Galerien-Wochenende

Die ganze Stadt wird zur Kunstmeile

Gleich zwei Bündnisse mit mehr als 80 Berliner Galerien laden zum langen Wochenende - mit alten Bekannten wie Gerhard Richter oder Annie Leibovitz, aber auch mit Dutzenden Neuentdeckungen. Schwerpunkt ist Mitte. Und durch das Kerngebiet zeitgenössischer Kunst gibt es auch Führungen.

Mit Metropolenkunst in den Mai: Wer nach dem Tanz in den Wonnemonat noch Kraft hat, kann in Berlin ordentlich Kunst tanken. Gleich zwei Galeristenbündnisse locken an den ersten drei Maitagen in ihre Läden zur Leistungsschau der jungen Zeitgenössischen Szene. Neuinteressenten und "alte Hasen" können dabei auf Berückendes stoßen.




Hilfreich: Durchs Berliner Kerngebiet zeitgenössischer Kunst gibt es Führungen, von art:berlin organisiert (Telefon: 28 09 63 90). Stets um 14 und 16 Uhr - freitags, sonnabends und sonntags - trifft man sich dafür vorm Postfuhramt in der Oranienburger Straße 35/36. An dieser Einmündung der Tucholskystraße gibt es auch die erste Attraktion: Wer die Starshow "A Photographer's Life" von Annie Leibovitz noch nicht sah, kann das im Rahmen einer Führung tun. Mit sieben Euro (ermäßigt: fünf Euro) ist man dabei, eineinhalb Stunden geht es mit einer versierten "Führungskraft" durchs Galerienviertel in Mitte.

Stephan Kurr, 47, ist so ein Guide. Als Künstler und Dozent der Lexia American University, die Studenten aus den USA betreut, hat er Erfahrung, zwischen Kunstproduzenten und Interessenten zu vermitteln: "Ich bevorzuge das Gespräch mit den Teilnehmern, nicht Frontalvorträge. Da tauchen Fragen auf, die man sich sonst vielleicht gar nicht zu stellen traut." Bis zur Gretchenfrage: Was ist Kunst? Schließlich erscheint manches vor allem experimentell - erst mit Hintergrundwissen entsteht dann ein Sinn.

Mitte-Galerien gehen fürs "open weekend" zusammen

Kenntnisse mehren den Spaß aber auch, wenn das Sujet nicht fremd ist. "Wasser" heißt die Themenausstellung in der Galerie Leo. Coppi (Oranienburger Str. 83): Sie vereint Gemälde vom Altmeister clownesker Figuren Harald Metzkes mit Werken jüngerer. Kurrs "Spezialtipp" aber gilt ganz junger Kunst aus Australien: die Gitte Weise Gallery (Tucholskystr. 47) pflegt den Austausch mit dem fünften Kontinent, und Sarah Ryan zeigt bei ihr seltsam unscharfe Schwarzweiß-Fotos. Sehr gediegen ist hingegen der nächste Tipp: "Übermalte Fotografie" des vielleicht besten, sicher aber "teuersten Malers der Welt". Gerhard Richter, bietet die billirubin gallery an der Linienstraße 127.

Sie und 41 weitere Mitte-Galerien gehen fürs "open weekend" zusammen. Am 1. und 2. 5. haben sie von 12 bis 20 Uhr, am 3. 5. bis 18 Uhr geöffnet. Dabei lohnt ein Schlenker in die Joachimstraße 7: Dort zeigt die Galerie Wichtendahl Papierskulpturen von Angela Glajcar. Die Bildhauerin zerreißt schweres Bütten schichtweise, bis Höhlen und Tunnel entstehen. Darin spielendes Licht demonstriert die Nuancen der Trendfarbe Weiß. Filigran und trotzig zugleich.

