Flugzeugturbulenzen

Meat Loafs ewiger Kampf mit dem Tod

Mit "Bat Out Of Hell" gelang ihm 1977 eine der meistverkauften Platten der Rockgeschichte. Jetzt meldet sich Meat Loaf mit dem neuen Album "Hang Cool Teddy Bear" zurück. Morgenpost Online sprach mit dem schwergewichtigen Sänger über seine Karriere und die Kunst, mehrere Flugzeugturbulenzen zu überleben.

Wählt ein Künstler für sich den Namen "Hackbraten", beweist er seinen Willen für einen unkonventionellen Weg. Meat Loaf, 1947 als Marvin Lee Aday in Dallas geboren, beginnt seine Karriere mit dem Musical "Hair", bringt sein erstes Album ausgerechnet bei dem Soul-Label Motown heraus und wird in dem Film "The Rocky Horror Picture Show" mit einem Eispickel erschlagen. Mit seiner zweiten Platte "Bat Out Of Hell" hat er 1977 seinen größten Erfolg. Gerade hat er sein elftes Album "Hang Cool Teddy Bear" (Universal) veröffentlicht.

Morgenpost Online: Mister Aday, wie oft sind Sie dem Tod entkommen?

Meat Loaf: Ich habe das nie gezählt.

Morgenpost Online: Sie haben den Überblick verloren?

Meat Loaf: Ich denke einfach nicht darüber nach.

Morgenpost Online: Laut Ihrer Autobiografie müssen Sie wenigstens vier oder fünf Mal relativ nah vorm Himmelstor gestanden haben.

Meat Loaf: Das mit dem Himmelstor haben Sie gesagt. Aber es muss öfter gewesen sein. Allein bei Flugzeug-Fastabstürzen komme ich schon auf mindestens vier.

Morgenpost Online: Was war der beste?

Meat Loaf: Schwierig zu sagen. Einmal hat ein Flügel die Landebahn berührt. Ein anderes Mal klappte das Fahrwerk nicht raus. Und dann ging mal die Hydraulik bei der Landung kaputt, das gab einen schönen Ausritt über die Landebahn hinaus.

Morgenpost Online: Das sind drei.

Meat Loaf: Halifax, Nova Scotia, das war der beste Beinahe-Absturz. Hat meine Vorstellung von Turbulenzen völlig neu definiert. Seither lache ich Leute ungeniert aus, die in einem Großflugzeug bei ein bisschen Geratter loszittern.

Morgenpost Online: Was ist passiert?

Meat Loaf: Schon in der Luft war das ein elendes Gehopse, wir saßen in einem kleinen Privatjet und wurden nur so herumgewirbelt. Schließlich sahen wir endlich die Landebahn vor uns, ich dachte: Zum Glück ist das gleich vorbei. Doch dann kam kurz vorm Aufsetzen ein letzter Superwindstoß, und die Maschine kippte in der Luft auf die Seite. Ich sah durchs Fenster bloß noch Asphalt.

Morgenpost Online: Hoppla.

Meat Loaf: Ich hab noch einen besseren: Hartford, Connecticut. Wir flogen mit einem Kleinflugzeug, einem Viersitzer, glaub ich... Es war Sommer, bestes Wetter beim Abflug in Boston, doch vor Hartford tauchte plötzlich diese Nebelbank auf. Dann sagt Pilot, seine Maschine sei nur für Sichtflug ausgerüstet.

Morgenpost Online: Ein Albtraum.

Meat Loaf: Er sagte auch, dass wir leider nirgendwo sonst landen könnten, weshalb auch immer. Und dass außerdem gerade der Flughafen in Hartford mitgeteilt habe, dass er aufgrund des Nebels geschlossen sei. Da war nur noch ein Mann im Tower, für den Notfall. Den hatten wir dann, den Notfall. Als wir endlich durch die Nebelbank hindurch waren, lag die Landebahn dreißig Meter unter uns. Ich weiß nicht, wer lauter geschrien hat - ich oder der Pilot. Wollen wir noch meine Hubschrauber-Fastabstürze durchgehen?

