Mittelalter

Echte Ritter treten niemals nach

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Hendrik Werner

Kavaliere in Konservendosen: Die polnische Soziologin Maria Ossowska hat ein kluges Buch über das Mittelalter geschrieben. Heutige Hedge-Fonds-Manager können sich viel von den höfischen Verhaltensweisen abschauen. Man muss die Ehre hochhalten.

Historische Spektakel finden in Deutschland zuverlässig ihr Publikum. Besonders enthusiastisch ist der Zuspruch überraschenderweise dann, wenn es um eine Epoche geht, die im kollektiven Gedächtnis notorisch als diffus und finster verbucht wird: das Mittelalter.

Kaum eine Stadt hierzulande, deren Bewohner auf Brauchtumspflege halten, kommt mehr ohne Mittelaltermarkt mit bodenständigen Handwerkern und rustikalen Speisen aus. Kaum eine Burg zwischen Eltz und Hornberg stellt sich mehr ohne entsprechend in Harnisch geratenes Personal zur Schau. Dazu kommt eine veritable Renaissance des Rittertums: Festspiele und Turniere wie jene im bayerischen Kaltenberg und im badischen Horb am Neckar locken Massen von Schau- sowie Mitmachlustigen.

Josef Ackermann lässt Rittertugenden vermissen

All diese Mummenschanz-Veranstaltungen sind freilich gar nichts gegen die alljährlich im Juli detailfreudig inszenierte Schlacht nahe dem polnischen Grunwald, ehemals Tannenberg. Abertausende aus ganz Europa anreisende Akteure, darunter mindestens 1500 Kämpfer, stellen inmitten der masurischen Seenplatte jene Schlacht nach, die der unaufhaltsam gewähnten Expansionspolitik des Deutschen Ordens im Jahr 1410 einen nachhaltigen Dämpfer versetzte.

Was der Zulauf zu solchen Veranstaltungen zumindest auf deutscher Seite ausdrückt, ist nicht so sehr das allgemeine Faible für den als ehrlich empfundenen Kampf Mann gegen Mann. Vielmehr scheint es in Deutschland derzeit eine gewisse Sehnsucht nach verlässlichen Reglements, nach Ehrenkodizes, zu geben, die den historischen Spielvorlagen zugrunde zu liegen scheinen.

Auf der Suche nach dem verlorenen Rittertugendkanon stellt vor allem das Hochmittelalter (1150-1250) einen geeigneten Fundus dar, wartete es doch mit Wertvorstellungen auf, mit verbindlichen höfischen Idealen, die ritterliche Fairness formulierten. Eigenschaften, von denen sich heutige Vertreter des Geldadels wie der Orgienfinanzier Peter Hartz, der unverantwortliche Pleitier Jürgen Schneider, der zynische Victory-Fingerer Josef Ackermann wohl nie einen Begriff gemacht haben. Fast scheint es, als hätten sie keine Ehre im Leib gehabt, weil sie keine anderen Spielregeln kannten als die eigenen.

Echte "Kavaliere" findet man überall

Dabei zeigt schon eine flüchtige Lektüre der im 12. und 13. Jahrhundert von Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg verfassten Ritterepen, dass die Integrität und Akzeptanz von Führungskräften in dem Maße steigen kann, wie sie sich einem menschlichen Maß namens Moral verpflichten. Zu den entsprechenden Normen gehörten: mâze (maßvolles Leben), zuht (Anstand), êre (Würde), triuwe (Treue), hôher muot (seelische Hochstimmung, nicht zu verwechseln mit Hochmut:), diemüete (Demut), milte (Freigiebigkeit), staete (Beständigkeit), güete (Freundlichkeit) und manheit (Tapferkeit).

Nicht von ungefähr wiederholen sich diese Kardinaltugenden auch bei Adolph Freiherr Knigge („Über den Umgang mit Menschen“) und bei seinem äthiopischen Bruder im Geiste Asfa Wossen-Asserate („Manieren“). Auch diesen geht es um eine Wiederentdeckung philanthropischer Eigenschaften, die Gemeinsinn jenseits von Hybris und Egoismus zuarbeiten sollen.