Die jungen Galerien stehen denn auch ihren etablierten Schwestern nicht nach. Nur die Organisation und der Name sind anders: Fürs "Gallery Weekend" haben sich 38 "große" Galerien aus ganz Berlin gefunden. Sie zeigen ihre Neuheiten am 1. 5. von 16 bis 21 Uhr, am 2. und 3. 5. von 10 bis 19 Uhr. Michael Neff, ehemals Leiter der Frankfurter Kunstmesse, ist der Initiator. Er rechnet mit 20 000 Besuchern, von denen einige extra für Ankäufe anreisen, Krise hin oder her. Da wird es vielleicht recht voll werden, Achtung! Und Neff weiß: "Richard Artschwager bei Sprüth Magers in der Oranienburger Straße 18 wird ein Höhepunkt sein. Aber auch die Newcomer werden Aufsehen erregen." Etwa Zbigniew Rogalski mit "Echo" in der Lindenstraße 35 bei Zak Branicka. Jung, polnisch, hoch begabt zelebriert Rogalski einen magischen Realismus, der noch schnödesten Alltagsdingen Poesie einhaucht.

Vom Effekt her noch "umwerfender" ist nur der berühmte Schweizer Hyperrealist Franz Gertsch. Bei Haas & Fuchs in Charlottenburg (Niebuhrstraße 5) huldigt er in sechs Farbvarianten seiner Muse "Silvia", zeigt damit, dass das serielle Portrait-Prinzip eines Andy Warhol noch längst nicht out ist. Schließlich kann man einer schönen Frau mit nur einem Bild kaum gerecht werden.

Große Gefühle sind wieder gefragt

Der Besuch ist auch die beste Gelegenheit, sich mal wieder im Westen umzuschauen. Bis der Weg zurück nach Mitte führt, etwa in die Markgrafenstr. 67 zu Amy Sillman bei Carlier Gebauer. Sillman stammt aus Detroit, lebt in New York und wird von Charles Saatchi vertreten. Ein neuer Stern am Kunsthimmel: In soften Farben malt sie existenzielle menschliche Situationen, ins Abstrakte gleitend.

Den Schritt vom Figürlichen ganz in die Abstraktion hat Yves Oppenheim hinter sich. Er lebt in Paris und Berlin - und verbindet den Esprit der Metropolen in akkuraten Farbschleifen, die geradezu Achterbahn fahren und mit raffinierter optischer Täuschung in den Bann ziehen. Oppenheim bearbeitet seine Werke am Computer, das Ergebnis der Tüftelei wird projiziert - und mit intensiven Farben von Mintgrün über Knallviolett bis Geranienrot gefüllt. An der Oudenarder Str. 16-20 im Wedding hat Oppenheim für den Galeristen Max Hetzler eine Halle mit kurvigen Stellwänden und Gemälden gestaltet. Und erfüllt wie nebenbei einen Anspruch, der sonst Museen gebührt: Er kreiert eine eigene utopische Welt. Faszinierend. Bei Max Hetzler selbst und auch in der Galerie Guido W. Baudach sind Arbeiten des jungen Malers André Butzer zu sehen, die in ihrer farbigen Wildheit an Jackson Pollock erinnern.

Außerdem gibt es reichlich Vernissagen und Partys, auch außerhalb der Weekend-Bündnisse. Eine sei stellvertretend genannt: Sonnabend ab 18 Uhr feiern 14 noch nicht ganz so bekannte Jungkünstler mit einem isländischen DJ ihren Event in der Galerie Valery in den Uferhallen, Uferstraße 8-11 (Wedding). Spaß darf Kunst nämlich auch machen. Sogar dann, wenn insgesamt neben überraschenden bis genialen Werken auch Kapriziöses dabei ist. Die diesjährigen Frühjahrsimpulse der Kunst-Szene werden jedenfalls offenbar: Große Gefühle sind wieder gefragt.

Galerien Wochenende Weitere Informationen über die Galerien und ihre Künstler im Internet unter den Adressen www.galerien-berlin-mitte.de und www.gallery-weekend-berlin.de

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