Morgenpost Online: Eigentlich sollte die Frage nach den Fastabstürzen bloß auf die Frage hinauslaufen, ob Ihre Rendezvous' mit dem Tod dafür verantwortlich sind, dass Sie scheinbar immer um Ihr Leben singen...

Meat Loaf: Warten Sie, eine der Hubschrauber-Geschichten ist wirklich ganz gut: Wir waren auf dreitausend Meter Höhe, also relativ hoch für einen Helikopterflug, als wir plötzlich in ein Luftloch gerieten. Der Hubschrauber fiel wie ein Stein vom Himmel. Mehr als zweitausend Meter freier Fall, einfach so. Man trägt im Hubschrauber ja auch als Passagier einen Kopfhörer, und auf dem hörte ich den Piloten bloß rufen: "Hey, keine Sorge, ich bin in Vietnam zwölf Mal abgestürzt, und wir werden ja nicht mal beschossen gerade!"

Morgenpost Online: Noch irgendwelche Unglücke?

Meat Loaf: Es gab noch Autounfälle und diverse Schädelbrüche.

Morgenpost Online: Um das Thema Dummgelaufen abzuschließen: Sie haben außerdem zwei Mal Ihre Stimme verloren, hatten einige ernsthafte Probleme mit illegalen Substanzen und waren mitten in Ihrem ersten Karrierehoch gleich zwei Mal pleite.

Meat Loaf: So ist das Show-Business. Wer sich als Künstler nie um sein Geld hat bescheißen lassen, ist nicht wirklich erfolgreich gewesen. Aber meine Stimme hab ich nur einmal verloren. Ende der Siebziger, war was Psychosomatisches.

Morgenpost Online: Aber 2007 brachen Sie ein Konzert in England mit den Worten ab: "Good-bye forever!"

Meat Loaf: Ja, aber wie sich später herausstellte, hatte ich da bloß eine Zyste auf den Stimmbändern. Kurze Operation, und alles war wieder gut. Passiert halt.

Morgenpost Online: Haben Sie manchmal Gott gefragt, warum er Sie andauernd testet?

Meat Loaf: Am Ende sind das doch gute Geschichten, nicht? Ich glaub ganz fest daran, dass der liebe Gott einen jederzeit herausfordern kann, selbst wenn man sein ganzes Leben zu Hause sitzt aus Furcht davor, es könne einem was passieren. Wenn deine Zeit gekommen ist, schmeißt der liebe Gott dir ein Klavier durchs Fenster, das dich im Fernsehsessel erschlägt. Oder du wirst unheilbar krank. Ich glaub nicht, dass man seinem Schicksal entgehen kann.

Morgenpost Online: Selbst als solcher könnte man aber auf die Idee kommen, dass das Schicksal ungerecht verteilt ist.

Meat Loaf: Natürlich gibt es so was wie Risiko. Klar, ich hätte auch aufs Dorf ziehen können und darauf warten, dass die Welt untergeht. Aber was hätte ich dann zu erzählen gehabt am Ende meines Lebens? Selbst wer nur zu Hause rumsitzt, wird herausgefordert werden von Dingen, denen ich wiederum wohl nie begegnen werde. Man nennt das: Leben.

Morgenpost Online: Haben all die Erfahrungen Ihrer Kunst geholfen?

Meat Loaf: Durchaus, gerade meiner Arbeit als Schauspieler. Je größer der eigene Erfahrungsschatz, desto besser kann man sich in Situationen von Figuren einfühlen, desto besser ist man als Schauspieler.

Morgenpost Online: Sie sind ein Method Actor?

Meat Loaf: Nein, ich bevorzuge die englische Schauspielmethode: Sei einfach die Figur, überanalysiere sie nicht, finde die Wahrheit in ihr. Aber natürlich benutze ich gewisse Techniken des Method Acting, indem ich aus meinen eigenen Erinnerungen schöpfe. Aber das geschieht eher instinktiv, und das macht wohl jeder Schauspieler so.

