"Kleine Wunder in Athen"

Griechenlands Misere hat das Zeug zur Komödie

| Lesedauer: 4 Minuten
Berthold Seewald

Nichtstun, Fußball, Nationalismus – mehr ist nicht los an Stavros' Kiosk. Bis der Albaner Marenglen auftaucht.

„Kleine Wunder in Athen“ ist nur der deutsche Titel des Films von Filippos Tsitos, der im Original „Akadimia Platonos“ heißt. Das Adjektiv „klein“ bezieht sich nicht auf – was zutreffend wäre – die Größe seines Budgets, sondern auf den Titel des Films „Kleine Verbrechen“ von Christos Georgiou, der im vergangenen Jahr als romantische Kriminalkomödie durch Festivals und Sommerloch gereicht wurde. Dabei dürfte es beide Filme eigentlich gar nicht geben, kommen sie doch aus Griechenland, von dessen Filmbranche wir jenseits von Theodoros Angelopoulos (der international produziert wird) wir erstens noch nie etwas gehört haben und das zweitens pleite ist.

Soweit zunächst die kleinen Verwirrungen von Marketing und Klischee am Rande. „Kleine Wunder in Athen“ soll, nun ja, auch eine Komödie sein. Ihr Inhalt lässt sich deutlich schneller erzählen als das Tempo ertragen, in dem die Geschichte in 120 Minuten dahinplätschert: Stavros betreibt an einem kleinen Platz im Athener Stadtteil Akidimias Platanos einen Kiosk. Seine besten (und einzigen) Kunden sind er selbst und seine drei Kumpels von Gegenüber, die einem ähnlichen Geschäftsmodell folgen. Dann gibt es da noch einen Hund namens „Patriot“ und Stavros’ Mutter, von der nach einem Schlaganfall nicht ganz klar ist, wer sein Leben in einer Art Dämmerzustand verbringt, sie oder ihr Sohn. Die ungelenken Avancen, mit der dieser seine Ex-Frau verfolgt, lassen den Zuschauer manchmal auf Stavros tippen.

Marenglen = Marx, Engels, Lenin

Plötzlich taucht ein albanischer Arbeiter mit dem schönen Namen Marenglen auf, was eine Zusammenballung von „Marx, Engels, Lenin“ ist. Mit der gleichen Hingabe, mit der Stavros und seine Kumpels ihn als feindlichen Untermenschen verfolgen, widmet sich Stavros’ Mutter dem Fremden. Denn sie erkennt in ihm den verlorenen Sohn, den sie einst bei der Flucht aus Albanien zurücklassen musste. Stavros wäre daher eigentlich auch Albaner, was nicht nur „Patriot“ zum Knurren bringt. Zu allem Ungemach bringen chinesische Geschäftsleute Schwung in das Viertel, dessen Behörden ein Denkmal der Völkerfreundschaft auf dem Platz errichten wollen. Trotz aller Versuche, dies mit Spitzhacke und Fußbällen zu sabotieren, wird es am Ende vollendet, und die Männer haben weniger Blut denn Alkohol vergossen. Das nennt man wohl brachialen Symbolismus.

Auch wenn Antonis Kafetzopoulos für seine Darstellung des kaurismäki-haften Stavros in Locarno mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnet wurde, fällt es schwer, „Kleine Wunder“ als internationalen Durchbruch für die griechische Filmindustrie zu sehen. Zu zäh ist die Handlung, zu witzfrei sind viele Dialoge und zu angestrengt ist der moralische Zeigefinger, als dass der sarkastische Grundton ihn unterhaltsam brechen könnte. Doch das könnte mit sich fortschleppender Handlung vielleicht als eine Stärke des Films erweisen. Denn im Grunde kann er auch als Dokumentation gesehen werden, eines Landes, das in den vergangenen Monaten zum Synonym für die Malaise Europas geworden ist.

Spiel mit nationalistischen Klischees

Da sind zum einen die Chinesen, die mit atemberaubender Geschwindigkeit eine Manufaktur zur Herstellung italienischer Designerwaren aus dem Boden stampfen und weiter expandieren wollen. Da werden griechische Männer porträtiert, die verständlich machen, warum die hellenische Geburtenrate mittlerweile mitteleuropäische Größenordnungen erreicht hat. Und da gibt es ein permanentes Spiel mit nationalistischen Klischees und Erinnerungen, die mittlerweile auch ein Erbteil von EU-Europa sind, hierzulande aber geflissentlich übersehen werden.

Ja, die beißende Kritik, mit der Regisseur Filippos Tsitos das ökonomische Treiben im Viertel Akadimias Platonos, was wörtlich Platons Akademie heißt, überzieht, macht seinen Film im Grunde zum aktuellen Dokumentarspiel. Das Einzige, was im Kiosk von Stavros weggeht, sind Bier und Zigaretten – aber auch nur, weil der Patron sie konsumiert oder als Geschenk für seine Ex-Gattin braucht. Was diese Welt noch zusammenhält, ist die Gewissheit ihrer Akteure, etwas Besseres zu sein als innovative Chinesen oder arbeitsame Albaner, wenigstens im Fußball. Griechenlands frühzeitiges WM-Aus darf daher als weitere sarkastische Wendung gedeutet werden.

Aber „Kleine Wunder“ ist ja kein Dokumentarfilm, sondern eine Komödie. Und die braucht bekanntlich ein gutes Ende. Beim Eurovision-Song-Kontest in Oslo bekam Griechenland aus Albanien zwölf Punkte – und vergab zehn an den ungeliebten Nachbarn. Immerhin.