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„Unsere Zuschauer sind nicht dumm"

| Lesedauer: 5 Minuten
Dennis Kremer

Foto: RTL_II

Jürgen Ohls, Chefredakteur von RTL-2–News erzählt, warum die neue Frisur von Britney Spears und die neue Single von Linkin Park wichtig sind, warum er es aber nicht für nötig hält, "jeden politischen Hustenreiz zu kommentieren".

Sein Publikum ist jung, mag keinen erhobenen Zeigefinger und interessiert sich für den Haarschnitt von Britney Spears: Morgenpost Online sprach mit Jürgen Ohls, Chefredakteur von RTL 2 und Macher der RTL-2-News, über „Hintern hoch“-Geschichten, eine Interview-Anfrage an Angela Merkel und die Konkurrenz von der Tagesschau.


Morgenpost Online ONLINE: Herr Ohls, die RTL-2-News haben den Ruf, hauptsächlich über Boulevard-Themen zu berichten. Haben Sie schon mal eine Sendung mit einer Meldung über Britney Spears begonnen?

Jürgen Ohls: Nein, und das könnte ich mir auch nur für den Fall vorstellen, dass Britney Spears etwas wirklich Schlimmes zustößt – was ich ihr natürlich nicht wünsche. All diese Vorurteile gegen unsere Sendung kann ich mittlerweile nicht mehr hören. Natürlich machen wir auch Boulevard. Das heißt aber nicht, dass unsere Zuschauer dumm sind. Es sind einfach nur Leute mit anderem Informationsinteresse.

Morgenpost Online: Sie haben ein sehr junges Publikum, erreichen Marktanteile von bis zu 15 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen. Wie sieht deren anderes Informationsinteresse aus?

Ohls: Die RTL-2-News sind vor allem stark bei Leuten, die von sich selbst sagen, dass sie sich eigentlich wenig für Nachrichten interessieren. Das ist journalistisch eine große Chance, aber auch eine Herausforderung. Denn unser Publikum möchte nun mal nicht mit erhobenem Zeigefinger die Welt erklärt bekommen. Alles, was für unsere Zuschauer Relevanz hat, hat auch für uns Relevanz. Das heißt: Wenn der neue Haarschnitt von Britney Spears bei jungen Leuten ein Thema ist, ist er das auch bei uns.

Morgenpost Online: Kommen Politik und Wirtschaft dabei nicht zu kurz?

Ohls: Besser 40 Sekunden Merkel als gar keine Merkel. Außerdem ist es aus meiner Sicht wirklich nicht nötig, jeden politischen Hustenreiz zu kommentieren. Im Übrigen hätten wir schon ganz gerne mal ein Interview mit der Kanzlerin: Seit über einem Jahr liegt die RTL 2-Anfrage dem Kanzleramt vor – bislang ohne positive Antwort. Und da Sie das Thema Wirtschaft ansprechen: Mode, Lifestyle, Technik – das ist unsere Form von Wirtschaftsberichterstattung.

Morgenpost Online: Zu Politik und Wirtschaft gehört auch das Thema Arbeitslosigkeit. Wie relevant ist das für Ihre Redaktion?

Ohls: Arbeitslosigkeit ist für uns ein wichtiges Thema. Aber wir wollen den Zuschauer nicht ständig mit furchtbaren Schicksalen konfrontieren, sondern zeigen lieber, wie man mit Eigeninitiative die Arbeitslosigkeit überwinden kann – „Hintern hoch“-Geschichten nenne ich das. Wir haben übrigens etwas sehr Interessantes festgestellt: Wenn wir über Jugendarbeitslosigkeit in der Bronx berichten, steigt die Quote. Geht es dagegen um arbeitslose Jugendliche in Deutschland, schalten viele weg.

Morgenpost Online: Fester Bestandteil Ihrer Sendung sind Musik- und Film-Tipps. Ist es wirklich nötig, dass Sänger und Schauspieler ihre neuen Alben oder Filme dort anpreisen?

Ohls: Das hat mit Anpreisen nichts zu tun. Wenn Linkin Park eine neue Single herausbringt, kann man das nicht ignorieren. Für unsere Zuschauer ist das eine Nachricht, die wollen darüber informiert werden. Wir haben eben einen anderen Kulturbegriff als zum Beispiel die Öffentlich-Rechtlichen. Und wenn die über die x-te Ausstellungseröffnung berichten, frage ich mich immer: Wer geht da eigentlich hin? Für mich ist sicher: Das neue Album der Backstreet Boys interessiert garantiert mehr Leute.

Morgenpost Online: Die RTL-2-News treten als einzige Nachrichtensendung direkt gegen die Tagesschau an. Was könnten sich die ARD-Kollegen bei Ihnen abschauen?

Ohls: Zunächst einmal: Die Tagesschau ist eine Nachrichteninstitution, mit der wollen und können wir uns gar nicht messen. RTL 2 hat weder dieselbe Zielgruppe noch so viel Kohle wie die ARD. Wenn ich allein an deren Korrespondenten-Netz denke – das würde ich mit Kusshand nehmen. Aber: Die Tagesschau wird in naher Zukunft ein Generationenproblem bekommen, wenn man sich nicht bald an die notwendigen Modernisierungen macht. Zum Beispiel sollte die ARD darüber nachdenken, ihre Sprecher durch Moderatoren zu ersetzen. Und auch bei der Themenauswahl müsste sie sich mehr an den Wünschen der Zuschauer orientieren.

Morgenpost Online: Was haben Sie mit den RTL-2-News für die Zukunft vor?

Ohls: Bei unseren Zuschauerzahlen können wir locker noch um ein Drittel zulegen. Zurzeit schauen im Durchschnitt eine Million Menschen die News, mein persönliches Ziel sind 1,5 Millionen Zuschauer. Auch wird sich das Layout verändern: Ab Oktober wird es bei uns keinen Moderatorentisch mehr geben, und wir werden mehr graphische Elemente wie beispielsweise Landkarten einbauen. Außerdem möchte ich noch mehr ältere Zuschauer für unseren Sender gewinnen – das gelingt uns bereits ganz gut mit dem „Nachrichtenjournal“, das jeden Sonntag nach null Uhr läuft und gerade bei den Älteren sehr gute Quoten hat.


Morgenpost Online ONLINE: Schlechte Quoten hat bei Ihnen vermutlich der Wetterbericht. Oder warum ist er so kurz?


Ohls: Ja, das stimmt, wegen des mangelnden Interesses haben wir sogar die Drei-Tage-Vorschau abgeschafft. Wenn unsere Zuschauer wissen wollen, wie das Wetter ist, schauen sie wohl einfach aus dem Fenster.