Sanierungs-Umzug

Daniel Barenboim kritisiert Staatsoper-Sanierung

Zum vorübergehenden Abschied von der Staatsoper Unter den Linden übt der Chef Kritik am "Denkmalschmutz" und "kranker Nostalgie". Am Wochenende gibt es wieder "Staatsoper für alle".

Dafür, dass ihm gerade sein Opernhaus abhanden kommt, wirkt Daniel Barenboim im Apollo-Saal ziemlich gelassen. Geschäftig lächelnd läuft er mit den Fotografen hinaus auf die Freitreppe der Staatsoper. Jeder Dirigent lernt die große Pose, bei Stardirigenten liegt es im Naturell. Diesmal geht es darum, noch einmal die Werbetrommel für die Wochenend-Aktion „Staatsoper für alle“ zu rühren. Aber genau genommen ist das unnötig. Im Vorsommer kamen an den zwei Tagen rund 53.000 Besucher auf den Bebelplatz, oder besser: drängelten sich irgendwohin. Der Platz ist längst ausgereizt – das wird diesmal wieder so sein. Aber dennoch ist das Saison-Finale in diesem Jahr etwas ganz Besonderes: Mit seinem Tschaikowsky-Wochenende um die 80-Quadratmeter-Leinwand herum verabschiedet sich das Staatsopern-Ensemble für mehrere Jahre von seinem angestammten Haus Unter den Linden – das einer mehrjährigen Generalsanierung unterzogen wird – hinüber ins Ausweichquartier Schiller-Theater.

„Ich bin kein Open-Air-Enthusiast“, sagt Daniel Barenboim, aber er wisse, wie wichtig diese Veranstaltungen sind, „um Menschen mit Musik in Kontakt zu bringen, die sonst nicht kommen würden“. Musik selbst sei nicht elitär, sagt der Dirigent, „wir machen sie immer nur dazu.“ Beiläufig erinnert der Weltstar an Education-Projekte in Venezuela oder Palästina. Auch hierzulande müsse für ausreichende Bildung gesorgt werden, sagt Barenboim: „Es gibt viele Menschen, die alles über die Welt lesen und wissen, nur nicht mehr über die eigene Kultur.“ Am Sonntag um 16 Uhr dirigiert er Tschaikowskys Vierte – bekanntlich eine Symphonie in f-Moll.

„Nein, ich bin nicht sentimental“, sagt der Dirigent. Dennoch sei die Stimmung schon zwischen „Traurigkeit und Vorfreude“. Aber, so der Staatsopern-Chef: „Wir wissen, dass wir zurück kommen, nur wann genau, dass wissen wir nicht.“ Bei diesen Ausführungen dürfte seinem Planungsstab das Gehirn in die Hose gerutscht sein. Alle an den Sanierungsplänen Beteiligten versuchen immer wieder zu betonen, dass diese mehr oder weniger kleinen Aufhübschungen im Paulick-Saal und die technischen Modernisierungen wirklich nur drei Jahre dauern und natürlich keinen müden Euro mehr als veranschlagt kosten werden. Alle Skeptiker haben das Investitionsgrab der Hamburger Elbphilharmonie vor Augen. Der Bund hat das Staatsopern-Projekt bereits bei 239 Millionen Euro gedeckelt. Angesichts der aufkommenden Spardebatten in Bund und Ländern, bei der selbst Symbole wie das wieder aufzubauende Stadtschloss infrage gestellt werden, wird das Thema Staatsopern-Risiken lieber umgangen. Und wenn das Geld ausgehe, scherzt eine Führungskraft am Rande, dann werden wir wie in der Barockzeit auf Sitzplätze verzichten.

Daniel Barenboim reagiert überraschend kritisch auf Fragen nach akustischen Verbesserungen nach der Sanierung. Irgendwann passiert ihm der berühmte Freudsche Versprecher und ihm entrutscht „Denkmalsschmutz“. Das Wort gefällt ihm selbst gut und er verwendet es gleich noch einmal. Schließlich hatte er sich für einen modernen Innenraum eingesetzt, während dessen die Berliner Traditionalisten kulturpolitisch den Erhalt des prächtigen Zuschauersaals des Berliner Wiederaufbau-Architekten Richard Paulick (1903 bis 1979) durchsetzen konnten. Barenboim spricht von „kranker Nostalgie“ und davon, dass das „der Denkmalsschmutz von 1955 und nicht von 1742“ sei. Beiläufig verkündet er, dass sein „Lieblingsplatz ein Stehplatz“ sei. Und lächelt wieder.

An seinem Stehplatz, dem Dirigentenpult, ist Barenboim am Sonnabend ab 18 Uhr mit „Eugen Onegin“, am Sonntag ab 16 Uhr mit der Staatskapelle zu erleben. Drumherum gibt es ein Rahmenprogramm mit Führungen durchs Haus, „Kisten-Party“ im Magazingebäude und „Oper-Air“-Kino. Das Flanieren lohnt.