Freies Museum Berlin

An der Potsdamer Straße entsteht ein Kunsthaus

Berlin ist manchmal wie eine Wunderkugel, die man schüttelt: Auch zwanzig Jahre nach der Wende gibt es seltsame, wie aus der Zeit entschwundene Orte zu entdecken, von denen wir annahmen, sie existierten längst nicht mehr. Es gibt sie noch. Wie an der Potsdamer Straße 91, gleich gegenüber vom Wintergarten.

Foto: Christian Hahn

Von vorne sieht das Haus Nr. 91 schäbig aus wie fast alle auf dieser Höhe, wo Bestattung-Hoffmann, ein Tattoostudio und ein Indienladen in enger Nachbarschaft leben. Im kiez-charmanten Hinterhof der alten Fabrik aus dem 19. Jahrhundert herrscht ein unerwartet mediterranes Flair mit den Blümchen auf den Dächern. Wein und Knöterich ranken an alten Fensterrahmen entlang. Auf 1300 Quadratmetern – vier Etagen samt einem ausbaufähigen Dachboden und eine Remise – sind hier Ausstellungshallen, Ateliers und Räume für Kunst-Archive entstanden. Der Titel für das neue Kunst-Etablissement ist mutig: „Freies Museum Berlin“ nennt die „Chefin“ Marianne Wagner-Simon (35) ihr Projekt, das derzeit eher als ein „work in progress“ zu beschreiben ist. Fertig ist hier wenig, aber das gehört irgendwie zum Programm.

Künstler kuratieren selbst

Entwicklung, Netzwerk, Kreativität heißt das Alltagsvokabular. Es geht nicht um konventionelle Museumsarbeit, sondern darum, dass es freie Ausstellungen ohne feste Kuratoren geben wird. Künstler stellen sich quasi selbst aus, frei von den Verpflichtungen, die Institutionen bedeuten. „Ein Museum kann nur ausstellen, was in gewisser Weise schon fertig ist. Galerien folgen kommerziellen Aspekten. Wir aber können ganz frische Produktionen zeigen. Das ist jene Kunst, der oft die Förderung fehlt“, so Wagner-Simon, die seit Jahren als Kuratorin arbeitet.

Der Eintritt ist frei im Freien Museum. Finanziert wird der Standort durch kunstliebende Sponsoren und vor allem durch den jungen Verein „Lawyers for the Arts“, der – nach amerikanischem Vorbild – Rechtsberatung für junge Künstler anbietet, speziell aber ein Netzwerk knüpfen möchte zwischen Galeristen, Künstlern und Kanzlei. Cleveres Geschäftsmodel, schließlich ist der Nachwuchs von heute die Kundschaft von morgen.

Derzeit werkeln in den Ateliers im dritten Stock sechs französische Künstler, in der ersten und zweiten Etage hängen die explosiven, monumentalen Farbtafeln des Berliner Künstlers ter Hell, die bis zu sechs Meter groß sind. Schon wuselt der polnische Maler Jacek Sztuka durchs Gebäude, das er einer jungen Schauspielerin aus Paris zeigen will. „Kommen Sie!“, winkt er uns zu und lädt uns in den verglasten Lastentransporter. „Wenn er an den Geschossen vorbeifährt, ist das so, als bespielen wir hier drinnen eine Bühne. Und draußen sitzen die Besucher und gucken.“ Er holt seine Mundharmonika aus der Hosentasche und spielt, bis wir auf dem Dachboden angekommen sind. Er zeigt auf die drei schmalen Fenster in Form von Kreuzen, die aussehen wie in einer Kapelle; etwas unheimlich ist das schon hier oben zwischen all dem Gerümpel.

Der ideale Spielort für eine Performance mit Malerei und Maskenspiel, findet Jacek. Er würde dafür gerne Bilder malen – aus kolorierter Sahne. Anis, die Schauspielerin aus Paris, könnte dann die „Bilder“ aufessen. Ein polnisch-französisches Stillleben auf einem Berliner Dachboden. Das ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber die zumindest Idee ist originell. In der Potsdamer Straße ist vieles möglich. Über die Qualität der Kunst werden andere urteilen.

Offiziell soll das Freie Museum mit dem Start des Art Forum am 24. September eröffnet werden. Dann reist die Kunst-Elite an. „Erased Walls“ heißt die Eröffnungsschau, die 20 Künstler aus Osteuropa versammeln wird. Eine Kooperation mit den relativ unentdeckten Biennalen von Prag, Bukarest, Bratislava und Poznan. Neben der Galerie Walden, die ins Kellergeschoss einziehen wird, lässt auch Eva Bracke dieser Tage ihre neuen Galerieräume im Seitenflügel einrichten. Drei Jahre hatte sie ihr Domizil in der Torstraße in Mitte. Abgesehen davon, dass die Mieten anzogen, ging ihr dort wohl die Laufkundschaft auf die Nerven, die nicht wirklich etwas mit Kunst am Hut hatte.

Der Kiez ist authentisch

Aber ist der alte Westen in der Potsdamer Straße, die mit Leerstand und Sexshops nicht gerade schmeichelt, wirklich eine Alternative? „Warum nicht?“, sagt Eva Bracke. „Hier gibt es eine Infrastruktur, der Kiez ist authentisch mit seiner Geschichte, gerade im Blick auf die Zwanziger Jahre.“ Und Kunst sucht bekanntlich die Reibung mit der Wirklichkeit. Mitte, so findet sie, sei zwar ein lebendiger Stadtteil, aber eine Struktur hätte sich in dem Bezirk nicht gebildet. „Hier ist alles viel geerdeter als in Mitte“, so die Galeristin, „und der Hof ist ein Perle!“ Hoffen wir, dass die Perle für die Kunst glänzt.

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