Architekt Mäckler

"Das Schloss-Urteil ist ein Sieg der Baukultur"

Christoph Mäckler ist der einzige der Drittplatzierten im Schlosswettbewerb, der auch lobende Worte für den Siegerentwurf des Architekten Stella findet. Im Interview mit Morgenpost Online spricht Mäckler, der unter anderem den Frankfurter Opernturm entworfen hat, über das jüngste Gerichtsurteil.

Foto: Prof. Christoph Mäckler Architekten

Am Mittwoch hat das Oberlandesgericht Düsseldorf grünes Licht für den Bau des Berliner Stadtschlosses als Humboldt-Forum gegeben. Es wies eine Klage des Berliner Architekten Hans Kollhoff ab, der im Wettbewerb einen der dritten Plätze belegte. Dieser hatte die Vergabe des Auftrags an den Wettbewerbssieger Franco Stella als inkorrekt kritisiert. Am Donnerstag forderte Kollhoff einen Neustart für das Stadtschloss-Projekt. Es sei naiv zu glauben, Stella könne ein solches Vorhaben quasi als Ein-Mann-Schau stemmen. Ein Neustart sei durchaus auch mit dem Stella-Projekt möglich. Mäckler baute zuletzt den Opernturm in Frankfurt am Main und leitet das Deutsche Institut für Stadtbaukunst in Dortmund.

Morgenpost Online : Ist die Entscheidung des Gerichts ein Sieg oder eine Niederlage für die Baukultur?

Christoph Mäckler : Sie ist ein Sieg für die Baukultur, aber eine Niederlage für das Wettbewerbswesen. Ich kenne viele, die gern an dem Schlosswettbewerb teilgenommen hätten, dies aber wegen der Mindestvoraussetzungen nicht konnten. Man kann über diese Vorbedingungen wie Bürogröße und Mindestumsatz streiten, aber wenn es sie schon gibt, muss man sie auch ernst nehmen.

Morgenpost Online : Das klingt, als glaubten Sie nicht, dass Franco Stella die Bedingungen erfüllt hat.

Mäckler : Die Architektenszene ist nicht so groß, man kennt sich. Und alle, die ich kenne, haben große Zweifel, ob Stella tatsächlich die geforderten Voraussetzungen erfüllt.

Morgenpost Online : Das Gericht fand seine Unterlagen ausreichend.

Mäckler : Das Gericht beruft sich auf Angaben der Architektenkammer in Vicenza. Und verlässt sich darauf, dass diese stimmen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Morgenpost Online : Werden diese Zweifel den Bau des Humboldt-Forums weiter belasten?

Mäckler: Ich hoffe nicht. Ich habe mich als Drittplatzierter ganz bewusst zurückgehalten, obwohl ich erwartet hätte, dass man mich wie die anderen Drittplatzierten wenigstens fragt, ob wir in die Realisierung einbezogen werden wollen. Stattdessen hat man mit Hilmer-Sattler-Albrecht ein Büro hinzugezogen, das in der ersten Runde ausgeschieden war. Aber mir geht es um die Sache, und der Entwurf von Stella ist in seiner Anlage durchaus positiv zu sehen. Ich habe die Hoffnung, dass das Humboldt-Forum insgesamt gut wird.

Morgenpost Online : Sie sind der einzige der Drittplatzierten, der auch lobende Worte für Stellas Entwurf findet. Warum fällt das den Kollegen so schwer?

Mäckler : Das hat wohl mit Berlin zu tun ... Ich jedenfalls bin ein Mensch, der bei aller Kritik auch Verständnis hat für andere architektonische Positionen – wenn sie nicht völlig absurd sind. Im Schlosswettbewerb gab es ja die seltsamsten Vorstellungen und Entwürfe, auch mit dem Sonderpreis für Kuehn Malvezzi kann ich nichts anfangen.

Morgenpost Online : Hat sich Hans Kollhoff mit seiner Klage geschadet oder hat sie ihm genützt?

Mäckler : Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich finde, dass er aus seiner Position richtig gehandelt hat, und er hat konsequent gehandelt. Sicherlich hat es ein gewisses Geschmäckle, dass er als Drittplatzierter des Wettbewerbs klagte. Aber es geht nicht, dass Architekten unter Nichteinhaltung von Wettbewerbsvorgaben von einigen Kollegen miteinander konkurrieren. Es geht beim Schloss schließlich um ein Volumen von einer halben Milliarde Euro. Da muss der Auslober darauf achten, dass der Kandidat Erfahrung hat mit ähnlich aufwendigen Bauten. Kein Mensch würde eine solche Bausumme einem unerfahrenen Architekten anvertrauen. Es gibt übrigens noch einen Preisträger, bei dem erhebliche Zweifel an der Teilnahmeberechtigung bestehen.

Morgenpost Online : Unter diesen Voraussetzungen könnte nie der geniale Entwurf eines Studenten gewinnen.

Mäckler : Das ist nicht generell ausgeschlossen. Ich bemühe mich im Vorfeld von Wettbewerben, wo ich in der Jury sitze, dass auch junge Kollegen teilnehmen können und dann die Chance erhalten, ihre Ideen in Kooperation mit einem erfahreneren Büro zu realisieren.

Morgenpost Online: Genau das macht Stella doch mit Hilmer-Sattler-Albrecht und Gerkan-Marg.

Mäckler : Aber im Schlosswettbewerb gab es klare Teilnahmevoraussetzungen. Und das war bei einem Projekt wie dem Schloss ja auch richtig. Gegen Hilmer-Sattler-Albrecht habe ist übrigens nichts einzuwenden, die stehen für eine architektonische Qualität im Detail, die man nur bei wenigen Architekten in Deutschland findet.

Morgenpost Online : Muss sich im Wettbewerbswesen etwas ändern?

Mäckler : Es gibt Fälle, da sind anonyme Verfahren einfach unsinnig. Sie stellen ja auch keine Sekretärin ein, ohne sie kennengelernt zu haben – nur aufgrund von Schriftproben oder Zeugnissen. Das Verhältnis zwischen Bauherr und Architekt ist unglaublich wichtig für das Gelingen eines guten Gebäudes. Wenn da die Chemie nicht stimmt, dann wird das nichts. Das wird bei anonymen Wettbewerben völlig außer Acht gelassen.

Morgenpost Online : Trotzdem gab es viel weniger Teilnehmer als gedacht.

Mäckler: Weil es nur wenige Architekten gibt, die bereit sind, sich mit dem einstigen Stadtschloss auseinanderzusetzen und mit der Rekonstruktion der Barockfassaden. Diese Fähigkeit haben nicht viele Büros. Es gibt Architektur-Spezialisten für alles in Deutschland, etwa für den Krankenhausbau oder Shopping-Malls, aber Architekten, die mit einer Bauaufgabe wie dem Schloss angemessen umgehen können und die mit solchen Projekten Erfahrung haben, die sind rar.