Kunstmarkt

Wie macht man einen Künstler zum Star?

In nur 15 Jahren entwickelte sich Contemporary Fine Arts von einer Hinterhofgalerie zur einer der wichtigsten Adressen für aktuelle Kunst. Ihre Künstler wie Doig und Meese gehören zu den Markt-Favoriten.

Bruno Brunnet steckt in einer Krise. Der drahtige Mann sitzt in der Beletage seiner riesigen neuen Galerie und blickt unruhig aus einem der vielen bodentiefen Fenster. Brunnet will Dampf ablassen: "Die Eigendynamik, die der Kunstbetrieb in den vergangenen Jahren entwickelt hat, geht mir auf die Nerven." Die drei letzten Worte verhallen ein wenig im Lärm der Bauarbeiten, der aus dem Erdgeschoss in die erste Etage dringt.

Wer Bruno Brunnet an diesem Ort so reden hört, traut seinen Ohren nicht. Denn in wenigen Tagen werden er und seine Partner Nicole Hackert und Philipp Haverkampf mit ihrer Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) an einer der weltweit spektakulärsten Adressen residieren: Am Kupfergraben. Würde Brunnet beschreiben, was sein Fensterausblick bietet, klänge das etwa so: Zum Greifen nah liegt das Neue Museum vor mir, links davon erstreckt sich das Pergamonmuseum. Und den Blick nach rechts gewendet, sieht man das Alte Museum und im Hintergrund die Kuppel des Berliner Doms. Kurz gefasst: Die Galerie Contemporary Fine Arts liegt gegenüber dem Unesco-Weltkulturerbe Museumsinsel. Rund 700 Quadratmeter Ausstellungs- und Arbeitsfläche hat der englische Stararchitekt David Chipperfield für die Galerie gestaltet. Anscheinend zurzeit kein Grund für Brunnet zu jubilieren.

Was ihm auf die Nerven geht, ist, dass man als erfolgreicher Galerist immer und überall erreichbar sein muss und dass die Frage, was Kunst ist, heute im Auktionshaus beantwortet wird. Die Werke seiner Künstler wie Daniel Richter, Jonathan Meese, Robert Lucander oder Tal R werden nicht mehr nach Inhalten abgeklopft, sondern nur nach ihrem Marktwert. Als Brunnet und Hackert vor 15 Jahren in einer ehemaligen Backstube in der Wilmersdorfer Straße gegenüber von Woolworth die ersten Ausstellungen machten, war der Kunstmarkt noch unaufgeregter.

In Berlin gab es nur eine Handvoll Galerien für zeitgenössische Kunst, die Musik spielte noch in Köln. Die Preise für aktuelle Kunst waren moderat, es gab nur eine wichtige Messe für aktuelle Kunst, die Art Cologne, und in der Agenda der internationalen Auktionshäuser tauchte junge Kunst nicht auf.

Was die Erreichbarkeit angeht, so hatten die meisten Galeristen damals vielleicht ein Faxgerät, eventuell auch noch einen Anrufbeantworter. Und wer etwas auf sich hielt, leistete sich noch eine gut aussehende Mitarbeiterin, das war's. In Amerika war das alles längst schon anders, professioneller.

Es waren aber ehrgeizige Galeristen wie Brunnet und Hackert, die den deutschen Kunstmarkt von einer langsamen Lokomotive in einen Hochgeschwindigkeitszug verwandelt haben. Ihrer beharrlichen und kontinuierlichen Zusammenarbeit mit einem relativ kleinen Künstlerstamm ist es zu verdanken, dass diese Künstler heute zu den Stars der internationalen Kunstszene und Lieblingen des Marktes gehören. Und die Galerie eine der Topgalerien weltweit ist. Gelernt hat Brunnet sein "Handwerk" bei Michael Werner, seinem Vorbild. In dessen Kölner Galerie arbeitete er drei Jahre lang und betreute dort Künstler wie Jörg Immendorff und Georg Baselitz. Namen, die heute auch wieder im Programm von CFA auftauchen.

