Spielpläne

Opernstiftung soll Dubletten reglementieren

Braucht Berlin drei "Zauberflöten" und drei "Traviatas"? Nein, meinen die Kritischen unter den Opernfreunden. Doch die Opernhäuser setzen gern auf die Gassenhauer-Opern um ihre Auslastungsquoten aufzupeppen. Die Opernstiftung soll nun zwischen beiden Polen vermitteln.

Foto: M. Lengemann

Als an der Deutschen Oper kürzlich "Eugen Onegin" mit wundervollen Solisten seine Wiederaufnahme feierte, saß der Regisseur Achim Freyer andächtig mit im Publikum. Was einige verwunderte, denn Freyer hatte die Tschaikowsky-Oper eigentlich an der Staatsoper Unter den Linden inszeniert. Quasi bei der Konkurrenz. Denn an der Bismarckstraße läuft das Stück in der Altmeisterregie von Götz Friedrich aus dem Jahre 1996.

Zwischen beiden Inszenierungen liegen ästhetische Welten, zweifellos. Obendrein hatte auch Regisseur Andreas Homoki, Intendant der Komischen Oper, 2005 das Stück auf seine Bühne gebracht. Es war wohl zuviel des Guten: Das Publikum nahm seine Sicht nicht an, nach drei Jahren setzte das Haus die Inszenierung stillschweigend wieder ab. Homoki ist da weniger empfindlich als andere kreischende Regie-Intendanten.

Diskussion über das Repertoire

Seit Gründung der Opernstiftung im Jahr 2004 (und genau genommen bereits seit der Wiedervereinigung) wird in Berlin immer wieder darüber diskutiert, wie die drei Opernhäuser und das Staatsballett mit ihrem Repertoire umzugehen haben. Immerhin handelt es sich um ein künstlerisches Großunternehmen: Rund 800.000 Besucher werden jährlich mit mehr als 20 Premieren umworben. An die 900 Vorstellungen sind an den drei Häusern zu koordinieren. Im Repertoire der vier Ensembles schlummern knapp 130 Titel darauf, während der Saison wach gerufen zu werden. Knapp 100 Stücke finden dann den Weg auf die Bühne. Der Rest bleibt auf Abruf.

Bei diesem für Außenstehende kaum zu überschauenden Angebot werden Dubletten und Tripletten nicht immer als künstlerische Vielfalt, sondern auch als subventionierte Verschwendung angeprangert. Nicht zuletzt machen auch Anekdoten die Runde, wonach die Premierenstücke unter den Intendanten ausgewürfelt werden. Denn natürlich stehen die Häuser, die Dirigenten und Regisseure in ewiger Konkurrenz zueinander.

Was die wenigsten wissen: Mit Gründung der Opernstiftung wacht ein eigenes Gremium der Operndirektoren über Premieren, Repertoire und Spielplan. Viermal im Jahr tagt diese Task Force gegen unnötige Dubletten oder Spielplan-Löcher. "Manchmal ärgert es uns schon", sagt Philip Bröking, Operndirektor der Komischen Oper, "dass uns Ignoranz unterstellt wird." Und Ronald H. Adler, amtierender Intendant und Operndirektor der Staatsoper Unter den Linden, fügt hinzu, dass man so "im Vorfeld Konflikte vermeiden kann." Offenbar scheint das für alle Beteiligten auch einfacher geworden zu sein, seitdem der überaus leidenschaftliche Regisseur und Staatsopern-Intendant Peter Mussbach die Stiftung verlassen hat. Aber darüber will eigentlich keiner mehr reden. Eher darüber, dass man in dieser Runde "relativ leidenschaftslos" (Bröking) die Premieren und Vorstellungen aushandelt. Frei nach dem Motto: Gibst du mir, gebe ich dir!

Alle Operndirektoren sind sich einig, dass der Auslastungsdruck deutlich auf ihren Spielplänen lastet. Normalerweise retten sich Häuser anderswo mit den sogenannten ABC-Waffen - Aida, Bohéme, Carmen. Aber ihr Gebrauch ist innerhalb der Stiftung relativ streng geregelt. Es gibt eine Liste des Kernrepertoires. Das ist der rund 40 Werke umfassende Kanon der Opernklassiker, mit dem das Publikum am sichersten zu verführen ist. Die Regel besagt: Nach einer erfolgten Premiere darf dieses Stück dann erst frühestens im dritten Jahr danach (zwei Pausenjahre) wieder an einem Berliner Opernhaus neu inszeniert werden. Für das Randrepertoire gilt eine deutlich längere Wartezeit (fünf Pausenjahre) zwischen zwei Premieren. Derzeit gibt es übrigens drei Werke, die an allen drei Häusern aufgeführt werden: "La Bohéme", "La Traviata" und "Die Zauberflöte". Damit die nicht zeitgleich gezeigt, sondern über die Saison verteilt werden, tagt die Task Force. Dieser Tage traf man sich turnusgemäß beim Staatsballett und bastelte am Berliner Spielplan für die Spielzeit 2010/11.

Das Ballett geht auf Reisen

"Diesmal müssen wir uns vor allem nach dem Staatsballett richten", sagt Christoph Seuferle, Operndirektor der Deutschen Oper. Dorthin zieht Vladimir Malakhovs Staatsballett während der 2010 beginnenden Sanierungsphase des Hauses Unter den Linden. Und Ballettchefin Christiane Theobald hat bereits angekündigt, während dieser drei Jahre verstärkt auf Tournee gehen zu wollen. Der Berliner Kulturmanager Peter Schwenkow hatte angeboten, das Staatsballett als "künstlerisches Premiumprodukt" europaweit vermarkten zu wollen. Die Chance will sich das Ballett keinesfalls entgehen lassen. Derweil müssen die anderen die Lücken in den Spielplänen auffüllen. Auch das gehört zum Geschäft.