Pop

Katy Perry – auf Britney Spears' Spuren

Sie zieht sich so züchtig und unschuldig an, wie ein Mädchen aus den Fünfzigerjahren. Doch Katy Perry singt von lesbischer und schwuler Liebe, um Tabus zu brechen und Sex-Fantasien zu befriedigen. Mit ihrer Skandalstrategie und ihrem Song "I Kissed A Girl" hat sie es sogar bis an die Spitze der US-Charts gebracht.

Foto: Michael Elins

Die gute Nachricht: Man muss nicht gleich drogensüchtig sein, um als Newcomer im Popgeschäft Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss auch nicht sofort Pornovideos von sich ins Netz stellen. Die schlechte Nachricht: Ohne die Inszenierung eines irgendwie gearteten Verstoßes gegen die guten Sitten, der sich zugleich zelebrieren und bedauern lässt, geht es dennoch nicht. Jüngstes Beispiel: Katy Perry, eine junge Dame aus Santa Barbara, Kalifornien. Von ihr hat man hierzulande bislang zwar wenig gehört, in den USA verscheuchte sie jedoch vor zwei Wochen Coldplays „Viva La Vida“ von Platz 1 der Charts.

Katy Perry sieht hübsch aus und kleidet sich im Retrostil der Fünfzigerjahre, nur ein bisschen züchtiger und unschuldiger vielleicht als Burlesk-Star Dita von Teese. Madonna hat Katy Perry kürzlich zu ihrer Lieblingssängerin erkoren. Sie ist 23 Jahre alt, hat ihre Flegeljahre hinter sich, um der Öffentlichkeit nun Teenagersünden zu gestehen. In ihrem Hit „I Kissed A Girl“ singt sie etwa darüber, wie es ist, als pubertierendes Mädchen, das eigentlich Jungs gut findet, ein anderes Mädchen zu küssen und das auch nicht so schlecht zu finden.

Von Gospel- zu Popsongs

Als feministisches Statement meint Katy Perry das nicht unbedingt, im Gegenteil: Nach dem Kuss zeigt sie sich jedoch recht verwirrt, ein schlechtes Gewissen plagt sie. „Gute Mädchen machen so etwas nicht / Sie sollten sich so nicht verhalten“, hört man sie singen. Über den Grad von Katy Perrys emanzipatorischer Fortschrittlichkeit sollte man sich lieber keinen Illusionen hingeben.

Die Tochter eines Pastors und einer Pastorin hat eine erstaunliche Verwandlung durchgemacht: Als sie es vor sieben Jahren zum ersten Mal im Musikgeschäft versuchte, trat sie noch unter ihrem bürgerlichen Namen Katy Hudson auf und präsentierte eine CD mit kreuzbraven Gospelsongs. Völlig erfolglos. Heute ist Katy Perry ein Paradebeispiel dafür, wie es sich mit mäßig spannender Musik ins Gespräch bringen lässt.

Zwar gehörte das Auftischen kalkulierter Widersprüche im Popgeschäft bis zu einem gewissen Grad schon immer zum guten Ton, Katy Perry treibt es allerdings weiter: Bei ihr geraten zu computerdesignten Marschbeats, modisch schrammelnden Rockgitarren und sanften Duselballaden Mittelalter und Moderne aneinander. Die Errungenschaften der sexuellen Emanzipation sowie der Schwulen- und Lesbenbewegung gegen Prüderie und erzkonservative Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale auszuspielen, das ist ihr Rezept.

Spiel mit der Bisexualität

Dass sie sich mit einem Frauenkuss ins Gespräch bringt, erinnert an Tatu, jenes vor einigen Jahren erfolgreich als lesbisches Paar lancierte Russinnendoppel. Und auch an den Zungenkuss, den Madonna und Britney Spears sich vor fünf Jahren bei den MTV Video Music Awards gaben. In beiden Fällen ging es natürlich weniger um ›echtes‹ lesbisches Begehren, sondern um das Brechen von Tabus und das Bedienen von Männerfantasien. Für männliche Blicke inszenierter (Pseudo-)Lesbianismus ist heutzutage immerhin auch in anderen Kontexten sehr gefragt, nicht nur im Pornogeschäft.

Die MTV-Serie „A Shot at Love“ beispielsweise erzielt in den USA derzeit mit einer hocherstaunlichen Mischung aus Castingshow, Big-Brother-TV und Stripvideo enorme Einschaltquoten: Sechzehn heterosexuelle Männer und ebenso viele lesbische Frauen konkurrieren hier um die Zuneigung einer vorgeblich bisexuellen Schönheit namens Tila Tequila. Die könnte genauso gut Playmate sein. Als Sieger der ersten Staffel ging nach einigem Hü und Hott ein Bodybuilder hervor.


