"Blind Side" vs. "Precious"

Bullock und Sidibe sind die Gesichter Amerikas

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Peter Zander

Sie waren Konkurrenten bei den Oscars und kommen nun gleichzeitig in die deutschen Kinos: "Precious" (u.a. mit Gabourey Sidibe und Mo’nique) und "Blind Side" (mit Sandra Bullock) zeigen soziale Missstände in den USA. Dabei fällt Bullocks Heile-Welt-Kitsch deutlich gegen Sidibes Realitätsnähe ab.

Die eine ist weiß, im reifen Alter (45), noch immer makellos schön (so makellos, dass manche immerhin fragen, ob das noch mit rechten Dingen zugeht) und, dies vor allem, beliebt. In Publikumsumfragen rangiert sie regelmäßig ganz oben. Die andere ist jung (26), schwarz, weithin unbekannt – und übergewichtig. Keiner käme auf die Idee, sie als schön zu bezeichnen, auch wenn „Der Spiegel“ diese Woche krampfhaft versucht, an ihr ein neues Schönheitsideal festzumachen.

Sandra Bullock und Gabourey Sidibe könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch stehen sie in gewisser Weise für dieselbe Sache ein. Sie spielen beide die Hauptrollen in Filmen, die, selten genug im US-Kino, soziale Missstände aufzeigen.

Beide Filme handeln von benachteiligten Schwarzen, beide basieren auf Bestsellern und wahren Geschichten. Bei den Oscars traten sie direkt gegeneinander an. Und die Ironie will es, dass beide parallel, „Precious“ wie „Blind Side – Die große Chance“, in unseren Kinos starten und somit direkt um die Zuschauer konkurrieren.

Und auch sie könnten, trotz des gemeinsamen sozialkritischen Impetus, unterschiedlicher nicht sein. Der eine zeigt die Missstände, wie sie sind, stellt sie schonungslos, zuweilen fast unerträglich dar. Der andere erzählt ein sozialkitschiges Märchen, ein Zuckerwerk ganz ohne Bittermandel. Doch beide glauben an den uramerikanischen Traum: Du kannst es schaffen, du musst nur deine Chance ergreifen.

Beginnen wir mit „Precious“. Die Performancekünstlerin Sapphire veröffentlichte ihren Roman „Push“ 1996 und löste damit einen Skandal aus. Weil sie in schonungsloser, direkter, zum Teil provokant ordinärer Sprache ein Sittengemälde aus Harlem zeichnete.

Sapphire weiß, wovon sie schreibt. Ihre Mutter war Alkoholikerin, ihr Vater misshandelte sie. Sie schlug sich erst als Stripperin und Prostituierte durch, wurde dann Sozialarbeiterin und Lehrerin für analphabetische Kinder. Als solche begegnete sie Menschen wie Precious und schrieb ihr Buch darüber. „So“, sagt die Autorin kämpferisch, und diesen Satz müssen wir uns merken, „so sieht das wirkliche Leben aus.“

Der schwarze Regisseur Lee Daniels hat den Roman verfilmt. Das war nicht einfach und konnte nur realisiert werden, weil Oprah Winfrey – die prominenteste Schwarze in den USA und selbst ein Missbrauchsopfer – als Produzentin hinzukam.

Denn der Film richtet den Blick genau dahin, wo die US-Gesellschaft am liebsten wegguckt. In die Armenviertel der Schwarzen. Hier haust Precious (Gabby Sidibe) und träumt sich in Fantasien, wo sie ein Star auf roten Teppichen ist. Die Gegenwart sieht anders aus. Sie wird verspottet von den Jungs auf der Straße. Schikaniert, gedemütigt und verprügelt von ihrer Mutter (Mo’nique). Vergewaltigt von ihrem Vater, der ihr zwei Kinder macht und, wie sich im Lauf des Films herausstellen wird, auch mit HIV ansteckt.

Precious ist erst 16 – und ihr Leben scheint schon zu Ende. Bis eine beherzte Lehrerin einer Sonderschule sie unter ihre Fittiche nimmt. Langsam lernt das Mädchen, Selbstvertrauen zu finden, sich von der Mutter zu befreien.

Eine Emanzipationsgeschichte, die schmerzt und wütend macht. Die Mär setzte erst nach den Dreharbeiten ein: Daniels Adaption, in dem auch die Musikstars Lenny Kravitz und Mariah Carey markante Nebenrollen spielen, wurde zum Überraschungshit, heimste auf zahlreichen Festivals mehr als 40 Preise ein und wurde gar einer der großen Oscar-Favoriten.

