Rap aus Berlin

Kitty Kat - Eine Katze fährt die Krallen aus

Man sagt, eine Katze landet immer auf den Beinen, ganz gleich, aus welcher Höhe sie fällt. Die Berliner Rapperin Kitty Kat scheint sich diese Eigenschaft zur Prämisse gemacht zu haben. Die 27-Jährige musste einige Rückschläge einstecken, bevor die Plattenfirma Universal ihr im Frühjahr einen Vertrag anbot. Nach Jahren harter Arbeit erscheint am 4. September ihr Debüt-Album „Miyo!".

Foto: Gene Glover / Gene Glover/Universal Music

Bevor aus Katharina Löwel, wie die Musikerin bürgerlich heißt, die Kunstfigur Kitty Kat wird, wächst das Mädchen mit den langen, dunklen Haaren im bayerischen Augsburg auf. Geboren wird sie 1982 in der Halbstadt Ost-Berlin, 1986 fliehen die Eltern mit ihr und der älteren Schwester über die Grenze nach West-Deutschland. In Bayern beginnt die Familie von vorn. Einige Jahre später lassen sich Katharinas Eltern scheiden. Von nun an erzieht die Mutter ihre Töchter allein. Sie arbeitet den ganzen Tag, Katharina wird ein Schlüsselkind.

In der Schule ist sie durchschnittlich, die sechste Klasse muss das Mädchen wiederholen, das damals von ihren Freundinnen bereits Kat gerufen wird. Grund ist allerdings nicht mangelnde Intelligenz: „Ich hatte einfach ein Problem mit Autoritäten. Ich war schon immer jemand, der wollte, dass alle gerecht behandelt werden. Und Lehrer sind halt nicht immer gerecht“, sagt die Rapperin heute. Nachdem sie die sechste Klasse zum zweiten Mal nicht schafft, schickt ihre Mutter sie auf ein Internat in der Nähe von München. Katharina beschreibt diese Zeit als sehr prägend: „Auf dem Internat habe ich gelernt, tolerant zu sein. Du wirst da mit Mädchen in ein Zimmer gesteckt, die du gar nicht magst – trotzdem musst du mit ihnen klar kommen.“ Ihre Noten bessern sich, so dass sie nach zwei Schuljahren wieder zurückgeht nach Augsburg.

Ich war voll auf dem Hip-Hop-Film

Zu dieser Zeit kommt sie das erste Mal mit Rapmusik in Kontakt. Im CD-Regal ihres Kinderzimmers reihen sich Salt-N-Pepa neben Lil’ Kim und Jay-Z. Doch den Rappern bloß zuzuhören, das reicht der mittlerweile 14-Jährigen nicht. „Plötzlich stand für mich fest, dass ich Musikerin werden will. Was anderes konnte ich mir nicht vorstellen.“ Katharina nennt sich nun Kitty Kat, trägt die Hosen weit und tief, und ihre Füße stecken in schneeweißen Turnschuhen mit drei schwarzen Streifen an der Seite. In der Schule machen sich die anderen Kinder über den zu der Zeit noch unkonventionellen Stil lustig. „Aber das hat mich nicht gekümmert“, sagt die 27-Jährige, „Ich war voll auf dem Hip-Hop-Film.“

Das Ziel, Rapperin zu werden und von ihrer Musik leben zu können, erreicht sie erst über Umwege. Nach ihrem Realschulabschluss beginnt Katharina eine Bankausbildung in München. Als die Lehre vorbei ist, macht ihr die Bank ein Jobangebot. Katharina lehnt die Sicherheit des Bankjobs selbstbewusst ab. Stattdessen zieht sie 2003 zurück in ihre Geburtsstadt Berlin. Hier lernt sie den Produzenten Paul NZA kennen, der sie fördert. Tagsüber jobbt sie als Assistentin in einer Werbeagentur, nachts nimmt sie im Studio Songs auf.

Begegnung mit Sido

Über Paul NZA trifft Kitty Kat auf Rapper Sido, der damals auf dem Weg nach ganz oben war. Sido ist begeistert von der rappenden Frau, die harte Texte mit weiblicher Stimme wiedergibt. Er will mit ihr zusammenarbeiten. Auf seinem 2006 erscheinendem Album „Ich“ wird sie in den Songs „Mach keine Faxen“, „Ficken“ und „Bergab“ zum ersten Mal einem breiten Publikum vorgestellt. „Da dachte ich mir: Gut, jetzt geht’s los.“ Doch Ende des Jahres, kurz vor Weihnachten, verliert sie ihren Job bei der Werbeagentur. Über sechs Monate ist sie arbeitlos – bis Aggro Berlin, das Label, bei dem auch Sido ist, ihr einen Vertrag anbietet. „Das hat mir meine sieben Katzenleben gerettet“, lacht Katharina. Die Plattenbosse wollen ein Album mit ihr machen. Bis dahin solle aber geheim bleiben, wie Kitty Kat aussieht. Um Interesse zu wecken. Doch Aggro Berlin überspannt den Bogen. Erst 2008 wird ein Foto der Rapperin veröffentlicht – über zwei Jahre nach den ersten Features auf einer Aggro-Berlin-Platte. Im Internet kursierten mittlerweile böse Gerüchte über das Aussehen der Musikerin. „Bestimmt ist sie häßlich, deswegen wird sie nicht gezeigt“ oder „Vielleicht ist sie ja fett und muss erstmal abnehmen“, hieß es immer öfter in Musikforen. „Natürlich stresst einen sowas“, gibt Katharina zu, „aber darauf muss man scheißen.“

Erste Plattenfirma löst sich auf

Das zugesagte Album bei Aggro Berlin kommt nie zustande. Im Frühjahr 2009 löst sich die Plattenfirma auf. Katharina erfährt davon, wie Fans und Medien auch, über das Internet. Sie ist geschockt und ruft sofort ihren Kollegen Sido an. „Mach dir keinen Kopf“, beruhigt er sie, „Wir kriegen einen Deal bei Universal.“ Und so kommt es, dass das Kleinstadtmädchen Katharina nun über das größte der vier deutschen Majorlabels ihr Debüt veröffentlicht.

Thematisch unterscheiden sich Kitty Kats Songs nicht von denen ihrer männlichen Kollegen. Sie handeln von Sex, Partys und dem Durchboxen im Alltag – aus der Sicht einer Frau. Außerdem kokettiert sie gekonnt mit dem im Hip Hop typischen Superlativ: Ich bin die Beste, die Geilste, die Coolste, der Rest ist scheiße. Abgehoben wirkt die 27-Jährige allerdings nie. „Ich wohne immer noch in der kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg, die ich gemietet habe, als ich nach Berlin zurückkam. Ich brauche keine Villa, um glücklich zu sein. Ich hoffe nur, dass ich nie wieder in einer Bank am Schalter sitzen muss.“

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