Konzert in der Waldbühne

Prince beschert Berlin eine phänomenale Nacht

Er kann es einfach: echte Musik machen und eine Show liefern, die Party, Feuerwerk und Gottesdienst zugleich ist. Prince war in der Waldbühne und bewies sich als großartigster Entertainer unserer Tage.

Diese Posen. Diese Blicke. Diese Atmosphäre zwischen schwülem Edelnachtklub und bewegender Abendandacht. Was der Mann macht, macht er richtig. Zumindest im Rampenlicht. Man mag Prince, diesem genialischen Liebesprediger, durchaus einige Schrulligkeiten und auch einen gewissen Größenwahn attestieren, doch was dieses von Blues und Funk getriebene Multitalent am Montagabend in der Waldbühne aufgefahren hat, ist von überwältigender Einzigartigkeit. Rund 17.000 Besucher haben sich in dem sommerwarmen Amphitheater versammelt, um einem Idol zu huldigen, einem Entertainer, der mit Songs von „Purple Rain“ bis „Kiss“ Popgeschichte geschrieben hat. Und einem Geschäftsmann, der sich und sein Werk konsequent selbst vermarktet.

Seine Botschaft ist eindeutig: „Let’s Go Crazy“ lautet das Motto dieses Abends in der Waldbühne, wo er zuletzt 1992 für Begeisterungsstürme gesorgt hat. Das war keineswegs von Anfang an klar. Bei Prince ist nie hundertprozentig sicher, was er spielen wird - und was er spielen will. Das kann schon mal in eine Jazzrock-Jamsession ausarten. Es kann vorkommen, dass er keine Lust hat, auch nur ein bekanntes Stück zu spielen. Manch einer erinnert sich vielleicht noch an das ICC-Konzert 2002, bei dem er zwei Stunden lang mit hochmusikalischen Verrenkungen überraschte. „N.E.W.S.“ hieß sein damaliges Album, das er nach Jahren als namenloses „Symbol“ schon wieder als Prince eingespielt hatte. Und das aus vier den Himmelsrichtungen gewidmeten Instrumentalstücken bestand.

Nichts von alledem hier. Er wirkt locker, gelöst, sieht viel zu jung aus für seine 52 Jahre und tanzt gelenkig wie ein Teenager. „Berlin, we are here! Where are you?” ruft er in die Runde. Er trägt ein blütenweißes Outfit, das mit dem Artwork der neuen Platte „20ten“ bedruckt ist – eine lebende Litfasssäule sozusagen. Prince scheint inzwischen eingesehen zu haben, dass das Publikum vor allem deshalb in seine Konzerte kommt, weil es seine Hits hören möchte, Musik, die im Ohr geblieben ist. Und davon gibt es reichlich. Das swingende „Delirious“ beispielsweise vom „1999“-Album - und den Titelsong des Albums gleich hinterher.

Seine sechs Musiker, darunter ein phänomenaler Mundharmonikaspieler, und die drei Chorsängerinnen sind ausgebuffte Cracks, die diese Prince-typischen Grooves und Breaks im Schlaf beherrschen. Bläser gibt es diesmal keine. Doch an des Funk-Prinzen Seite an den Percussions und als zusätzliche Einheizerin steht die frühe Weggefährtin und furiose Schlagzeugerin Sheila E. Immer wieder sucht Prince den Kontakt zum Publikum, stachelt zum mittanzen, mitklatschen, mitsingen an. Aber Bewegung kommt bei dieser Musik von ganz alleine, hier hält es keinen lange auf den Sitzbänken, egal ob Fans der frühen Jahre oder neugierige Prince-Novizen.

Die Waldbühne wird zum aufgeheizten Partykessel und Prince und seine Crew vermengen Funk, R’n’B, Soul und Rock zu einer quirligen Melange die vor allem eines will: in die Hüften gehen. Hier wird nicht einfach Song an Song gereiht, immer wieder werden mitten im Stück weitere Lieder zitiert, mal eigene, mal andere. Während „Little Red Corvette“ in geradezu balladenhafter Version erklingt, greift Prince später ganz tief in die Rock’n’Roll-Kiste und verbandelt Tommy James’ „Crimson And Clover“ mit „Wild Thing“ von den Troggs, um dann in einer rifflastigen Version von „Peach“, 1993 auf dem „Hits 2“-Singles-Album veröffentlicht, zu münden. Denn vor allem ist Prince eines: ein hochbegabter, facettenreicher, ideenstarker Gitarrist. Und er weiß das. „Hier seht ihr echte Menschen, die echte Musik spielen“, entfährt es ihm. Er freut sich mit frechem Grinsen über das, was da unter seinen Fingern aus seiner Gitarre schreit, mal bluesbedröhnt, mal schwermetallen, mal exzessiv – und mal, als stünde der leibhaftige Jimi Hendrix auf der Bühne.

Zwischendurch wird das Tempo etwas heruntergefahren. Bei „Nothing Compares To U“, als Gospel-Duett mit einer seiner Sängerinnen inszeniert, liegen sich Prince und sein Publikum sinnbildlich in den Armen. Es ist jener Song, der einst durch Sinead O’Connors echte Tränen veredelt wurde. Nun singt die ganze Waldbühne mit und schnippt auf Kommando mit den Fingern. Prince droht: „Wir spielen die ganze Nacht durch, wenn ihr so weitersingt.“ Es bleibt bei einer mehr als zweieinhalb Stunden währenden Mischung aus Highschool-Party, Funk-Feuerwerk und Gottesdienst. „My name is Prince and I’m you’re DJ tonight“ ruft er in die wogende Menge. „Controversy“ wird mit „Love Bizarre“ verbandelt, „Sexy Dancer“ geht wie aus einem Guss über in „Le Freak“, den Disco-Kracher von Chic. Auch Neues gibt es zu hören. „Hot Summer“ beispielsweise. Es ist ein leichter, nun ja, Sommer-Song, der es offenbar nicht aufs kommende Album geschafft hat. Dafür gibt es mit „Act Of God“ einen Vorgeschmack auf „20ten“, mit knackendem Elektrofunk und treibendem Groove unterlegt erklärt Prince die Schattenseiten der modernen Welt.

Eine überlange, schweißtreibende Version von „Housequake“, 1987 auf dem „Sign O’The Time“-Album erschienen, steht am vorläufigen Ende diese phänomenale Nacht mit einem der großartigsten Entertainer unserer Tage. Vorerst, denn Zugabe um Zugabe werden Prince und seine Band zurückgeklatscht, für „Kiss“ und natürlich für „Purple Rain“. Für alle. Zum Mitsingen. Der Applaus will kein Ende nehmen. Noch einmal kehrt Prince zurück, um mit „Dance 4 Me“ mit Macht die 70er-Jahre-Disco zu beschwören und sich endgültig zu verabschieden.