Kommen wir nun zu „Blind Side“. Er handelt von einem ebenfalls übergewichtigen Schwarzen (Quinton Aaron). Er stammt aus Memphis, genauer aus dem Armenviertel mit dem sprechenden Namen Hurt Village, er hat seinen Vater nie gekannt, wurde seiner Mutter früh entrissen, läuft diversen Pflegefamilien davon.

Aber ist es wirklich seine Geschichte? Oder nicht die der WASP-Karrierefrau Leigh Anne Tuhoy, die den 17-Jährigen eines Nachts schlotternd in der Kälte findet und spontan bittet, erst die Nacht und dann sein Leben in ihrem Haus zu verbringen?

Man mag es kaum glauben, aber auch diese Geschichte ist wahr, der Journalist Michael Lewis hat sie aufgezeichnet („Blind Side: Evolution of a Game“), und weil aus dem armen Buben der Footballstar Michael Oher wurde, wurde das Buch ein Bestseller und schließlich verfilmt.

Dabei versicherte sich Regisseur John Lee Hancock eines veritablen Stars, und den fand er in Sandra Bullock, die immer wieder aus ihren festgetretenen Pfaden als Komödientrampel („Miss Undercover“, „Selbst ist die Braut“) ausschert, um sich und uns allen zu beweisen, dass sie auch dramatisches Potenzial hat.

So sieht das wirkliche Leben aus: Das will uns auch „Blind Side“ erzählen. Es gibt sie, die erzrepublikanischen Heile-Welt-Familien in ihren Luxuspalästen, selbst in den Südstaaten, die sich um Benachteiligte sogar einer anderen Rasse kümmern.

Diese unglaubliche Geschichte wird indes ganz ohne wirkliche Konflikte oder auch nur störende Dissonanzen erzählt. Weder der Papa noch die leiblichen Kinder missbilligen auch nur einmal den Entschluss der Mutter. Selbst die Umwelt rümpft nur mal kurz die weiße, gepuderte Nase; und sogar ein Besuch der blonden Super-Mom im Schwarzenviertel bleibt gewaltfrei.

Der Film fragt sich nicht einen Moment, woher diese Motivation, dieser Missionseifer eigentlich rührt, der dadurch Begünstigte übrigens auch nicht. Und die sozialen Klüfte werden allzu simpel überbrückt mit den rassen- und klassenübergreifenden Elementen Religion – und Football.

„Blind Side“ und „Precious“ zeigen auf phänomenal kontrastive Weise, was man in den USA alles unter sozialkritischem Kino verstehen kann. Der eine zeigt die traurige Regel, der andere feiert die glamouröse Ausnahme. „Precious“ handelt von der mühsamen Selbstfindung eines Individuums, freilich nicht ohne staatliche Unterstützung. „Blind Side“ erzählt die Mär von barmherzigen Königswesen. Das Feelgood-Movie zur Obama-Ära, aber doch eines, das besagt: Allein wäre aus dem Jungen nie etwas geworden.

Keine Frage, welchen Film das US-Publikum bevorzugt. Und auch in Deutschland fand sich für „Precious“, aller Preise zum Trotz, lange kein Verleih. Bullock gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin, Sidibe verlor; dafür bekam Mo’nique für ihre großartige Leistung als Muttermonster den für die beste Nebendarstellerin und Lee Daniels den fürs Drehbuch.

Gleichwohl: Für Gabourey Sidibe ging mit dem Film ein Traum in Erfüllung, den sie gar nicht geträumt hat. Sie steht plötzlich im Blitzlichtgewitter der Weltöffentlichkeit wie ihre Precious in deren Fantasien. Sandra Bullock macht hingegen gerade eine Achterbahn der Gefühle durch.

Erst mit der Goldenen Himbeere zur schlechtesten Schauspielerin gekürt (für ihre jüngste Komödie „Verrückt nach Steve“), dann der Oscar-Triumph – und schließlich das Familiendrama, als herauskam, dass ihr Mann Jesse James sie mit einem Model betrogen hat, eben zu jener Zeit, als sie „Blind Side“ drehte. Die Welt, sie ist doch nicht immer so heil wie in gewissen Hollywoodproduktionen. So sieht das wirkliche Leben aus.