60 Jahre

Die ARD wähnt sich mit Lena so jung wie nie

Im ARD-Jubiläumsjahr fädelte Volker Herres eine spektakuläre Zusammenarbeit mit ProSiebenSat.1 ein. Ein Modell mit Zukunft? Auf Morgenpost Online erzählt der Programmdirektor des "Ersten", was er von Grand-Prix-Kandidatin Lena Meyer-Landrut hält und was passiert, wenn sie Letzte wird.

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Morgenpost Online: Sie haben die deutsche Grand-Prix-Teilnahme zur „nationalen Aufgabe“ erklärt und Verstärkung bei ProSiebenSat.1 gesucht. Wie steht die Nation nun da?

Volker Herres: Die steht gut da. Wir haben mit Lena eine faszinierende junge Frau gefunden, die eine tolle Ausstrahlung hat und die offenbar ganz viele Menschen verzaubern und begeistern kann. Und damit haben wir das, was wir wollten: Einen Star für Oslo. Und die ARD war mit der Ausstrahlung des Finales so jung wie nie. Bei den unter 49-Jährigen hatten wir über 20 Prozent Marktanteil – das jüngste Programm an diesem Abend!

Morgenpost Online: Ist in der ARD noch der Boden da, auf dem Talente wie Stefan Raab wachsen können?

Herres: Stefan Raab ist im Bereich des Entertainments eine Ausnahmeerscheinung. Ursprünglich war er ja auch bei uns, ebenso wie Reinhold Beckmann und viele andere – fast alle haben bei uns angefangen.

Morgenpost Online: Die Zusammenarbeit von Öffentlich-Rechtlichen und privaten Medienunternehmen ist ja eigentlich gar kein Sonderfall: Die WAZ arbeitet mit dem WDR zusammen im Internet, und hat sogar Anteile am Privatradio in NRW, das ZDF verkauft mit ProSiebenSat.1 Filme im Netz, im privaten Pay-TV-Sender Sky wimmelt es nur so von öffentlich-rechtlichen Produktionen. Wann fusionieren Sie?

Herres: Da fusioniert gar nichts, weil wir eine ganz andere Aufgabe haben als die Privaten. Kommerzielle Anbieter arbeiten renditeorientiert, so will es das Duale System. Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen vom Bundesverfassungsgericht definierten gemeinwohlorientierten Programmauftrag. Das schließt aber doch nicht aus, dass man auch mal dort zusammenarbeitet, wo es die unterschiedlichen Zielsetzungen nicht konterkariert, sondern beiden hilft. Da bin ich Pragmatiker. Und „Unser Star für Oslo“ ist ein Beispiel für solch ein pragmatisches Handeln.

Morgenpost Online: Denken Sie an weitere Projekte mit Privaten?

Herres: Natürlich, vor allem im Onlinebereich. Es gibt dort einen großen Bedarf an Bildern. Und wir haben Bilder.

Morgenpost Online: Sie gehen mit Wettbewerbsvorteilen ins Rennen, nämlich knapp 8 Milliarden Euro Gebühren im Jahr. Privatsender plagen dagegen Finanzprobleme. Ist das „duale“ System auf dem Weg zur Herrschaft der Öffentlich-Rechtlichen?

Herres: Es wird Sie nicht überraschen, dass dies nicht ganz meinem Weltbild entspricht. Wir sind – so sagt es das Bundesverfassungsgericht – sogar die Voraussetzung dafür, dass Privatsender in Deutschland überhaupt zugelassen wurden. Und es ist doch nicht so, dass die Öffentlich-Rechtlichen im Überfluss leben und die Privaten dahindarben. Wir haben selber immense finanzielle Probleme, weil auch wir mit rückläufigen Gebühren leben müssen. Die Gebührenanpassungen sind weit unter unseren Bedarfsmeldungen geblieben, Gebührenausfälle durch soziale Befreiungen kommen dazu.

Morgenpost Online: Wo machen sich denn Gebührenausfälle bemerkbar?

