"60 Jahre, 60 Werke"

So begleitete die Kunst die Bundesrepublik

Zwischen Tiger und Filzflügel: "60 Jahre. 60 Werke" heißt die große Ausstellung mit Kunst aus der Bundesrepublik, die am Freitag in Berlin eröffnet wird. Jedes Jahr seit 1949 wird durch ein Bild vertreten. Warum die Schau im Martin-Gropius-Bau angreifbar ist, schreibt Christoph Stölzl.

Ob wir es wollen oder nicht, ob wir es wahrgenommen haben oder nicht: Unsere Bundesrepublik ist zur Epoche geworden. 15 Jahre länger dauert sie nun schon als die Ära des Kaisers Augustus, das wilhelminische Zeitalter oder die schier endlose Regierungszeit Friedrichs des Großen, sechs Mal so lang wie das Empire Napoleons, von der kurzlebigen Weimarer Republik ganz zu schweigen.

Das macht: Die Bundesrepublik hat (fast) alles richtig gemacht, sie hat auf die gewalttätige Jahrhunderthälfte bis 1945 geantwortet mit einem bewussten Kurs des Friedens, international und im Inneren. Nun darf gefeiert werden. Den Sozialstaat und die soziale Marktwirtschaft, jene Glücksformel, die sich die weisen Schöpfer 1949 ausdachten, wird man allüberall preisen, gerade jetzt, wo er seine vielleicht schwerste Bewährungsprobe bestehen muss.

Den Verfassungsstaat zu feiern, hat man sich etwas Originelles ausgedacht. Denn wie übersetzt man die abstrakten Freiheitsformeln in Bilder? Indem man die Bilder sprechen lässt und die Selbstentfaltung des Individuums dort aufsucht, wo sie am augenfälligsten ist: in der Kunst.

Im Martin-Gropius-Bau findet vom 1. Mai bis zum 14. Juni 2009 deshalb die Ausstellung "Sechzig Jahre. Sechzig Werke" statt. Der Verfassungsminister Schäuble rühmt im Katalog zu der Schau "den gelungenen Versuch, bundesdeutsche Kunst- und Zeitgeschichte miteinander zu verbinden", und erinnert daran, dass die Verfassungsschöpfer in ihrem Grundrechtekatalog als wesentliches Recht die Freiheit der Kunst festgeschrieben haben.

Sie haben dabei wahrlich prophetische Gaben bewiesen, obwohl in der drangvollen Nachkriegszeit andere Sorgen im Vordergrund standen. Die Bundesrepublik ist die am dichtesten besiedelte Kunstlandschaft der Welt!

60 Jahre, 60 Werke. Ausgewählt von Kuratoren, die die Kunst der Bundesrepublik selbst über Jahrzehnte begleitet haben, ist ein begehbares Panorama entstanden, das viele wohlbekannte Werke, aber auch Überraschungen bereithält.

Die Ausstellung ist ein ungewöhnliches Unternehmen, weil die Initiative dazu nicht von einem Museum oder einem Ausstellungsinstitut ausgegangen ist, sondern von der "Bild". Das Boulevardblatt ist ja in seiner langen Geschichte nicht nur kulturkritisch beäugt worden, sondern hat wegen innovativer Text-Bild-Collagen auch viele Fans unter Kulturleuten gefunden.

Die Zeitung hat nun den Sponsor RWE mit den Ausstellungsmachern, der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, zusammengebracht. Das Ziel ist es, beim Millionenpublikum eine breite Wahrnehmung für die deutsche Kunst zu erreichen.

Die Idee, aus jedem Jahr ein einziges Kunstwerk zu wählen, ist ebenso überzeugend wie fragwürdig. Sie erinnert an die Methoden der prähistorischen Wissenschaft, wo die Forscher oft von einem einzigen Grabungsfund auf die Kultur einer ganzen Epoche schließen müssen.

Vor langer Zeit hat Werner Hofmann, der legendäre Direktor der Hamburger Kunsthalle während der 70er- und 80er-Jahre, dieses Prinzip schon einmal auf das ganze 20. Jahrhundert angewendet. Es kann kein Zufall sein, dass diese Hamburger Ausstellung in den Köpfen von Museumsleuten zum Kult geworden ist.

Die subjektive Zuspitzung macht den Reiz aus

Denn gerade die hoffnungslos subjektive Zuspitzung macht den Reiz aus. Sie ist "angreifbar" und hat damit genau das, was auch die zeitgenössische Kunst auszeichnet: das Unabgeschlossene, Versuchsweise, den Verzicht auf "Ausgewogenheit". Im Aufbau haben sich die Ausstellungsmacher an die Jahrzehnte gehalten.

