Crumb und König

So apokalyptisch sieht die Bibel als Comic aus

Das Buch der Bücher wird popkulturell weiter erschlossen. Gleich zwei Comic-Zeichner legen jetzt ihre Interpretation der Bibel vor. In Robert Crumbs "Genesis" ist die Schöpfung so apokalyptisch wie noch nie, und Ralf König lässt die Protagonisten in seinem "Archetyp" von Spielhöllen und Swingerclubs berichten.

Am Anfang, die Geschichte ist bekannt, war das Nichts. Dann schuf Gott Himmel und Erde. Was da im Buch Genesis der Bibel geschildert wird, ist im Grunde der erste künstlerische Prozess. Aus einem blanken Irgendwas schafft Gott die Welt. Es ist nicht unbedingt die beste aller Schöpfungen. Jedenfalls nach der Lesart von Robert Crumb und Ralf König. Beide Comiczeichner haben sich in den letzten Jahren des Textes angenommen. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

"Ich, R. Crumb, Illustrator dieses Buches, versichere hiermit, dass ich den Urtext der Bibel nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben habe", leitet der amerikanische Zeichner seinen voluminösen Band "Genesis" ein. In der Tat ist alles da: von den zwei Schöpfungsgeschichten und Adam und Eva über Noah, Abraham bis schließlich zum Tod Josephs. Satz für Satz hat Crumb graphisch umgesetzt.

"Genesis" ist nicht der erste Bibel-Comic. Bereits in den Fünfzigerjahren arbeitete der Franzose Jean Effel die Schöpfungsgeschichte in eine Reihe charmanter Karikaturen um. Gleichzeitig sollte im englischen Sprachraum Kindern der Text der Bibel als Bildgeschichte nahe gebracht werden. "Picture Stories from the Bible" etwa hießen diese meist schnell und plump produzierten Hefte, die biblische Erzählungen in die Nähe naiver Superheldencomics rückten.

Hierzulande erschien vor einigen Jahren die "Manga-Bibel". Mit der japanischen Comic-Kultur hatte das würdelose Büchlein, das beide Testamente auf zweihundert Seiten als Actionstory abackerte, nichts zu tun. Es stammte von einem Briten.

Crumbs Comic dagegen ist bewusst sperrig. Nein, sagt er ebenfalls im Vorwort, er glaube nicht daran, dass die Bibel Gottes Wort enthält. Sie sei eine Ansammlung älterer Geschichten, zusammengezimmert aus Machtmotiven. Beim Wort genommen, soll sie genau das offenbaren.

Der bilderstürmerische Ansatz passt zu dem Zeichner. In den Sechzigern zählte Crumb zu den Ikonen der Hippie- und Gegenkultur der USA. Statt Superhelden entwarf er skurrile Geschichten über Frauen mit dicken Hintern und langbärtige Eso-Freaks. Seit den Neunzigern lebt der einstige Revoluzzer in einem Dorf in Nordfrankreich, dessen Namen er geheim hält, um Wallfahrten von Fans zu verhindern. Comics hat er kaum noch gemacht. Stattdessen immer wieder Skizzenbücher veröffentlicht, die zeigten, wie sich sein wabbelig-lakonischer Stil verfeinerte.

Mit "Genesis" schließlich hat er das grafische Versprechen eingelöst, das diese Skizzenbücher gaben. Unzählige fein ziselierte Schraffuren verleihen den Bildern Tiefe und Substanz. Die tausenden feinen Striche erzeugen ein nervöses Flackern, die vielen dunklen Flächen laden die Bilder alptraumhaft auf.

Nie zuvor war die Schöpfung apokalyptischer. Überhaupt zeichnet Crumb, der für die Darstellung historischer Gegenden, Gewänder und Werkzeuge ausführlich recherchiert hat, kein romantisch verklärtes Bild vom vorchristlichen Nahen Osten und den Hauptfiguren der Geschichte.

So ist die lumpengewandete Familie Noahs, ein tumber Haufen Bauerntölpel mit hohlem Blick, an Armseligkeit kaum zu übertreffen. Abraham, Stammvater Israels, entspricht der scheußlichsten Karikatur eines hakennasigen Juden. Wo der Zeichner schon nichts am Wort der Vorlage ändert, kippt er bildlich kübelweise Häme über die Erzählung aus.

Natürlich ist darin Crumb, der Spötter, zu sehen, der nicht aus seiner Haut kann. Sein Gott ist Charlton Heston nachempfunden, und an manchen Stellen dem Zauberer Gandalf aus "Herr der Ringe" - einem der zentralen Bücher der 68-er-Gegenkultur. Noahs Söhne tragen die Gesichter der drei Stooges, legendäre amerikanische Kurzfilmkomiker, die für ihren brachialen Slapstick berühmt wurden. Und Eva, die schon auf Seite acht Opfer von Adams Geilheit wird, hat ein typisches Crumb-Hinterteil.

