Ausstellung

Trotz Fix und Foxi war die BRD Comic-Provinz

Auch hier waren die Nazis schuld: Im Dritten Reich blieb die Evolution des Comics auf der Strecke. Erst mit den Amerikanern etablierten sich wieder die bunten Bildergeschichten. Eine Ausstellung in Frankfurt erinnert an "60 Jahre Comics in Deutschland" – und diagnostiert weiter Nachholbedarf.

Foto: Deutsche Nationalbibliothek

Nur 60 Jahre Comics in Deutschland? Das ist im Vergleich zu den meisten westlichen Ländern ein auffällig kurzer Zeitraum. In England, Frankreich, Belgien, Italien, den Niederlanden, der Schweiz - überall kann diese Mischkunstform aus Erzählung und Zeichnung auf eine deutlich längere Geschichte zurückblicken als hierzulande. Ganz zu schweigen von den USA, wo der Comic 1897, also vor ziemlich genau 110 Jahren erfunden wurde.

Muss also angesichts der jüngsten Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main wieder einmal das alte Lied von Deutschland als der verspäteten Nation angestimmt werden? Indizien dafür finden sich überall, die Beweislange ist auf den ersten Blick erdrückend.

Die deutsche Bildergeschichte wirkte einfach altbacken

Aber bevor der Gassenhauer vom späten Deutschland schließlich doch noch angestimmt werden soll, lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Als Urvater der Bildergeschichten gilt zwar der französischsprachige Genfer Zeichner und Schriftsteller Rodolphe Töpffer, dessen erste Arbeiten, darunter eine "Faust"-Parodie", von keinem Geringeren als Goethe hoch gelobt wurden: "Es funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich!" Das neue Medium fand in Deutschland begeisterte Leser, mit den Münchner "Fliegenden Blättern" eines seiner ersten Publikationsorgane und mit Wilhelm Busch einen seiner frühen Großmeister.


Doch der nächste Schritt von der Bildergeschichte hin zum Comic, so wie der Kurator der Frankfurter Ausstellung Bernd Dolle-Weinkauff (zusammen mit Sylvia Asmus) die Gattung definiert, ließ in Deutschland erstaunlich lange auf sich warten: In den USA integrierte der deutschstämmige Rudolph Dirks 1897 für seine Bildergeschichte "The Katzenjammer Kids" die Dialoge in die Zeichnungen selbst - die Sprechblase war geboren.


Damit nahm der Comic einen spürbar knapperen, dramatischeren, schnelleren Charakter an und ließ die Erinnerung an Bänkelsang und Moritat, die in der Bildergeschichte noch spürbar war, hinter sich. Merkwürdigerweise wurde diese Entwicklung von den Zeichnern in Deutschland nicht mitvollzogen, weshalb die Bildgeschichte, zumal nachdem der Comic vom Film immer rasantere Schnitttechniken und kühnere Bildperspektiven übernommen hatte, bald einen etwas altbackenen, schwerfälligen Eindruck machte.

1947 machte "Bumm" das Rennen

Nach Deutschland kam der Comic dann erst 1945 im Gepäck der westlichen Besatzungssoldaten. In England waren die neue Erzähltechnik über die Zeitungs-Strips mit Sprechblasen schon früh aus den USA übernommen worden, in Belgien und Frankreich wurden sie seit Ende der Zwanzigerjahre mit dem Erfolg von Hergés "Tim und Struppi" populär.

Weshalb die in den Zwischenkriegsjahren so lebendige und neuerungssüchtige deutsche Unterhaltungsindustrie auf diesen Trend nicht aufsprang, ist unklar. Dass der Comic nach 1933 aber als typisch westliche Form des Amüsements nicht die Förderung der nationalsozialistischen Kulturpolitiker fand, muss niemanden wundern.

In den Vitrinen der Deutschen Nationalbibliothek ist nun neben vielem anderen der erste deutsche Comic zu bewundern. Das 1947 erschienene schwarz-weiße Heftchen trägt den Titel "Bumm macht das Rennen" samt dem rührenden Untertitel "Eine Bilderfolge voller Abenteuer", der ahnen lässt, wie wenig Vorwissen über die Gattung seinerzeit beim deutschen Publikum vorauszusetzen war.

Vorbild waren die amerikanischen Zeichner

Per Anzeige hatte der Düsseldorfer Verlag Hartmann den 25-jährigen Kunststudenten Klaus Pielert gefunden, der eine Detektivgeschichte nach angelsächsischen Mustern zeichnete - danach aber den Comic aufgab und statt dessen Karikaturist unter anderem für WAZ, "Handelsblatt" und "Kölner Stadtanzeiger" wurde.

Amerika gab, das zeigt die Frankfurter Ausstellung, lange Zeit die Orientierung vor. Auch wenn Manfred Schmidt mit seiner 1950 entwickelten Figur Nick Knatterton die "Schwachsinnsliteratur" um die angelsächsischen Comic-Detektive wie Dick Tracy parodieren wollte, oder wenn Ralf Kauka für seine Fix-und-Foxi-Geschichten zu Anfang auf Stoffe aus der deutschen Märchen-, Fabel- und Schwankliteratur zurückgriff - es blieben fast immer Serien aus den Vereinigten Staaten und vor allem Walt Disneys Erfolgsprodukte als Vorbilder der deutschen Comic-Produzenten spürbar.

Das änderte sich erst allmählich im Laufe der Sechziger. Zwar kamen sogar noch die Lieblingsstrips der Studentenbewegung aus Amerika, von Zeichnern wie Robert Crumb oder Gilbert Shelton. Aber mit Gerhard Seyfried, Marie Marcks und der Neuen Frankfurter Schule um Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. K. Waechter, F. W. Bernstein, Robert Gernhardt und Bernd Pfarr gewann die deutsche Comic-Szene allmählich ein eigenes Profil.

Deutschlands Weg nach Westen ist noch nicht zu Ende


Bis heute hat sie von Ralf König und Walter Moers über Volker Reiche und Joscha Sauer bis hin zu Tom und dem Duo Katz und Goldt etliche Stars hinzugewonnen. Dennoch lässt sich der Rückstand zwar nicht der einzelnen Künstler, wohl aber des Comic-Betriebs in Deutschland auch heute nicht übersehen.


Bis der Comic hierzulande die Aufmerksamkeit und kulturelle Wertschätzung genießt, die ihm von Frankreich bis zu den USA und dem Manga-besessenen Japan entgegengebracht wird, ist es für Deutschland noch immer ein langer Weg nach Westen.

Bis 24. Mai; Katalog 14 Euro