Die Soziologin und Moralphilosophin Maria Osswowska (1898-1974), deren 1973 publizierte Studie „Das ritterliche Ethos und seine Spielarten“ der Suhrkamp Verlag soeben in seiner „Polnischen Bibliothek“ in deutscher Sprache erstveröffentlicht hat, spürt den Voraussetzungen und Ausprägungen ritterlicher Gesinnung in allen Epochen und Gesellschaftsformen nach – vom spartanischen Krieger über den mittelamerikanischen Höfling bis zu den amerikanischen Honoratioren der Gegenwart.

Nur mit Geld ist der Ritter souverän

Ossowska versteht unter einer ritterlichen Haltung „das Ethos der herrschenden Klasse, die, frei von wirtschaftlichen Sorgen, alle Beschäftigung außer dem Kriegführen verachtet und ihre Zeit mit Sport, Jagd und Banketten verbringt“.

Zu den modernen Nachfahren des Ritters zählt ihr zufolge besonders der englische Gentleman, dem sie die Eigenschaften Freundlichkeit, Männlichkeit und Sanftheit zuordnet. Geld dagegen sei, „wie erwähnt, ein natürliches Produkt der persönlichen Qualifikationen des Gentlemans“.

Dieser Aspekt sei deshalb wichtig, weil die Geschichte wiederholt gezeigt habe, dass nur der Mann souverän, integer und karitativ zugleich sein könne, den keine materiellen Sorgen drücken. Für die Richtigkeit dieser Annahme stehen von der Queen zum Ritter geschlagene Männer wie Sir Peter Ustinov, Sir Elton John und Sir Paul McCartney, denen allererst ihre Wohlsituiertheit ehrenamtliches Engagement ermöglicht hat.

Kein Kodex in der Globalisierung

Was den ritterlichen Zeitgenossen zudem ausmacht, ist Ossowska zufolge die Abwesenheit von hoffärtigem (eitlem) und heimtückischem Wesenszügen, vor allem aber sein rigoroser Hang zur Fairness: Ritter treten nie nach; das verbietet ihnen die eigene Würde wie auch jene des Gegners. Auch verspotten sie niemanden, der sich ergibt, erläutert die große Dame der polnischen Geisteswissenschaften mit belegfreudigem Blick vor allem auf die homerischen Helden, aber auch hinsichtlich der an hehren Ereks und ehrenvollen Lancelots reichen Literatur des Mittelalters.

Ossowskas Parforceritt durch die Ethos-Geschichte des Rittertums zeigt eindrucksvoll, dass mit Fairness und Milde gepaarte Höflichkeit, die wohl wichtigste höfische Tugend, gerade in agonal strukturierten Gesellschaften besonders gut gedeihen konnte. Sie macht dabei keinen Unterschied, ob die kriegerische Gewaltförmigkeit politisch oder ökonomisch motiviert ist, ob sie sich als außenpolitische Aggression oder als Heuschrecken-Hunger artikuliert.

Diese Offenheit macht ihre Analyse, deren Nutzwert sich mit dem von Johan Huizingas kulturhistorischem Moralphilosophie-Traktat „Homo ludens“ (1938) messen kann, für die Gegenwart so fruchtbar. Unter der Hand liefert die Soziologin einen idealtypischen Verhaltenskodex, der sich freilich unter Globalisierungsbedingungen noch bewähren muss: ein altruistisches Ehrverständnis, das sich mit triumphalen Victory-Gesten zurückhält und stattdessen etwas Demut erkennen lässt.

Maria Ossowska: Das ritterliche Ethos und seine Spielarten. (Hrsg. v. Dieter Bingen, a. d. Poln. v. Friedrich Griese). Suhrkamp, Frankfurt/M. 221 S., 24,80 Euro.