Mit dem Aufstieg der Berliner Galerie verbinden sich jedoch Namen wie Jonathan Meese, Daniel Richter, Peter Doig, Tal R, Norbert Schwontkowski und Robert Lucander. Die Werke dieser Künstler sind heute in vielen internationalen Sammlungen vertreten, sie haben weltweit Museumsausstellungen und erreichen hohe Preise auf dem Markt. So wurde jüngst Peter Doigs Gemälde "Weißes Kanu" mit 8,7 Millionen Euro beim Auktionshaus Sotheby's zugeschlagen.

Den Erfolg der Galerie erklärt Hackert damit, dass sie versuche, über künstlerische Inhalte zu sprechen. Und nicht nur über die neuesten Topergebnisse einer Auktion. "Und unseren Künstlern bieten wir ein All-inclusive-Programm. Kein Werk verlässt das Atelier, ohne fotografiert und archiviert zu sein. Wir betreuen die Künstler so gut wir können, wenn es notwendig ist, leisten wir auch mal psychologische Hilfestellung", sagt die Kunsthistorikerin und greift zum Telefon, um eine Mitarbeiterin zu bitten, Walter Pichler doch bitte schnell ins Restaurant um die Ecke zu begleiten.

Die Galeristen haben Pichler gebeten, die erste Ausstellung in den neuen Räumen zu bespielen. Nur wenigen Kunstinteressierten ist der 71-jährige Bildhauer noch bekannt. Seine Skulpturen wie "Kleiner Rumpf" oder "Gerüst für die Schädeldecken" erregten in den 60er-Jahren viel Aufsehen. Doch Pichler war selbst der Kunstmarkt in jenen "ruhigen" Jahren zu hektisch. Er kaufte einen Hof in St. Martin im Burgenland und machte fortan Skulpturen für diesen Hof.

Dass Brunnet, Hackert und Haverkampf gerade mit dieser Wiederentdeckung ihre neuen Räume eröffnen, zeigt, wie das Trio dem Markt einen Haken schlägt. "Haltung zeigen", würde Brunnet das nennen. Vielleicht ist Pichler ja eine Antwort auf Brunnets Krise, denn das Werk des Österreichers kann man eben nicht mit Auktionsrekorden erklären. Es gibt schlichtweg keine. Noch nicht, müsste man ergänzen, denn bei CFA auszustellen ist heute ein Garant für einen Platz auf der Sonnenseite des Kunstmarktes. Das wissen die Galeristen natürlich auch, denn sie sind Teil und Motor des Systems.

Aber da Heuchelei nicht zu Brunnets Repertoire gehört, erklärt er: "In der Liga, in der wir spielen, gibt es weltweit vielleicht zehn Galerien." "Und natürlich verdienen wir auch gern Geld. Aber die Arbeit einer Galerie sollte auch darüber hinausgehen, Preise zu pushen. Dass wir das auch können, haben wir bewiesen", sagt Hackert. So kostete ein Gemälde Daniel Richters in der ersten CFA-Ausstellung, 1995, noch 3000 Mark. Heute wird ein Werk in der Galerie mit 250 000 Euro gehandelt.

Mit Blick auf die spektakulären, neuen Räume ergänzt Philipp Haverkampf, der seit zwei Jahren 20-prozentiger Teilhaber ist: "Wir müssen auch Geld verdienen." Schließlich sei CFA in den vergangenen Jahren zu einem kleinen Unternehmen gewachsen. 17 Angestellte beschäftigt CFA in den alten Räumen in der Sophienstraße, jetzt kommen noch acht weitere hinzu: Aufsichtspersonal. Es wird in der Galerie auf und ab gehen, die Kunstwerke vor dem möglichen Besucherandrang schützen.

Galeristen stehen heute ständig unter Druck. Vor allem, weil sie ihren erfolgreichen Künstlern etwas bieten müssen. Sonst wandern diese in eine andere Galerie ab oder werden von anderen Galeristen abgeworben. Das ist so etwas wie eine feindliche Übernahme. "Daher müssen wir mit den Künstlern mitwachsen oder ihrer Entwicklung sogar voraus sein", sagt Haverkampf. Und so ist es kein Wunder, dass die Galeristen sich keine Minute gönnen, um ihren erreichten Erfolg zu genießen. Sie begreifen ihre neue Adresse als Herausforderung und hoffen, ihren Künstlern "alle Ehre" zu machen und selbst "Haltung" zu zeigen. Das hört sich nach preußischen Tugenden an.