Musik

Country ist jetzt abgestaubt und aufgefrischt

Amerika feiert seine wieder erstarkte Country-Musik und fragt sich, was das eigentlich ist. Derweil hat der Country klammheimlich die Grenzen von Nashville überschritten und wird von Künstlern poppig inszeniert. Gesponsert von einer Putzmittelfirma und frisch gereinigt erobert er die Welt.

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Wer sich vor Country ekelt, sollte Nashville, Tennessee, grundsätzlich meiden. Geradezu gewarnt wird vor einem Besuch im Juni: Zur Zeit legt die CMA, die Country Music Association, Nashville lahm mit ihrem Jahresfest. Bis Sonntag treten Hunderte von Musikern mit Hüten auf, an allen Ecken und auf allen Wiesen; zu 500 000 stolzen Einwohnen gesellen sich 200 000 Gäste, um die Vorliebe für amerikanische Musik zu teilen. Zu den Hauptsponsoren zählt Greased Lightning. Eine Reinigungsmittel-Firma aus Georgia, deren Slogan Amerikanern so vertraut ist wie der Kehrreim von "Lost Highway": "Cleans when others can't!" Wo andere versagen, kriegt Greased Lightning alles sauber. Sogar Country.

Einerseits hat Nashville allen Grund zum Feiern. Country hat den Hip-Hop wieder überholt als Leitmusik Amerikas ("Rock" zählt nicht). Brach der Hip-Hop-Markt 2007 um ein Drittel ein, verlor der Country nur ein Sechstel. So verkündete der Industrieverband RIAA: 1,2 Milliarden Dollar habe Country umgesetzt, der Hip-Hop nur 1,1 Milliarden. Das sind einhundert Millionen Dollar Differenz, für einen Paradigmenwechsel reicht es.

Country – frisch gewaschen

Andererseits wurde noch nie so heftig debattiert, worum es sich bei Country eigentlich handelt, was ihn ausmacht und von anderer Unterhaltung trennt. "Ich weiß nicht, was das ganze neue Zeug im Country-Radio noch mit unserer Musik zu tun hat", sagt Merle Haggard, 71 Jahre alt und einer jener Helden, die sich aus dem Wohnwagen zur Country Hall Of Fame empor gesungen haben. "Aber viel kann es nicht sein."

Dass Carrie Underwood in Haggards Ohren keine Gnade findet, überrascht nicht. Underwood entsprang der Castingshow "American Idol" und sorgte vergangenes Jahr für Verkaufszahlen im Country, die nur von den Eagles überflügelt wurden. Wie die Eagles nun seit 38 Jahren süffige Rockmusik mit Country würzen, handelt Carrie Underwood mit Pop, durch den gelegentlich eine Lap-Steel-Gitarre wimmert. Vor ihr taten dies bereits Faith Hill, Shania Twain und Jewel.


Aber auch von Konsenssängern wie Garth Brooks verlangt niemand, dass sie von Mord und Totschlag singen. Sondern nur davon, wie schön es ist, bei Gott, bei Sinnen und daheim zu sein. Aber es war im Pop immer so: Wenn Genres hinterfragt, für tot erklärt oder zur Reinigung empfohlen wurden, geht es diesen Genres in der Regel blendend. Weil sie sich dann längst erneuert und entwickelt haben.

Europa schunkelt mit

Vielleicht dreht sich der Disput nur stellvertretend um Musik, und es geht um Amerika. Im Country kehrt nicht nur das alte, ländliche Amerika zurück. Im Country lässt sich auch behaupten, dass Amerika auf linken Traditionen gründet. Aber was hat das mit uns zu tun? Als sich die Dixie Chicks in England öffentlich dafür entschuldigten, im selben Bundesstaat zu leben wie ihr Präsident, fühlte sich halb Amerika verraten, während sich die andere Hälfte mit dem Damentrio einig war. Europa hatte plötzlich einiges für Country übrig. Auch Amerika lag wieder vor der Haustür.

Vor zwei Jahren schickte Deutschland die Kapelle Texas Lightning zum Grand Prix des Schlagers mit dem Knödel-Country "No No Never". Mit verblüffendem Erfolg verwandeln die Berliner Boss Hoss internationale Hits in Nashville-Nummern. Zu ihren Konzerten stiefeln nicht nur Brummifahrer und Tom-Astor-Fans. Im Gegenteil: Die Quote aufgeklärter Country-Überläufer dürfte höher als in allen anderen Musikrichtungen sein.

