Doku-Film

Stardirigent Otmar Suitner führte ein Doppelleben

Der Berliner Otmar Suitner (87), zeitlebens ein Dirigent von Weltrang, war ein Mann mit einer Schwäche für schöne Frauen. So führte er in Ost- und West-Berlin ein langjähriges Doppelleben. Über das Spannungsfeld der Dreiecksbeziehung hat sein unehelicher Sohn einen Film gedreht.

Foto: picture-alliance/ obs / ZDF

Er ist noch immer ein Kavalier der alten Schule, der junge Damen mit Handkuss empfängt und charmante Komplimente hervorzaubert: der Berliner Stardirigent Otmar Suitner. Über dessen Doppelleben hat sein unehelicher Sohn Igor Heitzmann jetzt einen Film gemacht. "Nach der Musik" lautet der Titel dieser Dokumentation, die am heutigen Sonntag zur Feier von Suitners 87. Geburtstag in einer Galavorstellung im Babylon-Kino gezeigt wird.

Lange Zeit habe er den Gedanken an einen so persönlichen Film eigentlich verworfen, sagt Heitzmann. Aber während des Drehs habe ihn die private Auseinandersetzung dann doch eingeholt, und ihm wurde die große Chance bewusst, die das Medium ihm bot: "Dinge nachzuholen, von denen ich glaubte, dass sie mir fehlen, Erinnerungen nacherzählen, gar neu erschaffen".

Denn Heitzmanns Kindheit und Jugend waren von der Abwesenheit des Vaters bestimmt, der zu DDR-Zeiten mit seiner Ehefrau Marita in Ost-Berlin wohnte und nur gelegentlich ihn und seine alleinerziehende Mutter im Westteil der Stadt besuchte. Die Mauer war allerdings nicht der Hauptgrund dafür, dass der Teenager Igor seinen Vater nur selten zu Gesicht bekam, der als renommierter Künstler und gebürtiger Tiroler einen Sonderstatus hatte, der es ihm und seiner Familie erlaubte, jederzeit die Grenzen zu passieren.

Der Sohn hasste die Oper

Der Sohn konnte früher "Oper nicht ausstehen", erst Jahrzehnte später, als die Dirigentenkarriere seines Vaters bereits zu Ende war, wurde ihm bewusst, dass er nur über die Musik seinen Vater näher kennenlernen würde, der mit den verschiedensten Spitzenorchestern die halbe Welt bereiste, an der Seite von Wieland Wagner eine bedeutende Ära der Bayreuther Festspiele prägte und als Barenboims Vorgänger jahrzehntelang die Berliner Staatskapelle leitete bis das Parkinson Syndrom seine Hände zittern ließ, und er den Taktstock für immer niederlegte.

Vor allem die gemeinsame Arbeit am Film, die sich über einige Jahre erstreckte, hat Vater und Sohn entschieden näher gebracht. Im Film warnt der Vater den Sohn vor dem Beruf des Musikers, da er sich im Zuge des vielen Reisens schwer mit einem familiären Leben vereinbaren lasse.

Beim Treffen mit den beiden im Berliner Ruhesitz Suiters schlägt der Dirigent dann etwas andere Töne an. Da zeigt sich enttäuscht, dass der Sohn, den er für einen "sehr begabten" Pianisten hält, nicht die Laufbahn eines Musikers eingeschlagen hat.

Prompt sind wir mittendrin in einer komplexen Diskussion über berühmte Väter und deren Söhne, die es oft sehr schwer haben, ihren eigenen Weg aus dem Schatten des großen Vorbilds herauszufinden. So zum Beispiel auch Serge Celibidachi, Sohn des genialen Feuerkopfs Sergiu Celibidache, der sich wie Heitzmann ebenfalls für den Beruf des Filmemachers entschied, den Suitner - wiederum zum Erstaunen des Sohnes - für eine "brotlosere Kunst" hält als die Musik.

Suitner beschränkt sich auf das Bekenntnis

Dagegen vermutet Heitzmann, dass sein Vater sein pianistisches Talent überschätzt, befürchtet sogar, dass für ihn die Wahl zum Berufsmusiker auf eine Katastrophe hinausgelaufen wäre, abgesehen davon, dass er schon früh seine Liebe zum Kino entdeckte. "Nach der Musik" ist Heitzmanns erster Langfilm, in dem er sich menschlich gesehen am meisten für die "Schmerzen und Kliffe" im Spannungsfeld der Dreiecksbeziehung interessiert. Im Film reden darüber in erster Linie die Frauen. Im Gespräch beschränkt sich Suitner auf das Bekenntnis, dass er eigentlich aufgrund seiner vielen Verpflichtungen als Dirigent kein Kind wollte und in der Erziehung dann und wann "nachlässig" wurde.

So richtig in seinem Element ist der 86-Jährige, sobald es um die Musik geht. Dann erzählt er pointenreiche, kurzweilige, auch staunenswerte Anekdoten und würdigt Kollegen wie Daniel Barenboim, den er sehr verehrt, wenngleich er auch findet, dass er insgesamt zuviel und zu wenig an der Staatsoper macht, oder die "unglaubliche Sängerin" Anja Silja, die er "einen lustigen Vogel" nennt, weil sie Wieland Wagner "Mausi" nannte.

In Bayreuth, wo Suitner Anja Silja in zahlreichen Partien erlebte, begann 1965 auch die Liebesgeschichte von Otmar Suitner und Renate Heitzmann. Im Film reist der 38-jährige Sohn noch einmal mit seinen Eltern in die Wagnerstadt, wollte er doch etwas "nachholen", weshalb er auch seinen Vater darum bat, ein letztes Mal trotz zittriger Hände die Staatskapelle zu dirigieren. Sein Wunsch wurde erfüllt, und Suitner hat es trotz anfänglicher Skepsis nicht bereut: "Da ich dieses Orchester wie mein Taschentuch kannte, musste ich kaum dirigieren, die haben jede kleine Bewegung verstanden."

Der österreichische Dirigent Otmar Suitner leitete 26 Jahre lang die Staatskapelle, das Orchester der Staatsoper Unter den Linden. Suitner hatte zwei Familien – eine im Westen, eine im Osten der damals geteilten Stadt. „Nach der Musik“, ein Film des West-Sohnes Igor Heitzmann über einen großen Dirigenten und eine Liebe im geteilten Deutschland, läuft heute (17. Mai) anlässlich des 87. Geburtstages von Suitner als Galavorführung um 15.30 Uhr im Kino Babylon-Mitte.

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