Wir sind es inzwischen gewöhnt, die Geschichte unseres Landes in Dekaden zu erinnern, auch wenn die politischen Weichenstellungen nicht immer genau mit diesen zusammenfallen. "Fifties" und "Sixties" empfinden wir als fest umrissene Kulturbiotope. Von den 70er-Jahren an wird es etwas unübersichtlicher. Erst mit dem Schicksalsjahr 1989/90 werden die Jahrzehnte wieder ordentlich eingesäumt.

Die 60 Werke sind eingebettet in chronologisch geordnete Dokumente der politischen und sozialen Geschichte. Das ist gut so, denn wer sich von den Kunstwerken eine Eins-zu-eins-Spiegelung der Epoche erwartet, der würde bitter enttäuscht. Sicherlich fände ein scharfsinniger Interpret in der deutschen Kunst auch ein spezifisch deutsches Echo auf die Katastrophen und Brüche in der ersten, und die revolutionären Modernisierungsschübe in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

"60 aus 60" ein charmantes Kaleidoskop

Aber Epochen haben es an sich, dass ihre Kunstgeschichte autonome Wege und "Jahresringe" erzeugt. Es ist das Wesen einer Kunst unbeschränkter ästhetischer Freiheit, dass sie in der Regel nicht Lust hat, zur Magd der einen oder anderen Politik zu werden. So ist "60 aus 60" ein charmantes Kaleidoskop geworden.

Wenn man die zeitgeschichtlichen Fotos, aufgeladen mit gelebter Realität in der Nachbarschaft abstrakter, unkörperlicher Farbexperimente sieht, dann wird gerade dadurch etwas sichtbar von unserer Moderne, die nach dem Gesetz der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" lebt.

Was sehen wir? Die 50er-Jahre mit ihrer Trauer über zerstörte Städte, zerstörtes Leben, die nachdenkliche, melancholische Figuration bei den Berlinern Karl Hofer und Werner Heldt.

Die abstrakte Kunst als versöhnliche Weltsprache

Daneben der optimistische, bewusst internationale Aufbruch der jungen Ungegenständlichen. Die abstrakte Kunst als die einzig legitime, versöhnliche Weltsprache, das war das Rezept der Documenta von 1959. Wir sehen die hohe Qualität der deutschen Abstrakten, Willi Baumeister, K. O. Götz, E. W. Nay - und dann sogleich das Aufbegehren der jungen wilden Maler gegen allzu viel Geschmack bei den Gruppen Spur und Cobra.

Die 6oer: Merkwürdig die Nachbarschaft von Mauerbau und Norbert Krickes ungegenständlichen Plastiken, die zerrissenes Metall wie nach Detonationen zeigen. Kennedy in Berlin und die ersten Nagelbilder Günter Ueckers. Mit Gerhard Richter kommt die Wiederkehr des figürlichen Bildes, und es erscheint das Geschichtszitat; Motive aus der NS-Zeit und aus dem Krieg verstörten die damaligen Betrachter.

Das taten auch Baselitz' Skandalbilder mit sexuellen Motiven. Mit Sigmar Polke kommt das erste Echo der machtvollen Pop-Art aus den USA.

Die 70er: Willy Brandt kniet, und Horst Antes erobert mit seinen Kopffüßlern den Kunstmarkt. Jörg Immendorf sucht die Nähe der studentischen Kulturrevolution und nimmt dann die nationalen Mythen in seinen Bildserien auf. Dazu das Foto von der Fußball-Weltmeisterschaft 1974!

Spuren der verbrannten Erde

Und immer wieder auch Einzelgänger, die sich nicht an diesen oder jenen Zeitgeist halten, wie Konrad Klapheck, der im Alleingang einen deutschen Nachkriegssurrealismus erfindet. Anselm Kiefer und die Spuren der verbrannten Erde im Jahrhundert der Katastrophen - und über allem Joseph Beuys, der erste deutsche bildende Künstler nach Dürer und Holbein, der zu Lebzeiten Weltruhm genießt.

Die 8oer: Ära Kohl und Fotomanie, alles in allem eine Zeit der Unentschiedenheit in der Kunst, so, als warte man auf etwas wirklich Neues. Das kam, aus unerwarteter Richtung, mit der deutschen Wiedervereinigung. Seitdem fließen die Wasser einer gänzlich anderen, durch Ideologie aufs Höchste geforderten Kunsttradition in den großen Strom der deutschen Kunst: Mattheuers figürliche Rätselbilder, Neo Rauchs Welterfolg mit Collagen aus dem Unbewussten des Kalten Krieges.

Wie immer, wenn man in die Nähe der Gegenwart kommt, wird das Stimmengewirr lauter und unübersichtlicher. Das letzte Foto im Katalog zeigt eine fassungslose Börsianerin vor dem abstürzenden Aktienkurs. Wie die Kunst mit der Krise umgeht, das ist heute noch in den Ateliers verborgen.

Auf Bild.de werden alle Bilder einzeln erläutert.