Musik

Warum Mario Rispo gern türkische Lieder singt

Er war der erste Deutsche, der am Konservatorium für türkische Musik an der Kreuzberger Solmstraße Unterricht in türkischem Gesang erhielt. Heute singt er musikalische Liebeserklärungen an die quirlige Bosporus-Metropole Istanbul. Er ist ein Beispiel für die Umkehrung der Integration.

Als Mario Rispo das erste Mal vor dem Konservatorium für türkische Musik an der Kreuzberger Solmstraße stand, bekam er Fracksausen vor der eigenen Courage. "Ich bin von Hamburg extra hierher gefahren, stand dann vor der Pforte und dachte plötzlich: Du bist ja übergeschnappt! Was willst du hier? - Dann bin ich umgekehrt", erinnert er sich. Allerdings kam er eine Woche später wieder - und bestand dann das Vorsingen mit Bravour.

Sein ehemaliger Lehrer Nuri Karademirli, der das Konservatorium 1998 gemeinsam mit seiner Frau Halime gründete, hört überrascht zu. Für ihn ist die Geschichte neu. Mario Rispo war sein erster deutscher Student für Gesang. "Ich habe auch Schüler aus anderen Ländern - Griechen etwa oder Franzosen. Aber Mario war von Anfang an mit Herz und Seele dabei und hat sofort verstanden, worauf es ankommt. Er lebt die türkische Musik", sagt Nuri Karademirli.

Bei der Hamburger Uraufführung seines Programms "Mein Istanbul - Lieder der Sehnsucht. Hüzün - benim Istanbulum" ließen er und seine Band Deutsche und Türken gleichermaßen jubeln. Die musikalische Liebeserklärung an die quirlige Bosporus-Metropole feiert am Mittwoch im "Heimathafen Neukölln" Berlin-Premiere und dürfte auch hier für manchen Aha-Effekt sorgen. Denn nach wie vor ist es eher ungewöhnlich, dass ein Deutscher türkischen Gesang studiert. Deshalb ist Schulleiterin Halime Karademirli besonders stolz auf Mario: "Viele haben aber auch nicht die Geduld, es bis zum Ende durchzuziehen. Bei ihm war das anders", sagt sie.

Der 44-Jährige ist damit das beste Beispiel für gelungene umgekehrte Integration. Für ihn ist Integration ohnehin keine Einbahnstraße: "Das muss von beiden Seiten geschehen, was auch ein Stück weit mein Anliegen ist. Ganz brutal gesagt: Ich zeige dem deutschen Publikum, dass zur türkischen Kultur mehr gehören als Döner und der Strand von Antalya." Für ihn ist es ein Phänomen, dass viele Deutsche etwas mit Mikis Theodorakis oder Angela Branduardi anfangen können, aber kaum etwas mit türkischer Musik. Er weiß natürlich auch, dass diese Musik für europäische Ohren zunächst exotisch klingt. "Auch für mich waren diese Klänge erst sehr fremd und orientalisch. Man muss sich öfter reinhören und alles auf sich wirken lasen", meint Rispo, der die türkische Musik schon in seiner Kindheit kennen lernte.

Zwischen Ausländern aufgewachsen

Aufgewachsen am Osdorfer Born in Hamburg, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil, spielte ihm die Mutter seiner Freunde Savas und Baris die melancholische Musik ihrer Heimat vor. Heute ist Rispo in seiner Heimatstadt, wo er einst das Schmidt-Theater mitgründete, ebenso daheim wie in Istanbul. Er lebt in beiden Welten. "Ich fühle mich in bestimmten Momenten sehr türkisch, in anderen absolut deutsch", sagt er.

Mit seinem Programm, das er im Juni auch in Istanbul präsentiert, schlägt er eine Brücke zwischen beiden Kulturen, dem Orient und dem Okzident: "Es wird auf Deutsch erzählt und auf Türkisch gesungen. Ich nehme das deutsche Publikum mit und erkläre Dinge, die die Türken wissen." Mario Rispo kombiniert eigene und moderne Stücke mit traditionsreichen alten türkischen Liedern, begleitet von Geige, Canun (Zither), Klarinette, Gitarre und Perkussion. Dabei ist kaum zu befürchten, dass er, wie damals beim Vorsingen, vor seinem Berliner Konzert-Debüt kneift. Diesmal hat er das Lampenfieber im Griff, denn er weiß: "Die ersten fünf Minuten sind die Hölle. Aber das Herzklopfen am Anfang muss einfach sein!"

Heimathafen Neukölln, im Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Straße 141. Tel. 69 51 51 27. Termine: Heute und am 22. Mai, 20 Uhr

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