Herres: Wir müssen in den nächsten Jahren von 15 Prozent Gebührenrückgang ausgehen. Zugleich müssen wir uns – wie alle anderen Medienanbieter – diversifizieren, um auf den verschiedenen Plattformen angemessen präsent zu sein. Die Aufgaben nehmen also tendenziell zu, bei sinkenden Einnahmen. Das bedeutet harte Diskussionen um Prioritäten.

Morgenpost Online: Und wo sehen Sie dann Einsparpotenziale?

Herres: Das geht quer durch alle Aufgaben. Da hilft zum Glück die moderne Technik, weil man damit manches einfacher machen kann.

Morgenpost Online: Im Internet begegnen Sie mit ihren gebührenfinanzierten Angeboten den Zeitungsverlagen, die im Internet zusätzliche Umsätze erzielen wollen. Ist das nicht eine sehr ungleiche Situation?

Herres: Wir unterliegen ja – anders als Verlage – klaren, auch restriktiven Beschränkungen. Und das ist gut so. Allerdings sollten auch Verlage akzeptieren, dass eine angemessene aufgabenorientierte Präsenz von ARD und ZDF zu unserer Bestands- und Entwicklungsgarantie gehört.

Morgenpost Online: Trotzdem haben Zeitungsverlage in keinem anderen Land der Welt mit so breiter, subventionierter Konkurrenz im Netz zu kämpfen. Was rechtfertigt den Fortbestand dieser Ausnahme, die der Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet war?

Herres: Die Alliierten, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach Deutschland gebracht haben, wollten die Implantation von demokratisch fundierten Medien in einer Gesellschaft, die damit nicht sehr breite Erfahrungen hatte. Und es gibt überhaupt keinen Grund, etwas daran zu ändern. Es wäre nach meiner festen Überzeugung eine mediale Verarmung der Gesellschaft, wenn man auf die Programme von ARD oder ZDF im bisherigen Umfang verzichten würde. Wir haben eines der besten Fernsehangebote auf der Welt, und es wäre sehr unklug, wenn wir das in Frage stellen würden.

Morgenpost Online: Wir fragen nach der deutschen Sondersituation. Die Briten sind sicherlich nicht weniger demokratisch, dort aber spielt die BBC eine wesentlich zurückhaltendere Rolle, vor allem im Internet.

Herres: Deutschland ist nicht nur größer als Großbritannien oder auch Frankreich, sondern auch qua Verfassung ein föderaler Staat. Aufgrund des Föderalismus ist Deutschland ein sehr kompliziertes Gebilde und deswegen ist auch der Medienbereich etwas komplizierter strukturiert. Wobei wir für 16 Bundesländer nur neun Landesrundfunkanstalten haben, der Rundfunk also schon etwas schlanker ist als das politische System. Wenn man Föderalismus will – und der Föderalismus gehört zur deutschen Kulturgeschichte – dann muss man sich auch zum damit verbundenen Aufwand bekennen.

Morgenpost Online: Ist deswegen auch die uneingeschränkte Marktverdrängung der privaten Konkurrenz erlaubt?

Herres: Die gibt es ja nicht. Mir ist schon klar, dass aus Sicht von Verlagen die Welt bequemer wäre, wenn man den Markt bereinigen könnte. Aber leben Sie mal mit Konkurrenz! Mit Blick auf die Verlegerseite bin ich allerdings schon der Meinung, dass dort teils ein ziemlich unfairer und aggressiver publizistischer Kurs gegen uns gefahren wird.

Morgenpost Online: Inwiefern unfair?

Herres: Weil ich registriere, dass die Berichterstattung in dieser Frage doch oftmals sehr einseitig und parteiisch ist. Nun mangelt es mir nicht an Mitgefühl, aber ich glaube, dass man die wirtschaftliche Lage von Unternehmen nicht zum Maßstab für journalistische Qualitätsstandards machen kann. Ich bin ja immer sehr engagiert gewesen in der Ausbildung junger Journalisten. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man die Standards, die man Journalistenschülern beibringt, mit Fußnoten versieht, die da lauten: Hängt ab von der eigenen wirtschaftlichen Interessenlage!

