Rock

Neil Young huldigt dem rostigen Kühlergrill

"Chrome Dreams" hieß ein Album, das Neil Young vor 30 Jahren lieber nicht veröffentlichte. Es war für ihn wie ein zu starker Sohn. Nun ist „Chrome Dreams II" erschienen. Der Musiker ließ sich dafür von einem Autofriedhof inspirieren. Und verbrachte einige Zeit im Wald.

Foto: Warner Music Group

Die Neigung, Dinge durchzunummerieren, plagt die Menschheit nicht erst seit Produktserien und Software-Updates. Es hat auch etwas sehr Altertümliches und Wertbewusstes, wenn Neil Young sein jüngstes Album „Chrome Dreams II“ nennt. Musiker betrachten Platten gern als ihre Kinder. Um im Bild zu bleiben: „Chrome Dreams II“ wäre so etwas wie der hoffnungsvolle Erbe einer Dynastie.

Die offizielle Zählung aller Alben meldet Nummer 43. Für Verwirrung hatte der Kanadier zuletzt selbst gesorgt und eine Reihe von Archivaufnahmen mit der Seriennummer zwei eröffnet. Man kann nicht behaupten, dass Neil Young es seinem Publikum zu leicht macht.

Spezieller Sound des Youngschen Garagen-Studios

Wer das Œuvre überschaut, vor allem das geheime, weiß natürlich, was es mit dem Titel „Chrome Dreams“ auf sich hat. Vor 30 Jahren nahm Neil Young die Stücke „Pocahontas“, „Powderfinger“, „Like A Hurricane“ sowie acht weitere auf. Das Album blieb aus heute nicht mehr zu ermittelnden persönlichen Motiven unveröffentlicht.


Die Stücke fanden sich verteilt auf spätere Alben wieder. Ein Azetatschnitt tauchte auf, gefolgt von Bootlegs, deren Cover entweder Neil Young im Wald oder den chromglänzenden Kühler eines gelben Lasters zeigten. „Chrome Dreams I“ stellte eine Art Mythos dar.

Neil Young, kein Freund erhellender Auskünfte, hat sich nun „Uncut“, einer Londoner Musikzeitschrift, geöffnet. Er erzählt ausführlich vom Zementboden seiner Garage. Wegen seines Rückens habe er erst Gummimatten ausgelegt. Wegen des Sounds habe er den Belag wieder durchlöchert und mit Sägemehl bestäubt. Dann fanden sich Vertreter aus drei Band-Epochen bei ihm ein: Rock Rosa von den Bluenotes griff zum Bass, Ben Keith von den Stray Gators zur Gitarre und der Crazy-Horse-Schlagzeuger Ralph Molina zu den Schlägeln. Erst spielten sie alte Stücke vor sich hin, daraus erwuchsen neue. „Das erinnerte mich sehr an ‚Chrome Dreams‘“, klärt Neil Young die „Uncut“-Leser auf.

Spiralen in die Hirngefäße gesetzt

Vor allem aber war zur Zeit der Aufnahmen ein Freund über die Broken Arrow Ranch in Kalifornien spaziert und hatte auf dem Autofriedhof die dort sinnbildlich verrostenden Wracks fotografiert. Ein Foto ziert nun „Chrome Dreams II“: das Kühlerkreuz des 56er Lincoln Continental. „Die allerschönsten Autos im allerschlimmsten Zustand“, sagt Young. „Oh, mein Gott all diese Autos sehen aus wie ich!“

2003 hatte der Künstler sich an seinem Umwelt-Opus „Greendale“ derart abgearbeitet, dass er in den anschließenden 18 Monaten kein Instrument anrührte. Als der Arzt bei ihm ein Aneurysma im Gehirn feststellte, sprudelten in wenigen Tagen die zehn Songs zu „Prairie Wind“ aus ihm heraus. „Ich wusste einfach, dass ich noch nicht bereit war, zu gehen“, sagt Neil Young. Sie setzten ihm Spiralen in die Hirngefäße, und bemerkenswerter Weise pflanzten sie ihm damit einen „neuen Sinn für Freiheit“ ein.

Zunächst, wieder spontan, in kurzer Zeit, spielte Neil Young „Living With War“ ein, eine wütende und dabei eher missglückte Platte. Allerdings ein Dokument des absoluten Freigeists: Hatte sich Neil Young 2002 mit „Are You Passionate?“ noch für den Rachefeldzug ausgesprochen, widerrief er seine Kriegslust kurzerhand und umso lauter.

Young ist einer dieser intellektuellen Waldschrate

Um drei Dinge geht es nun auf „Chrome Dreams II“. In erster Linie um die Freiheit: Dass Neil Young sich auf der großen Heimfahrt zur Musik der Siebziger nun vom Kreuz auf einer korrodierten Kühlerhaube leiten lässt, ist Ausdruck dieses absoluten Freiheitsglaubens. Er sagt: „Wer mich in ein Schubfach einsortieren möchte, sollte darauf das Wort ‚Heide‘ schreiben.“

Er betont, dass jeder glauben solle, was, an wen und wo er will. Er mischt sich nicht unter die momentan gegen die Kirche anzeternden Atheisten. „Meine Kirche ist der Wald. Wo die Natur extrem erscheint, da will ich hin.“ Ohne Wert darauf zu legen, dass ihm jemand folgt. Er stellt sich in eine Reihe intellektueller Waldschrate. Tolstoi – Thoreau – Young.

Des Weiteren geht es um die gute alte Kreativität. „Du kannst nur warten“, seufzt Neil Young. „Es ist wie beim Zähmen eines wilden Tieres. Wenn du es bedrängst, dann ist es weg.“

Er hält seine Lieder im Zaum wie zu starke Kinder

Das dritte große Thema dieses endlich wieder rundum großartigen Albums ist der Umgang mit den Früchten dieser scheuen Kreativität. Das Werk Neil Youngs ist reich an heimlichen, verschollenen Liedern wie „Berlin“, „Sad Movies“ oder „Hitchhiker“.

Nun taucht das legendär vergessene „Ordinary People“ nicht nur flüchtig im Konzert auf, sondern amtlich auf dem aktuellen Album. 1989 hätte es die Platte „Freedom“ schmücken sollen. Nun beherrscht es „Chrome Dreams II“ als knapp 20-minütige Hymne auf den arbeitsamen Mann mit rumpelnden Gitarren, feierlichen Bläsersätze und ohne jedes Maß.

Neil Young hat solche Lieder oft zurückgehalten, 1977 gar das ganze Album „Chrome Dreams“. „Es ist, als hättest du einen Haufen Kinder und eines ist dreimal so stark wie die anderen. Du musst es zurück halten, damit es den anderen nicht weh tut.“ Nun gruppieren sich betagte Songs wie „Beautiful Bluebird“ und neue Songs wie „Boxcar“ stolz um „Ordinary People“.

Neil Young: Chrome Dreams II (Reprise).