Ausstellung

Was ist das Deutsche an der Kunst?

In Hannover zeigen gleich drei Museen die Schau "Made in Germany". Künstler stellen ihre aktuellen Werke aus. Etliche Ausstellungbeiträge lassen den Betrachter rätseln, ob das Germanische tatsächlich im Vordergrund steht. Oder zu etwas führt.

Unangenehm braucht einem zeitgenössische Kunst aus Deutschland schon lange nicht mehr zu sein. Doch die eingeübte Tradition der Scham über alles genuin Deutsche gibt man nicht so leicht auf. Deshalb bleibt vom Deutschen in der Kunst zu sprechen verpönt, während niemand auf die Idee käme, die Realität eines deutschen Kinos zu bestreiten oder die besondere Form des hiesigen Theaters.

Dabei hat sich längst eine deutsche Kunst entwickelt, die vielfältiger und international anerkannter ist als selten zuvor. Die Maler der Neuen Leipziger Schule sind noch immer die Stars jeder deutschen Ausstellung im Ausland – gerade zeigt Neo Rauch im Metropolitan Museum in New York seine neuesten Arbeiten.

Die nächste Generation steht bereit

Die Alten wie Gerhard Richter, Jörg Immendorff, Georg Baselitz und Sigmar Polke bewahren ihren Starstatus als deutsche Künstler mit deutschen Themen seit Jahrzehnten. Auch die Fotografen Ruff und Struth und Gursky und Tillmans stehen hoch in der Gunst des Publikums. Sie alle wurden als deutsche Künstler bekannt, geliebt und gekauft. Die nächste Generation steht bereit, nur wird sie wieder einmal eher vom Ausland als von den Deutschen groß und wichtig gemacht.

Auch die Schau mit dem Titel „Made in Germany“, die von diesem Freitag an in Hannover zu sehen ist, traut sich kein Statement zum Deutschen in der deutschen Gegenwartskunst zu, obwohl sie bereits mit der Bekanntgabe des Titels eine dankbar aufgenommene Diskussion um nationale Eigenheiten der Gegenwartskunst provozierte.

Doch die Angst, nicht global zu denken, nicht international zu sein und überhaupt nur Selbstbespiegelung zu betreiben, ist offenbar noch immer groß. Deshalb flüchtet man sich in Hannover in die Idee, Deutschland als „Produktionsstandort“ zu verstehen und unter allen hier lebenden jungen Kreativen auszuwählen.

Der Titel führt in die Irre

52 Künstler haben die wichtigsten drei Kunstinstitute Hannovers – Sprengel Museum, Kunstverein und Kestnergesellschaft – eingeladen. Die meisten leben in Berlin wegen der günstigen Ateliermieten, die Hälfte nutzt Deutschland als Produktionsstandort, die andere Hälfte wurde auch hier geboren.

Deshalb will der Titel „Made in Germany“ auch als kleine Irreführung verstanden werden. Gemeint ist die wortwörtliche Bedeutung: in Deutschland hergestellt. Im Katalog heißt es dazu: „Das ‚Made in Germany’ hat immer noch seine Autorität; und so darf in Deutschland noch immer liebe und vor allem teure Hand angelegt werden, wenn es um die Endfertigung geht.

Was Deutschland einen Rest an Arbeit gibt, ist die Wirkkraft des Symbols. Und die Wirkkraft des Symbols ist nichts anderes als der Anteil des Kulturellen.“ Deutschland erscheint hier nahtlos in die globalisierte Welt eingegliedert und bleibt doch besonders. Was es auszeichnet, sei der Föderalismus, der viele Kunstinstitutionen hervorbringt. Das mag sogar stimmen, mit der Kunst aber hat es nichts zu tun. Denn auch was nicht globalisierbar ist, verdient die Bezeichnung Kunst.

Das Konzept scheitert

So berechtigt der Ansatz einer Bestandsaufnahme von in Deutschland (und vor allem Berlin) produzierter Kunst sein mag – für eine überzeugende Ausstellung reicht die Idee nicht aus. Denn was sieht man in Hannover? Drei Ausstellungen, in denen von jedem etwas dabei sein sollte, die aber durch schöne Arrangements zu verdecken versuchen, dass nichts mit dem anderen zu tun hat.

So hängen die manisch entstehenden Totenkopfzeichnungen des Niederländers Marcel van Eeden zusammen mit dem Hühnerstalllastwagen des Deutschen Thomas Zipp, die wunderbare Videoinstallation über die Faszination eines Michael Jackson der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz steht in keinem Zusammenhang mit Installationen aus Zeitungspapier, Künstlerhaaren und Puderzucker, die Kuratoren gern „poetisch“ nennen, Besucher aber verständnislos übersehen werden. Der spiegelfolienverklebte VW Golf von Jonathan Monk, der den Ausstellungstitel so platt wie selten illustriert, zeigt die Gefahr, in die sich Künstler begeben, wenn sie Kuratoren zu ernst nehmen.

Viel interessanter wäre es gewesen, man hätte wirklich einmal nach dem spezifisch Deutschen in der jungen Kunst gesucht und Internationalität, entspannten Umgang mit der Geschichte und den deutschen Geschichten gefunden, der sowohl Traditionsbewusstsein, Geschichtskommentar als auch Desinteresse an allem Nationalen einschließt – wie es einige Werke der Ausstellung sehr wohl zeigen.

Man überreicht Vergebungs-Kärtchen

In diese Schau hätte dann auch das skandinavische Duo Elmgreen und Dragset perfekt gepasst. Im Sprengel Museum lassen sie einen jungen Mann auf einem Podest Visitenkärtchen mit der Aufschrift „Sind Sie hergekommen, damit Ihnen vergeben wird“ verteilen. Auch das ist nicht sonderlich originell, aber es spielt sehr schön mit all dem, was mit deutscher Kunst und deutschen Museen verbunden wird. Geschichte und Ersatzreligion, Zufluchtsort und Ort von Verbrechen.

In wenigen Tagen wird die Documenta in Kassel eröffnet. Gern würde Hannover vom Glanz und Renommee dieser bedeutendsten Schau zur Gegenwartskunst profitieren und vielleicht sogar deren kleine Schwester sein. Doch die Documenta hat nie demokratisch ausgewählt, was gute Kunst ist. Sie setzt seit Anbeginn selbstbewusst Normen, reduziert, polemisiert und spitzt zu. Und sie hatte, egal wie langweilig Theorien zu Ausstellungen auch sein mögen, immer eine Idee davon, was Gegenwartskunst ist.

Hannover, Sprengel Museum, Kestnergesellschaft, Kunstverein, bis 26. August, Katalog (Hatje Cantz): 38 Euro.