So wenig, wie das überrascht, wundert es, dass bislang nichts von Plänen bekannt ist, das Konzept der Serie in der nächsten Staffel mal umzudrehen und einen angeblich bisexuellen Mann von Frauen und Schwulen umwerben zu lassen. Die Heteronormativität greift letztlich immer, egal wie viel kesse Verwirrung vorher herrschte. Auch in Katy Perrys Nummer-eins-Hit „I Kissed A Girl“ geht am Ende alles wieder seinen geregelten Weg: Im Video zum Song sieht man die Sängerin, wie sie morgens neben einem Mann aufwacht. Sie kuschelt sich an ihn und lächelt. Offenbar freut es sie sehr, aus ihrem lesbischen Albtraum endlich aufgewacht zu sein.

Gegensätze in den USA

Auch mit männlicher Homosexualität beschäftigt sich Katy Perry: „Du bist so schwul, dabei magst du Jungs noch nicht mal“, singt sie in ihrem Song „UR So Gay“ und adressiert damit einen Ex-Freund, der zwar nicht wirklich schwul ist, sie aber sitzengelassen hat, weswegen sie ihn nun wüst beschimpft. In Interviews betonte Katy Perry zwar längst, sie habe eigentlich nichts gegen Schwule, sie wolle den Song nur als Spaß verstanden wissen – und als Warnung an ihre zukünftigen Partner.

Dennoch erscheint ihre Verwendung des Wortes “schwul“ als ultimative Erniedrigung etwas fragwürdig. Dass „UR So Gay“ in den USA Katy Perrys erste Single war und „I Kissed A Girl“ erst danach kam, lässt nun sogar den Schluss zu, sie habe Lesbischsein nur zwangsweise angetestet – aus Verzweiflung über einen Mann. Mit diesem einfältigen Hin und Her hat Katy Perry nicht nur großen Erfolg, sie nervt damit auch grandios. Jedoch ist klar: Mit ihrem Programm spiegelt sie treffend die politische und kulturelle Zerklüftung ihrer Heimat wider.

Die USA sind ein Staat, der täglich weit enormere Paradoxien aushalten muss, als man sie aus Deutschland kennt. Auf der einen Seite nahm dort vor vier Jahrzehnten die Schwulen- und Lesbenbewegung ihren Anfang und leisteten die Akademien Pionierarbeit bei der Etablierung der Geschlechterforschung. Auf der anderen Seite wird in den USA der christliche Fundamentalismus immer populärer und strömen schwule Gläubige scharenweise in die Praxen von selbst ernannten Schwulenheilern, weil sie – entgegen jüngster Erkenntnisse der Wissenschaft, nach denen sexuelle Orientierung tatsächlich genetisch veranlagt ist – fürchten, als Sünder in der Hölle zu landen.

Projektionsfläche für jedermann

Als unbekannter Newcomer in einem derart zerrissenen Land aus dem Stand ein großes Publikum auf sich zu vereinen, erfordert einigen Erfindungsreichtum. Katy Perry gelingt es, indem sie Musik spielt, die jedem irgendwie gefallen kann, und dazu in ihren Texten die Moraldebatten so anlegt, dass jeder seine Position vertreten sieht.

Die Konservativen dürfen sich in ihrem Weltbild bestätigt fühlen, weil die sexuelle Grenzüberschreitung hier nur mit Reue zu haben ist und das Attribut „schwul“ als Schimpfwort benutzt wird. Die Progressiven können es begrüßen, dass in den sonst fest in den Händen hypermaskulinen Testosteron-HipHops und weiblichen Stöhn-R&Bs befindlichen US-Charts überhaupt mal eine Andeutung der Möglichkeit sexuellen Andersdenkens durchkommt. Masochistisch veranlagte Männer dürfen sich freuen, dass ihnen eine dominant auftretende Frau die Männlichkeit abspricht, Frauen darüber, dass eine Frau mal laut wird. Für jeden ist also etwas dabei. Man mag sich kaum ausmalen, mit welchen Themenpotpourris die Popstars von morgen sich noch ans Zielgruppen-Einsammeln machen werden.

Katy Perry jedenfalls hat sich für die Monate nach ihrem Nummer-eins-Hit schon gut gerüstet. Nach ihrer Weicheierbeschimpfung „UR So Gay“ und dem lesbischen Ausrutscher „I Kissed A Girl“ schüttelt sie gleich das nächste As aus dem Ärmel: Auf dem Cover ihres Albums „One Of The Boys“ präsentiert sie sich ganz im Kitschstil der Fünfziger beim Sonnenbaden, auf einer Gartenliege rekelnd.

Das Motiv ist eine originalgetreue Rekonstruktion des Plakats zu Stanley Kubricks „Lolita“-Verfilmung aus dem Jahr 1962. Sex mit Minderjährigen also. Auch Madonna fand es vor kurzem angemessen, mit dem Titel ihres jüngsten Albums, „Hard Candy“, auf ein in der Pädosexuellenszene beliebtes Chiffre für kleine Mädchen zurückzugreifen. „Ich würde alles tun, um Aufmerksamkeit zu bekommen“, erklärte Katy Perry in einem Interview im Oktober 2004, damals noch als Kate Hudson. Wie es scheint, gelingt ihr das mühelos.