Pop

Arcade Fire rufen wie Meat Loaf zur Messe

Die kanadische Band Arcade Fire hat mit ihrem Debüt 2004 die Freunde des Independent-Rock entzückt. Jetzt kommt ihr neues Album "Neon Bible" heraus. Aber Pop, der von Kirchenmusik inspiriert ist, muss die Gemeinde mitreißen, nicht einschläfern.

Foto: Anton Corbijn / cityslang / Anton Corbijn / Cityslang

Die Band hat es gern weihevoll und schwermütig. Nachdem das kanadische Quintett Arcade Fire 2004 mit den hymnischen Songs seines Debüts „Funeral“ (zu Deutsch: Begräbnis) weltweit die Herzen der Independent-Rockhörer rührte, kauften sich die beiden Bandvorsteher, das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne, vom frisch verdienten Geld erst mal eine alte Kirche und nahmen darin ihr neues Album auf. Der Klang der Orgel soll die beiden ehemaligen Studenten der Religionswissenschaft ungemein fasziniert haben. Der in jeder Hinsicht angemessene Titel des Werks: „Neon Bible“.

War „Funeral“ bereits von einem unbedingten Willen zum Bombast geprägt, tragen sie nun erst richtig dick auf. Gitarrenwände, Streichorchester, Piano und darüber der stets herrlich gequälte Gesang von Win Butler. Seine Stimme klingt mittlerweile so wie die eines dramatisch veranlagten Chorknabens, den man in zu kleinen Schuhen auf Wanderschaft schickt. Oder anders ausgedrückt: Sein Gesang erinnert neuerdings an Meat Loaf.

Meat Loaf für Indie-Freunde

Wie es sich für Songs, die unter dem Titel „Neon Bible“ zusammengefasst sind, gehört, stehen sie fest in der Tradition der Erweckungsmusik. Schon mit dem ersten Song „Black Mirror“ versucht Butler die Hörerschaft aus dem Schlaf zu rütteln und fragt in Anlehnung an das Märchen von „Schneewittchen“: „Spieglein, Spieglein an der Wand, sag mir, die Bomben fallen auf welches Land?“

Auch die anderen Stücke sind nicht positiver gestimmt. Mal geht es um den näheren Zusammenhang zwischen Teufel und Fernsehen („Antichrist Television Blues“) und das Leid der Dritten Welt („Black Wave“), mal über Autos, die man unbedingt fahren lassen sollte („Keep The Car Running“), und Autos, die dann dennoch auf halbem Weg stehen bleiben („No Cars Go“).

Trotz dieser zumindest inhaltlich ungemein stimmigen Komposition, fehlt „Neon Bible“ leider die faszinierende Unmittelbarkeit des Erstlings. Die Platte wirkt beizeiten beklagenswert zerfasert, unkonzentriert und auch bemüht. Erst nach mehrmaligem Hören erschließt sich der Reiz mancher Titel, was zumindest bei von Kirchenmusik inspiriertem Pop von erheblichem Nachteil ist. Der muss die Gemeinde mitreißen und nachwirken. Nicht kaltlassen und einschläfern.

Andererseits: Lässt man die hohen Maßstäbe von „Funeral“ außer Acht und überspringt bewusst das eine oder andere Lied, ist auch „Neon Bible“ ganz flott.

Arcade Fire: Neon Bible (City Slang)