Morgenpost Online: Trügt der Eindruck, oder stellen Sie den Sänger Meat Loaf eigentlich auch nur dar?

Meat Loaf: Es ist noch mal anders. Ich spiele den Sänger nicht, der bin ich schon wirklich. Aber ich spiele als Sänger immer eine Rolle, so herum stimmt es. Um die richtigen Emotionen in einem Song ausdrücken zu können, erfinde ich eine Figur mit einer Geschichte und mit Szenen, und diese Figur spricht dann aus dem Liedtext heraus.

Morgenpost Online: Die Texte sind wie Drehbücher?

Meat Loaf: In der Tat. Wenn das Drehbuch schlecht ist, bring ich es nicht als Sänger. Deshalb suche ich immer nach Songtexten mit starkem Inhalt, mit einer guten Story.

Morgenpost Online: Was ist eine gute Story?

Meat Loaf: Ich hab ziemlich häufig die gleiche benutzt: die Schöne und das Biest. Hat ganz gut funktioniert.

Morgenpost Online: Haben Sie deshalb so häufig Duette gemacht mit Sängerinnen?

Meat Loaf: Exakt. Außerdem hab ich gern jemanden zum Ansingen.

Morgenpost Online: Dafür mussten Sie aber ewig den Hässlichen geben.

Meat Loaf: Damit kann ich leben.

Morgenpost Online: Was war in Ihrer über 40-jährigen Karriere der beste Moment?

Meat Loaf: Vielleicht liegt der noch vor mir? Mein neues Album jedenfalls ist großartig, ehrlich. Ich dachte, ich hätte schon alles aus mir rausgequetscht. Aber diesmal sind wir noch darüber hinaus gekommen, jenseits aller meiner Erwartungen, jenseits von allem, was ich bis jetzt gemacht habe. Mit Ausnahme von "Bat out of Hell". Die ist mit nichts vergleichbar. Realistisch betrachtet werd ich wohl nie mehr so eine hinbekommen.

Morgenpost Online: "Bat out of Hell" von 1977 ist das fünftmeistverkaufte Album aller Zeiten, hinter Michael Jacksons "Thriller", "Back in Black" von AC/DC, "The Dark Side of the Moon" von Pink Floyd und Whitney Houstons "Bodyguard"-Soundtrack. Das ist kommerziell nicht mehr schlagbar. Und das ist Ihnen schon bei der zweiten Platte passiert.

Meat Loaf: Es ist egal, wann es einen trifft. Hauptsache, es trifft einen. Bruce Springsteen konnte unmöglich besser werden als auf "Born to Run", und was ist passiert? Er hat später mit "Born in the USA" mehr verkauft. AC/DC und Pink Floyd haben mit ihren jeweils besten Alben am meisten verkauft, und trotzdem hat es sie künstlerisch nicht umgebracht. Sie wurden halt nie mehr ganz so gut. Aber fast, manchmal. Und ich glaub, ich hab es diesmal auch fast geschafft. Ich bin nur Millimeter von meiner besten Platte weggeblieben. Ich höre mir das Album an und kann selbst nicht fassen, wie gut es geworden ist.

Morgenpost Online: Kritiker waren von Ihrer Musik meist nicht so überzeugt, die haben fast jede Ihrer Platten verrissen.

Meat Loaf: Ich hab wirklich die übelsten Verrisse bekommen. Es schien, als wollten die Kritiker mich zerstören. Und dann, nach einer Weile, haben sie gemerkt, dass die meisten Platten doch nicht so schlecht waren.

Morgenpost Online: Warum erst hinterher?

Meat Loaf: Das müssen Sie die fragen. Ich weiß nur: Meine neue ist musikalisch unglaublich, die Instrumentierung, die Harmonien, die Refrains, jeder Akkordwechsel stimmt. Finden Sie nicht?