Auch weil es Rock- und Hip-Hop-Produzenten wie Rick Rubin als Mission betrachten, Altlasten wie Johnny Cash den Popkreisläufen wieder zuzuführen. Kinofilme wie "O Brother, Where Art Thou?" werben für Bluegrass. Um Loretta Lynn hat sich Jack White von den White Stripes gekümmert. Selbstverständlich findet sich in Nashville immer jemand, der Verrat am reinen Country wittert, wenn die Fiedel fehlt.

Nashville, das Country-Exil

Dabei wirkt die Debatte selbst von fern so unterhaltsam wie ein Abend in der Grand Ole Opry. Country gilt als Folk des kleinen weißen Mannes. Diese Rolle hat er sich als Bastard hart erarbeitet. Den Engländern und Iren in den Appalachen hat der Country vieles zu verdanken, manches allerdings auch schwarzen Zwangsarbeitern. Country hat den Worksong aufgesaugt, auch Gospel, Blues und Kneipenswing. Die Plattenindustrie der Zwanzigerjahre und der Tonfilm führten singende Cowboys vor und jodelnde Eisenbahner.

In den Fünfzigern betrachtete sich Nashville gern als Zufluchtsort, während der Rock'n'Roll grassierte. Als wäre Hank Williams nicht der erste Star gewesen, der sich vorsätzlich durch liederliches Leben ruiniert hat. Elvis blieb Zeit seines Lebens Countrysänger. Und womöglich lag der Reiz des Country immer schon in seiner Dialektik: Wer auf Traditionen Rücksicht nimmt, darf einiges.

Bob Dylan hat das Album "Nashville Skyline" aufgenommen und Neil Young in Nashville "Harvest". Schon zur Zeit der "Counter Culture" ging es um die Deutungshoheit, um Amerika. In dieser Tradition sieht sich heute Steve Earle, der Countrysänger für diejenigen, die von sich sagen, Country gründlich zu verachten. Earle hat Nashville vor drei Jahren endgültig verlassen. Heute lebt er im New Yorker Greenwich Village, singt gegen den Krieg und quält sein Publikum mit Hip-Hop-Beats aus der Maschine.

Sogar Snoop Doog trägt Cowboyhut

Stellt sich Country damit selbst in Frage? Worum handelt es sich, wenn ein Gangster-Rapper wie Snoop Dogg "My Medicine" veröffentlicht, formal unzweifelhaft als Country-Song? Und was hat man von Everlast und Bubba Sparxxx zu halten, singenden White-Trash-Rüpeln, die am Hip-Hop-Markt gehandelt werden? Kürzlich sprach bereits jemand von "Hick-Hop".

Auch als Solomon Burke, der schwarze Prediger des Rhythm & Blues, sein Album "Nashville" aufnahm, litt die überraschte Industrie von Nashville an Gedächtnisschwund. Der Rest der Welt entsinnt sich großartiger Country-Hymnen von Ray Charles, Sam Cooke und Percy Sledge und hat eher Schwierigkeiten, Soulsänger zu finden, die nie Country sangen.

Lionel Richie schrieb für Kenny Rogers. Dolly Parton kam mit "Starting Over", einem Stück von Donna Summer, in die Country-Hitparade. Whitney Houston landete mit Dolly Partons "I Will Always Love You" einen Hit in Hollywood.

Fidelnde Franzosen im Fransenhemd

Als ungekrönte Königin von Nashville hat sich Dolly Parton regelmäßig unbeliebt gemacht. Zuletzt mit irritierenden Versionen weltumspannender Pop- und Rockmusik, darunter "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin, der legendären britischen Krawallband. Deren Sänger Robert Plant hat wiederum mit Alison Krauss, der Grammy-Königin des Country, ein schwer zuzuordnendes Album aufgenommen. Dolly Parton hat dazu bereits erklärt: "Ich hätte gern ein Trio mit den Zweien gebildet, ich bin offen für alles. Auch für Zeppeline. Ich besitze schließlich selber zwei Ballons." Die Oberweite Dolly Partons wurde schon gewürdigt, als der Country sich noch sicher fühlte, also tief im vorigen Jahrhundert.

Heute kommt es vor, dass ein Franzose sich mit Hut und Fransenhemd in Nashville einschleicht und ein beispielhaftes Album hinterlässt. Für seine "Moonshine Sessions" musste Philippe Cohen Solal zunächst Gitarre spielen lernen. Dafür bat er ausgewiesene Virtuosen wie Jim Lauderdale um Hilfe. Lauderdale, Sohn eines Pfarrers aus North Carolina, hat sowohl im Bluegrass-Untergrund als auch im offiziellen Country einiges geleistet. Auf seinem Kaminsims stehen Grammys. Doch Jim Lauderdale weiß etwas über Alteuropa, das der Country gerade erst zu ahnen scheint: Wer Country mag, musste noch nie bis Nashville reisen.