Jazz-Legende

Benny Goodman swingt wie die Pest

Vor 100 Jahren wurde das Idol geboren. Zu Benny Goodmans Fans zählt auch der deutsche Klarinettist Hugo Strasser. Im Gespräch mit Morgenpost Online erzählt er von den Schwierigkeiten, Goodmans Musik in Deutschland zu spielen und wie aus "Whispering" der Tarntitel "Lass mich dein Badewasser schlürfen" wurde.

Morgenpost Online : Sie werden als "der deutsche Benny Goodman" bezeichnet. Wann haben Sie Ihr Vorbild das erste Mal gehört?

Hugo Strasser : Ich habe 1937 angefangen, Musik zu studieren. Wie einige Studienkollegen hatte ich eine Neigung zur Tanzmusik, im Radio hörte ich hauptsächlich Bands wie die von Bernard Etté oder Horst Winter. Mein Studium in München an der Akademie der Tonkunst war natürlich klassisch ausgerichtet. Ich hatte aber Gott sei Dank einen Professor, der meine Vorliebe unterstützte und mir gestattete, meinen Ton auf der Klarinette vibrieren zu lassen. In der klassischen Musik ist das verpönt, da darf man kein Vibrato erzeugen. 1938 habe ich dann das erste Mal Benny Goodman gehört. Ich war vollkommen fasziniert.

Morgenpost Online : Was genau faszinierte Sie?

Strasser : Er ist nicht umsonst der "King of Swing“. Der Mann hat so eine persönliche, unnachahmliche Art, swingend zu spielen, von den Figuren her und vom Aufbau seiner Chorusse. Es ist fantastisch. Heute gibt es viele Musiker – ich spreche von Jazzern – die können überhaupt keine Melodie mehr spielen, die fangen gleich an zu improvisieren. Und das möglichst akrobatisch. Aber wenn ich mir dagegen den Benny Goodman anhöre?? Der hat auch eine gute Technik – ist aber immer melodiös. Und er swingt wie die Pest!

Morgenpost Online : Wie ist man damals an Aufnahmen von Benny Goodman gekommen?

Strasser: Nachdem der Krieg angefangen hatte, kam es ja zur Besetzung von Frankreich. Und von da haben wir Platten bekommen. Das war eine Offenbarung für uns. An Artie Shaw und Benny Goodman konnte man sich bilden. Und nach 1945 war das wie ein Paradies für uns. Ich habe den Krieg zum Glück heil überlebt – fünf Jahre war ich Soldat –, und dann konnte ich musizieren für amerikanische Soldaten. Die Amerikaner waren völlig überrascht und erfreut, dass da so junge Deutsche ihre Musik beherrschen.

Morgenpost Online : Goodman war ja in Deutschland verboten gewesen ...

Strasser : Und nicht nur der. Ich habe bei mir zuhause ein Schild an der Wand hängen, da steht: "Swing tanzen verboten. Reichsmusikkammer“. Es gab wirklich Hornochsen, die damit beauftragt waren, die Kapellen zu überprüfen und in die Noten zu schauen, damit da nicht etwas Amerikanisches gespielt wird. Wir Musiker haben dann deutsche Tarntexte benutzt. "Whispering“ wurde zu "Lass mich dein Badewasser schlürfen“. Irre. Die haben das aber nicht registrieren können, weil die nur Marschmusik im Kopf hatten.

Morgenpost Online : Hatte es für die deutschen Swing-Kids nicht zusätzlich den Reiz des Verbotenen, dass Goodman Jude war?

Strasser : Eigentlich nicht. Sein Eindruck war musikalisch so stark, dass das alles andere verdrängt hat.

Morgenpost Online : Kann man sagen, dass Benny Goodman indirekt zur musikalischen Entnazifizierung Deutschlands beigetragen hat?

Strasser : Mit Sicherheit. Dieser Swing ist ein Synonym für Amerika, für uns war es das, was wir uns als junge Menschen unter Amerika vorgestellt haben. Diese Flut an swingender Musik, die da 1945, nach den Zeiten der Hirnlosigkeit, über uns hereingebrochen ist – das kann man nicht beschreiben.

Morgenpost Online: Was sagen Sie zu der Kritik, dass die Weißen den Schwarzen ihre Musik weggenommen haben. Basie war schließlich nur der "Count“, Ellington nur der "Duke“, Goodman aber der "King“ ...

Strasser : Solche Bezeichnungen wie "King of Swing“ entstehen nun irgendwann einmal. Das schreibt ein Kritiker, und er hätte es genauso gut auf einen Schwarzen münzen können. Gerade, was zum Beispiel Count Basie betrifft – es gibt ja wohl kaum eine Band, die so swingt wie seine.

Morgenpost Online : Außerdem arbeitete Goodman mit schwarzen Musikern auf der Bühne zusammen, was damals mutig war ...

Strasser : Absolut. Man kann sich das gar nicht vorstellen! Diese tollen Musikanten mussten durch den Hintereingang herein. Wie die diskriminiert worden sind! Da bekommt man Wut.

Morgenpost Online : Welche der verschiedenen Bands von Goodman ist Ihr Favorit?

Strasser : Diese kleine Besetzung mit Red Norvo, Lionel Hampton und diesem Wahnsinns-Pianisten Teddy Wilson. Das waren schon Kabinettstücke! Das mit der Big Band – okay. Aber diese kleinen Besetzungen sind für mich bis auf den heutigen Tag die absoluten Highlights.

Morgenpost Online: Haben Sie ihn jemals persönlich getroffen?

Strasser : Ich habe mal versucht, mit ihm persönlich Kontakt aufzunehmen, nach einem Konzert. Das war völlig ausgeschlossen. Er hat sich da total abgeschirmt. Margot Hielscher, die Schauspielerin, und Friedrich Meyer, ihr Mann, die waren sehr befreundet mit ihm. Wenn Goodman in München war, hat er bei denen übernachtet. Die haben ihn als recht eigen beschrieben. Ein Kumpel war er nicht. Er hat ja ausgeschaut wie ein Steuersekretär, und ein bisschen so war er wohl auch.

Morgenpost Online : Goodman war ja berühmt für seinen teilnahmslosen Röntgenblick, mit dem er seine Musiker fast um den Verstand gebracht hat. Für Sie als Orchesterleiter – ist das eine gute Methode, die Mitarbeiter zu motivieren?

Strasser : Ich denke, Goodman hat in erster Linie durch seine Leistung motiviert. Der war so überragend. Seine Musiker haben ihn bewundert. Das ist eine enorme Basis, wenn ich vom Können her so unantastbar bin. Da kann man sich schon so manches leisten.

Morgenpost Online : Der Erfolg des Swing war ja in gewisser Weise die Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise 1929. Glauben Sie eigentlich, dass wir bald wieder einen neuen Benny Goodman erleben werden?

Strasser : Das wäre schön. Ich kann es mir aber nicht vorstellen. Unsere Musik ist ja ziemlich an den Rand gedrängt worden. Im Radio hören Sie Swing kaum noch. Da ist nur noch maschinelle Musik. Das tut mir weh. Da greife ich direkt zu den Tonträgern aus der damaligen Zeit zurück und beruhige mich damit.

Morgenpost Online: Sie hören dann Benny Goodman?

Strasser : Genau. Das streichelt meine Seele.