Morgenpost Online: Das sagt sich leicht, wenn man keine Erlöse braucht.

Herres: Aber Grundsätze gelten immer. Und ich finde auch, es ist an der Zeit, Kompromisse, die einmal medienpolitisch mühsam gefunden und geschlossen worden sind, als Basis zu akzeptieren.

Morgenpost Online: Was wird aus einer Medienlandschaft, in der Selbstentgrenzung der Öffentlich-Rechtlichen ins System eingebaut ist?

Herres: Diese Unterstellung trifft nicht zu. Es kann für uns kein grenzenloses Wachstum geben. Wir haben gerade über rückläufige Einnahmen gesprochen. Außerdem ist die ARD eines der am besten kontrollierten Systeme, das man sich vorstellen kann. Wir müssen regelmäßig von externen Experten prüfen lassen, was wir als Bedarf definieren. Gebührenerhöhungen müssen durch 16 Landtage, Programmgremien kontrollieren uns. Wenn wir etwa im Internet Akzente setzen, streng im Rahmen der Rundfunkstaatsverträge übrigens, müssen wir an andere Stelle etwas reduzieren. Von grenzenlosem Wachstum kann da keine Rede sein.

Morgenpost Online: Die Zulässigkeit Ihrer Internetaktivitäten wird intern kontrolliert – und nicht von externen Institutionen, wie es etwa in Großbritannien üblich ist.

Herres: Die Verfechter des britischen Modells werden allerdings einsehen, dass es dort eine vergleichbare Binnenkontrolle wie bei uns durch die Rundfunkräte nicht gibt. Und wir haben ja keinerlei Einfluss auf die Zusammensetzung der Rundfunkräte, der Gesetzgeber schreibt in entsprechenden Landesgesetzen fest, wer dort vertreten ist und kann das auch jederzeit modifizieren. Generell muss man sich aber doch für das eine oder andere System entscheiden, und Deutschland hat sich entschieden.

Morgenpost Online: Die Politik und andere bremsen Sie beim Internetangebot. Ohne dieses können Sie aber die jüngeren Zielgruppen vergessen – oder?

Herres: Das glaube ich nicht. Fernsehen wird es schon weiter geben, wie übrigens auch Zeitungen. Weder das eine noch das andere wird einfach durch das Internet ersetzt werden. Im Moment nimmt die Fernsehnutzungsdauer sogar noch zu, selbst bei den Jüngeren – trotz steigender Online-Nutzung – ist sie stabil. Trotzdem müssen wir im Internet aktiv sein, um den Kontakt zu dieser Zielgruppe nicht zu verlieren. Und das tun wir auch – im Rahmen dessen, was wir qua Rundfunkstaatsvertrag tun dürfen.

Morgenpost Online: Nun ist das iPad auf dem Markt. Folgt der Tagesschau-App für das iPhone etwas Vergleichbares für Apples Lesecomputer?

Herres: Da ist nichts in Vorbereitung. Als Zeitungsverleger würde ich mir das iPad aber tatsächlich sehr genau anschauen und vielleicht auch große Hoffnungen darauf setzen. Für mich ist das derzeit kein Thema.

Morgenpost Online: Wenn es in Oslo heißt: Germany: Zero Points, heißt das dann auch: Volker Herres: Zero Points?

Herres: Nein. Uns ging es darum, jemanden nach Oslo zu schicken, der Aufmerksamkeit gewinnt und auch in Deutschland für Aufmerksamkeit sorgt. Lena hat das geschafft. Ihr Song „Satellite“ liegt in den Charts ganz vorn. Wie es beim Grand Prix ausgeht, weiß keiner. Natürlich wäre Volker Herres ganz traurig, wenn Lena auf dem letzten Platz landen würde. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch nicht passieren wird.