Fotoausstellung

Helmut Newtons größtes Werk ist in Berlin zu sehen

Das erste Exemplar des Fotobuchs "Sumo" von Helmut Newton war das teuerste Buch des 20. Jahrhunderts. Nun ist das Werk für jedermann erschwinglich. Zum Erscheinen der Neuauflage sind die Bilder in Berlin ausgestellt: Prominente sind düster und genial in Szene gesetzt.

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Ausstellung zeigt legendäre Newton-Fotos

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Für Foto-Fans ist es das Buch aller Bücher: Helmut Newtons "Sumo". Vor 10 Jahren im Taschen Verlag in einer Auflage von 10.000 Exemplaren zum Preis von 1000 DM veröffentlicht, werden inzwischen für das längst vergriffene Werk von Sammlern weit über 8000 Euro verlangt, die von allen abgebildeten Persönlichkeiten signierte Nr. 1 wurde sogar in einer Auktion mit einem Erlös von 620.000 DM zum teuersten Buch des vergangenen Jahrhunderts.

Und auch wenn es mit seinen mehr als 35 Kilogramm Gewicht im Format 70 x 50 cm nicht sonderlich praktisch ist: Schön ist es inklusive dem speziell von Philippe Starck dafür designten Tisch schon und hat daher schnell seine Verbreitung insbesondere in den gehobenen Kreisen von Los Angeles, London und New York gefunden. Nicht zuletzt, damit sich das Werk auch außerhalb der globalen Lifestyle-Elite verbreitet, hat sich Verleger Benedikt Taschen, der damals mit diesem ambitionierten Projekt "dem größten lebenden Fotografen ein Denkmal setzen" wollte, nun entschlossen, das schwergewichtige Projekt ein wenig abzuspecken und als unlimitierte "Volksausgabe" auf den Markt zu werfen.

June Newton war zunächst schockiert

Tatkräftig unterstützt hat ihn dabei June Newton, die am Tag der Buchvorstellung in der Helmut Newton-Stiftung, die jetzt das komplette Buch ausstellt, ihren 86. Geburtstag feierte und noch immer quirlig agiert. Befragt nach ihren Empfindungen angesichts der Neuauflage antwortet sie verschmitzt: "Als ich hier rein kam, war ich schockiert. Ich dachte: Das sieht ja aus wie Tapeten! Einfach zu viel, besser wäre eine Auswahl aus Sumo gewesen. Doch je länger ich es mir ansehe, desto klarer wird mir, was für ein großartiger Fotograf Helmut war. Insbesondere im Doppelseiten-Layout sind die Bilder unglaublich interessant. Daher: Ziemlich gute Tapeten, ich würde sie mir glatt für mein Badezimmer kaufen."

Doch vielleicht ist das mit den Tapeten gar keine so gute Idee, wie ein Rundgang durch die drei Säle mit den knapp 400 Fotografien zeigt: Wer möchte schon mit dem französischen Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen und seinen beiden bissigen Hunden baden gehen? Und auch ansonsten zeigt Newton im Kernbestand seines Oeuvres eher die Schattenseiten des 20. Jahrhunderts, insbesondere an den Stellen, wo sie auf der Sonnenseite des Lebens aufgenommen zu sein scheinen: Die schönsten Frauen der Welt bekommen bei ihm einen Zug ins Bedrohliche, und all die schönen Beine gehen auch mal ganz alleine, getrennt vom Körper, durchs Bild, ragen leblos aus Mülltüten am Strand oder werden von orthopädischem Spezialmaterial verschönert. Und selbst die Berühmten, Schönen und Reichen bekommen bei ihm bisweilen entweder durch eine künstliche Überhöhung oder das Einfangen eines schwachen Augenblicks einen Zug ins Unschöne: Malerfürst Dali mit Nasenschlauch, Regie-Genie Rainer Werner Fassbinder mit Maß und Fluppe in einer bayerischen Kneipe mit urigen Ornamentfenstern im Rücken oder Grace Jones und Dolph Lundgren mit der Ausstrahlung arbeitsloser Terminatoren in einer Seitenstraße - der reine Glamour sieht anders aus. Brigitte Nielsen gerät ihm in Monte Carlo zur Furcht einflößenden Kampfschwimmerin, Anselm Kiefer zeigt er barfüßig in Venedig und sogar Her Royal Highness Prinzessin Caroline bekommt eine grobschlächtige Collage verpasst. Mehr Glück haben Helmut Berger, David Lynch und Isabella Rosselini gehabt, die Newton in Momenten ungebrochener Anziehung zeigt.

Der Nachwuchs des Meisters

Ebenfalls beachtlich: Der zweite Teil der bis Januar 2010 laufenden Ausstellung mit dem Titel "Three Boys from Pasadena". Gemeint sind damit die drei inzwischen den Kinderschuhen weit entwachsenen amerikanischen Fotografen Mark Arbeit, George Holz und Just Loomis, allesamt einst Helmut Newtons Assistenten und nach Einschätzung von June Newton, die einzigen, aus denen eigenständige Fotografen geworden sind. Und tatsächlich: Der in Los Angeles lebende Just Loomis zeigt ungekünstelte Dokumente eines eher unglamourösen amerikanischen Alltags, die auch etwas von Larry Clark haben: Seine Teenager mit Waffen und Skaterboys mit seltsamer Ausstrahlung sind in ihrer teils freiwilligen, teils unfreiwilligen Randständigkeit näher an "Vice" als an "Vogue" oder "Vanity Fair". Der New Yorker George Holz, der als Auftragsfotograf für Prominente im Geschäft ist, orientiert sich hingegen stark an der Avantgarde der ganz alten Schule und lässt sich von Fritz Lang inspirieren, während der auf Hawaii lebende Mark Arbeit sich auf Techniken surrealistischer Aktfotografie bezieht.

Dennoch haben sie viel vom Meister profitiert: "Als wir Helmut vor dreißig Jahren trafen, waren wir junge Fotografen am Beginn unserer Karrieren und er war einer der berühmtesten Kollegen. Mir hat er beigebracht, mich niemals vor zu wenig Licht zu fürchten. Sieht man etwas Großartiges, sollte man nicht wegen ein wenig Dunkelheit darauf verzichten. Jetzt gemeinsam mit ihm ausgestellt zu werden ist eine große Ehre", erzählt Mark Arbeit. Just Loomis ergänzt: "Ich habe von ihm gelernt, mich an Orte zu erinnern - Orte, an denen man beispielsweise aufgewachsen ist. Herauszufinden, wo man herkommt, um so seine Stimme zu finden und darauf aufzubauen." Auch George Holz hat etwas gelernt - sich nämlich nach dem offiziellen kommerziellen Shoot nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben, sondern dann die eigene Arbeit in Angriff zu nehmen. Und die ist vielleicht doch schwieriger, als mancher Zeitgenosse des digitalen Zeitalters denkt - zumindest wenn man Helmut Newton glaubt, der gern mit den skeptischen Worten "Die ersten 10.000 Aufnahmen sind die schlechtesten" zitiert wird.

Museum für Fotografie /Helmut Newton Stiftung, Jebensstraße 2, Charlottenburg. Bis 31. Januar 2010. Di - So 10 - 18 Uhr, Do bis 22 Uhr.

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