Kino-Film "Wolfman"

So gruselig war es in Queen Victorias Land

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Sascha Westphal

Es wird mal wieder zugebissen: In Joe Johnstons Remake des 1941 entstandenen Horrorklassikers "Wolfman" versucht ein Shakespeare-Mime (Benicio del Toro), den Tod seines Bruders aufzuklären. Doch dabei wird er selbst von einem Ungeheuer angegriffen. Das hat verherende Folgen.

Das viktorianische England des späten 19. Jahrhunderts erlebt gerade ein bemerkenswertes Comeback im Hollywood-Kino. Wie vor ein paar Wochen schon Guy Ritchies "Sherlock Holmes" spielt auch "Wolfman", Joe Johnstons Remake des 1941 entstandenen Horrorklassikers aus dem Hause Universal, in dieser Ära des Umbruchs, in der Prosperität und Verfall, Fortschrittsglauben und Aberglauben Hand in Hand gingen.

Nach dem Tod seiner Mutter musste der damals etwa zehnjährige Lawrence Talbot den riesigen Landssitz seines Vaters Sir John Talbot (Anthony Hopkins) verlassen. Seither ist er nicht mehr dorthin zurückgekommen. Doch nun erreicht ihn, der als Shakespeare-Mime weltberühmt geworden ist, ein Brief von Gwen Conliffe (Emily Blunt), der Verlobten seines Bruders Ben. Der ist verschwunden.

Also kehrt der von Benicio del Toro gespielte Lawrence zurück nach Blackmoor. Doch er kommt zu spät. Ben ist tot. Seine schrecklich verstümmelte Leiche wurde in einem Graben gefunden. Nun kann der verlorene Sohn Lawrence nur noch versuchen, herauszufinden, was geschehen ist. Aber eben dieser Drang nach der Wahrheit, die zugleich Erlösung verheißt, wird ihm zum Verhängnis.

Mit seinen beiden "Mumien"-Abenteuern hatte Stephen Sommers bisher den Ton der Wiederbelebungen der alten Universal-Horrorstoffe vorgegeben. Sie waren eher postmoderne Revisionen als Remakes. Aus den beinahe lyrischen Filmen über Liebe und Tod, Schuld und Verdammnis, deren Wurzeln in der schwarzen Romantik des 19. Jahrhunderts lagen, wurden spektakuläre Großproduktionen, die sich hemmungslos bei den popkulturellen Mythen des 20. Jahrhunderts bedienten. Diesem Trend widersetzt sich Regisseur Joe Johnston von Anfang an.

Schon Ben Talbots Tod im Wald von Blackmoor ist eine atmosphärisch ungeheuer stimmige Miniatur des Schreckens, eine fast schon goyaeske Beschwörung der bestialischen Seite der Welt und der menschlichen Natur.

Der eigentliche Horror dieser unendlich traurigen Beschwörung einer im Räderwerk des Todes gefangenen Epoche liegt dann auch gar nicht in den erstaunlich drastischen Werwolf-Sequenzen. Er erwächst vielmehr aus der unentrinnbaren Tragik allen menschlichen Strebens. Ein bizarres, von ödipalen Verstrickungen gekennzeichnetes Dreieck bestimmt das Geschehen.

Ein mit dem Schicksal wie mit seinem Unterbewusstsein ringender del Toro, ein sich in Dämonie flüchtender Hopkins und eine sich mit aller Macht gegen das Unvermeidliche stemmende Emily Blunt verstricken sich tiefer und tiefer in ein Netz aus Sehnsüchten und Leidenschaften.