Morgenpost Online: Nun... Lassen Sie uns doch noch weiter über Ihre Methode reden, diese Sache mit dem Figuren-Erfinden für Songs... Sie delegieren Ihre Gefühle an erfundene Charaktere?

Meat Loaf: Absolut. Auf der Bühne spiele ich Figuren, die nur eines gemeinsam haben: dass ich sie alle verkörpere.

Morgenpost Online: Sie spielen dem Publikum was vor.

Meat Loaf: Deshalb nennt man es auch Show.

Morgenpost Online: Rocksänger geben meist vor, dass sie auf der Bühne etwas Authentisches machen. Ein Witz, oder?

Meat Loaf: Keineswegs. Die Gefühle sind ja doch echt. Meistens. Selbst, wenn sie ausgedacht sind.

Morgenpost Online: Wo fängt der Betrug an?

Meat Loaf: Sobald man merkt, dass die Gefühle erzwungen sind. Das gilt übrigens auch fürs Schauspielern: Man ist als Schauspieler nur dann glaubwürdig, wenn man die Gefühle seiner Figur zunächst mal selbst glaubt. In dem Sinne sind diese Gefühle dann auch echt. Es gibt nichts Übleres als erzwungenes Spiel, glauben Sie mir, ich hab da so meine Erfahrungen.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Meat Loaf: Manche Regisseure haben mich gezwungen, Gefühle zu spielen, die ich nicht spielen wollte. Weil sie für mich keinen Sinn machten. Man könnte jetzt sagen, dass die eigentliche Kunst des Schauspielers dort beginnt, wo er selbst in so einer Situation fähig ist, etwas glaubhaft darzustellen, an das er selbst nicht glaubt. Ich bin da skeptisch: Es bleibt erzwungen.

Morgenpost Online: Gab es auch in Ihrer Musikerkarriere erzwungene Momente?

Meat Loaf: Manches ist erzwungen. Eigentlich sogar ziemlich viel. Als ich 2006 "Bat out of Hell III" fertig hatte, habe ich das niemandem erzählt, aber: Da sind mindestens drei Songs drauf, die ehrlich gesagt totaler Mist sind. Schon "Bat out of Hell II" hätte 1992 anders geklungen, wenn uns die Plattenfirma nicht die Daumenschrauben angezogen und gesagt hätte: Das dauert alles zu lang, ihr müsst jetzt fertig werden.

Morgenpost Online: Man hat nie genug Zeit?

Meat Loaf: Es ist eine Tragödie.

Morgenpost Online: Warum gibt es keinen lustigen Meat-Loaf-Song?

Meat Loaf: Die sind alle tragisch, alle. Und die neuen Songs sind so düster, die hat irgendjemand sogar "Dark Meat" genannt.

Morgenpost Online: Weshalb immer tragisch?

Meat Loaf: Die Regel bei jeder meiner Platten, eigentlich die Regel meines ganzen Lebens war immer die gleiche: Eines Tages werden wir zurückschauen - und lachen.

Morgenpost Online: Aber erst mal muss geheult werden?

Meat Loaf: Ich bin fürs Düstere. Das macht einfach mehr Spaß, als übers Glück zu singen. So wie es in Filmen immer mehr Spaß macht, den Bösewicht zu spielen.

Morgenpost Online: Das Böse, sagt man, sei immer komplexer als das Gute. Stimmt das eigentlich?

Meat Loaf: Zunächst mal: Zorn ist das mit Abstand am einfachsten zu spielende Gefühl. Zornigsein ist eh das Allereinfachste im Leben. Das Schwierigste im Film ist Traurigsein darzustellen. Vor der Kamera zu weinen, hat Sally Field mal gesagt, ist ungefähr so, als zerschneide man sich selbst - mit einem Rasiermesser. Und wenn ich nun wiederum in ein Musikstudio gehe und singe, dann ist das für mich so, als zerschneide ich mich selbst.

Morgenpost Online: Mit einer Rasierklinge?

Meat Loaf: Mit einer Rasierklinge.