monaten an der Spitze der Berliner Nationalgalerie, ist selbstbewusst genug, ein eigenes Motto auszurufen, und das heißt für ihn als Comic-Fan kurz und knapp "Die Kunst ist super!" Ein Titel, trendgerecht wie ein Werbeslogan, clever und attraktiv für ein junges Publikum.

Mit der Neupräsentation im Hamburger Bahnhof legt Kittelmann seine Visitenkarte vor. Ihm gelingt etwas, was rar geworden ist im Spiel der musealen Beliebigkeiten - die Verwandlung eines Museums in eine moderne Schatzkammer. Der Museumsmann verwebt furios nicht nur verschiedene Zeit- und Bildebenen, sondern führt durch verschiedene, atmosphärisch sehr dichte Räume. Noch nie wirkte der Hamburger Bahnhof derart gut sortiert.

Kittelmanns Rezept ist einfach: "Wir produzieren selbst!" Er arrangiert also die eigenen Sammlung sowie die starken Kollektionen Flick und Marx mit ihren Klassikern wie Warhol, Kiefer und Twombly so, dass sie in subtile Dialog(e) treten, sich Korrespondenzen, Verweise und Beziehungen zwischen den einzelnen Objekten und Werken herstellen, die verblüffend wie erhellend sind.

Nofretete residiert jetzt in der Kleihues-Halle - als Abdruck aus einer Berliner Gipsformerei. Ihre "Gastgeberin" Marilyn Monroe von Andy Warhol hängt neben ihr. Zwei Göttinnen zwischen Mythos und Massenproduktion. Um das Thema Vanitas soll es gehen. Kittelmann stellt die klassischen Ahnen gleich daneben auf hohe Sockel aus dem 17. Jahrhundert: den Dichter Goethe und Königin Luise von Schadow als Gipsabdruck. Der reichlich profane "Shit Head" von Mark Quinn in einer Vitrine komplettiert das Thema. Wer definiert eigentlich ein Schönheitsideal? Wie ist das Verhältnis von Original und Replik, von Wert und Wertlosigkeit?

Vielleicht gelingt Kittelmann dieser andere, sehr präzise Blick auf die Sammlung so gut, weil er ein Zugereister ist und die Bestände deshalb so klar sieht, wie sie sind: breit gefächert, hochkarätig und mit einem großen Potenzial.

In den oberen Seitenflügeln startet er die "Modellversuche" 1 und 2. Mit Alfred Keller und Gerd Rohling führt er zwei Talente zusammen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Keller (1902-1955), gelernter Kunstschmied, später geschätzter "wissenschaftlicher Plastiker", der sich selbst als Bildhauer definierte, entwarf für das Naturkundemuseum atemberaubende Großmodelle von Insekten. Von Gerd Rohling, Jahrgang 1946, stammen die Vitrinen mit den magisch leuchtenden Gefäßen und Kelchen, die durch die feine Lichtdramaturgie erhöht werden wie kostbare antike Preziosen. Rohling fordert unsere Sehgewohnheiten heraus: Am Ende stellen sich die vermeintlichen Kunstwerke als aufwendig modellierte Plastikflaschen und -dosen aus dem Endlager unserer Wegwerfgesellschaft heraus.

Am Ende der Rieck-Hallen wartet der Zyniker Paul McCarthy auf. Mit dem King of Pop. Als goldene Ikone - und als mutierter Überrest mit dem Titel "Fucked Up!". Der Hamburger Bahnhof trägt einen Titel, den er nun wirklich verdient: Museum für Gegenwart.

Hamburger Bahnhof , Invalidenstraße 50-51. Tel. 266 42 42 42. Ab 5. September bis 14. Februar 2010. Di-Fr 10-18 Uhr. Sa 11-20 Uhr. So 11-18 Uhr.