Quotenabsturz

Bei Pocher verkommt Late Night zu Witzshow

Erwartbare Witze über Wettermoderator Jörg Kachelmann, zwei Handpuppen als Co-Moderatoren und lieber Double der Gäste als echte Stars: Die Oliver-Pocher-Show aus Sat.1 hat so ihre Problemfelder und Quotensorgen. Aber macht Oliver Pocher überhaupt noch eine echte Late-Night-Show?

Foto: dpa / dpa/DPA

Jörg Kachelmann ist gar nicht von der Mattscheibe verschwunden. Während sie in der ARD-Nachrichtenredaktion noch überlegen, wie sie die Zuschauer schonend darauf vorbereiten sollen, dass die nächsten Tiefdruckgebiete vorerst ohne ihn vorbeiziehen müssen, hat das personifizierte Wetter längst den Arbeitgeber gewechselt.

Denn in der Oliver-Pocher-Show sah man Kachelmann, wie er in einer Gefängniszelle stand und auf seine ungelenk-charmante Art gedämpften Optimismus verbreitete: „Hinter den Mauern ist es windstill.“

Noch bevor die Vorwürfe gegen Deutschlands prominentesten Schönwetter-Lieferanten bewiesen sind, hat er vorab schon mal die Höchststrafe kassiert. Er moderiert jetzt das Wetter für die Oliver-Pocher-Show.

Oliver Pocher mit Perücke und in gestreifter Gefängniskleidung – der Gag kam so überraschend wie der Gong vor der „Tagesschau“.

Und er offenbarte das ganze Dilemma dieser Show, von der nach einem halben Jahr wenig übrig geblieben ist – außer der Show-Treppe, von der Sat.1 einst behauptet hatte, sie sei die „wahrscheinlich steilste und längste Show-Treppe der Late-Night-Geschichte.“ Mit einem Gefälle von 4,05 Meter.

Wie man den Medienrummel um Jörg Kachelmann aufgreifen kann, ohne sich den Vorwurf der Häme gefallen lassen zu müssen, hatte Pochers ehemaliger Ausbilder Harald Schmidt schon einen Tag vorher in der ARD demonstriert.

Stellvertretend für den in Untersuchungshaft sitzenden Kollegen moderierte er das „Knastwetter“: „Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, 24 Grad, man könnte sagen: lebenslänglich Sonnenschein.“

Jetzt, da der Marktanteil von Pochers Show unter den Senderdurchschnitt auf besorgniserregende 8,1 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen gerutscht ist, scheint ihm Sat.1 endgültig Narrenfreiheit zu lassen.

Einst als neues Aushängeschild des Senders mit Johannes B. Kerner an Bord geholt, entpuppt sich der Hoffnungsträger immer mehr als Sorgenkind. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, hat Sat.1 die Late-Night-Show inzwischen aller Attribute beraubt, die dieses Format definieren.

Von der sechsköpfigen Showband ist nur noch eine DJane übriggeblieben. Der rustikale Schreibtisch machte einer cremefarbenen Sofa-Ecke Platz. Der Stand-up wurde auf ein paar Witze eingedampft. Offenbar muss Sat.1 sparen. Doch in der Pressestelle wird das dementiert. „Es gibt keine Budgetkürzung“, heißt es da. „Alle inhaltlichen und optischen Veränderungen sollen dazu beitragen, die Performance der Show zu verbessern.“

Tatsächlich, so scheint es, geht es auf der schrägsten Showtreppe der Late-Night-Geschichte gerade steil bergab. Von den internationalen Prominenten hat sich nach dem vielversprechenden Debüt mit Shakira schon lange keiner mehr in der Sendung sehen lassen.

Pocher behilft sich mit Doppelgängern. Die sind billiger. Statt Karl Lagerfeld begrüßte der Gastgeber in der der vorletzten Sendung einen Doppelgänger. Das Original hätte sich wohl nie dazu herabgelassen, ein Foto des nackten Schlagersängers Michael Wendler mit den Worten zu kommentieren, er wüsste gar nicht, was er ihm zuerst raten sollte, ein neues Outfit oder Enthaarungscreme. Mon Dieu.

Papa Pocher, das ist die einzige gute Nachricht, musste gehen. Der Running Gag entpuppte sich als „lame duck“. Die schlechte Nachricht ist, dass statt seiner jetzt zwei Plüschbabys namens Kalle & Ralle ungestraft dazwischen plappern dürfen.

Zum Beispiel erklärten die von Martin Reinl gespielten Puppen, was sie als Kandidaten für den Quotenrenner „Deutschland sucht den Superstar qualifiziert: „Wir können nicht singen. Und wir haben ein ganz schweres Schicksal. Wir müssen unsere gesamte Kindheit mit Oliver Pocher verbringen.“

Ein Dialog kommt mit diesen Sidekicks nicht zustande. Auch die Puppen müssen nur als Stichwortgeber herhalten. Pocher lacht am liebsten über seine eigenen Witze. Er sprüht vor Begeisterung über seine eigenen Einfälle. Hin - und wieder gelingt ihm dabei auch ein Treffer.

Wer außer ihm wäre schon auf die Idee gekommen, die eigene Schweinegrippe zum Gegenstand eines Video-Tagebuchs zu machen?

Auch ein erster Test mit einem Lügendetektor brachte gestern etwas Abwechslung. Zu Gast war der Modelmacher Peyman Amin, bekannt aus der Castingshow „Germany’s Next Top Model“. Heidi Klum hat ihn einst per E-Mail gefeuert.

Ob er Günther Klum für einen guten Vater halte, wollte Pocher wissen. „Ja“, antwortete der Autor pflichtschuldig. Sein Herzrasen überführte ihn der Lüge.

Es war der einsame Höhepunkt der Sendung. Unterm Strich ist das Potpourri aus Umfragen unter arglosen Passanten („Glauben Sie, dass der Kachelmann die Frau vergewaltigt hat?“) und Selbstversuchen als Crashtest-Dummy auf dem Hundeplatz nicht sehr innovativ. Der Show fehlt jede Dramaturgie. Es ist eine Late Night ohne Late Night. Gute Nacht.