Damit ist "Genesis", der zugleich hoffnungsloseste wie witzigste aller Bibel-Comics, vor allem ein kraftvolles Spiel mit Bildern. Wo Crumb als Bibel-Exeget scheitert, weil er nur das Offensichtliche sagt, gewinnt er als Comicerzähler, dessen "Genesis" frei von jeglicher Altersmilde ist. Ein wütender, radikaler Comic, der nicht nur aufgrund des Sujets neue Maßstäbe in der literarischen Adaption setzt.

Genau wie "Genesis" beginnt auch Ralf Königs "Archetyp" im Schöpfungs-Tohuwabohu. Anders als bei Crumb taucht Gott hier aber nur indirekt in Form frakturgesetzter Monologe auf. "Gott sprach: Es werd'n Strich" beginnt Königs Comic-Genesis, "doch der war ziemlich krakelich", kommentiert der Erzähler. Schöpfung mit Anlaufschwierigkeiten.

Die hat König selbst nicht. "Archetyp" ist bereits der zweite Teil einer geplanten biblischen Trilogie. Deren erster Band, "Prototyp", handelte zwar schon ausgiebig von Schöpfung und Paradies. (Der dritte soll von Paulus handeln.) Aber während in "Prototyp" das komische Drama der Versuchung und die Dreiecksbeziehung Gott/Adam/Schlange im Mittelpunkt stand, dient die Schöpfungsgeschichte im Schnelldurchlauf, mit dem König sich auf das entscheidende Kapitel von Noah und seiner Familie vorarbeitet, in "Archetyp" nur dazu, noch einmal die scheinbare Verderbtheit des Menschengeschlechtes vorzuführen. Insbesondere deren Drang zur Vermehrung.

Noah ist die Antithese zu dieser vorsintflutlichen Spaßgesellschaft, ein lustfeindlicher Fanatiker mit übersteigertem Ego. "Es ist dir vielleicht noch nicht aufgefallen, aber ich, Noah, bin unter allen Menschen der einzig Gerechte", schnauzt er Gott an und fordert zum Weltgericht auf. Anders als Crumb schert König sich so wenig wie möglich um die biblische Vorlage. Dennoch kommt er zu einigen verblüffend ähnlichen Ergebnissen.

Nicht nur die Sequenz, in der Adam und Eva "ein Fleisch" werden, ist bei beiden Zeichnern nahezu identisch. Auch Königs Noah entspricht eher dem Klischeebild vom zauselbärtigen Eiferer als jenem, das spätere Christen gern von ihm zeichneten. "Vergnügungsviertel, Spielhöllen, Bordelle, Swingerclus, Parties, Orgien, Körperkult!!! Kurz: Wollust!!", klagt dieser Noah dem Herrn in "Archetyp" sein Leid. Er ist ein bitteres Männlein, dem die göttliche Glorie ganz abgeht.

Ganz offensichtlich bereitet König die gallespritzende Gestalt mit ihren ewigen Klagen viel Spaß. Noah ist ein Isnogud, ein Louis de Funès, ein Egomane, der fortlaufend an den eigenen Unzulänglichkeiten scheitert. Wie daran, im Vorfeld des von ihm herbeigesehnten Weltunterganges von jeder, aber auch wirklich jeder Art ein Paar an Bord der Arche zu nehmen. Süffisant zählt Gott, der das Weltende eher widerwillig einläutet, ihm allein die Dutzenden Froscharten auf, die es zu berücksichtigen gilt. Von größeren Tieren ganz zu schweigen: "Zwei von diesen Elefanten, und die Arche ist voll", motzt der biblische Bootsbauer.

Weil König sich aber nicht an den Originaltext hält, steht ihm die Möglichkeit zur Läuterung des Giftzwerges offen. Anders als in der Bibel wird Noah in seiner Arche letztlich auf ebenso überraschende wie emotional mitreißende Weise aus seinem kleinlichen Standpunkt erhoben. In "Archetyp" geht es zwar vordergründig um religiösen Fanatismus, in Wahrheit aber, wie Gott Noah schließlich ins Stammbuch diktiert, um die Bewahrung der Schöpfung. "Wollen wir uns den Weltuntergang nicht ersparen?", fragt er Noah in dessen vollgepfropfter Arche. Noah hat dazu nichts mehr zu sagen.

Robert Crumb, Genesis. Carlsen, Hamburg, 228 S., 29,90 Euro

Ralf König, Archetyp. Rowohlt, Reinbek. 144 S., 16,90 Euro

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