Neues Album

Die Foo Fighters singen für den Lebensmut

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Jan-Christoph Deißner

Foto: a / Sony

Nachdem Bandchef Dave Grohl hörte, dass seine Musik verschütteten Bergwerksleuten Mut machte, widmet er ihnen auf dem aktuellen Album "Echoes, Silence, Patience & Grace" einen eigenen Song. Doch auch alle anderen Lieder verbreiten ebenfalls über Tage Überlebenswillen.

Todd Russell und Brant Webb sitzen in ihrem Eisenkäfig fest. Schutt und Geröll umgibt die frierenden und verschmutzten Männer. Seit die 100 Jahre alte Goldmine vor mehr als einer Woche über den zwei australischen Bergwerksleuten zusammengestürzt ist, harren die Mittdreißiger geduldig in der zwei Meter breiten Metallkonstruktion untertage aus. Wenn die Stille unerträglich wird, stecken sie ihre kleinen weißen Kopfhörer in die ungewaschenen Ohren. Sie hören die Rocksongs der Foo Fighters.

Bandchef und Sänger der Foo Fighters Dave Grohl hat den Minenarbeitern auf dem neuen Album „Echoes, Silence, Patience & Grace“ einen Song gewidmet. Der Rocker war davon beeindruckt, dass seine Lieder den Überlebenswillen der Verzweifelten in einer derart dramatischen Situation stärken konnten.

Vor ihrer Rettung im Mai 2006 waren Russell und Webb über zwei Wochen im Schacht der australischen Beaconsfield-Mine eingeschlossen. Über eine Plastikröhre wurden die beiden Männer mit Nahrung, Wasser, MP3-Playern und den Songs des fünften Albums der Foo Fighters versorgt.

Hardcore-Gruppen als Vorbilder

Das 2005 erschienene Doppelalbum „In Your Honour“ stellte für die Band einen Wendepunkt dar. Erstmals veröffentlichten die Rockmusiker neben den gewohnt lauten Songs auch eine Sammlung mit ruhigeren akustischen Stücken. Songschreiber Grohl hoffte, er habe ein vielschichtiges Meisterwerk geschaffen, das sich in zwanzig Jahren als ein ähnlicher Klassiker wie „Physical Graffiti“ von Led Zeppelin entpuppen würde.

Mit „Echoes, Silence, Patience & Grace“ startet Grohl nun einen neuen Versuch, ein Werk mit Langzeitwirkung in die Welt zu setzen. Der als Zungenbrecher empfundene Titel deutet den Facettenreichtum des Albums an. Wenn die rockigen Gitarren verhallt sind, kann sich der Hörer bei stillen, emotionalen Gesangspassagen in Geduld üben, bis wieder eingängiger Akustikrock ertönt.

Auf die musikalische Eingängigkeit ihrer Songs haben die vier Foo Fighters immer mehr geachtet als auf die Aussagekraft ihrer Texte. Ihre Wurzeln sind allerdings bei Vorbildern mit harten Klängen und politisierenden Texten zu finden. Noch heute nennen sie Hardcore-Gruppen wie Bad Brains, Minor Thread oder Void als ihre Idole.

Verletzliche Töne stehen neben aggressiven

Bevor Grohl Anfang der Neunziger Schlagzeuger bei Kurt Cobains Kultband Nirvana wurde, spielte er selbst bei Scream, einer Band aus der anarchistischen Hardcore- und Punkszene rund um das amerikanische Musiklabel Dischord. Auch Chris Shiflett, Gitarrist der Foo Fighters, ist dem Punkrock nach seiner Zeit bei No Use For A Name treu geblieben und spielt heute in der Punk-Coverband Me First and the Gimme Gimmies.

Bassist Nate Mendel war einige Zeit bei der etwas weinerlich klingenden Emocore-Band Sunny Day Real Estate. Nur der dürre Taylor Hawkins spielte als Tourschlagzeuger bei der Hitparaden-Sängerin Alanis Morissette. All dies ist keineswegs ein Widerspruch zu den aktuellen Songs der Foo Fighters. „Totale Verletzlichkeit, Musikalität, leise Töne und ruhige Musik können genauso faszinieren wie harte, schnelle, laute und aggressive Rock-Musik“, beschreibt Grohl die Eindrücke während der Akustik-Tournee seiner Band.

Das Wechselspiel zwischen lauten Gitarrenriffs und Akustikpop prägt Songs wie „Let It Die“ oder „Come Alive“, in denen sich die Musik von zarten Tönen der Saiteninstrumente bis zu von harten Gitarrenparts unterlegtem Schreigesang hochschraubt. Der stimmliche Kraftakt hat bei der Single „The Pretender“ die völlige Erschöpfung des Sängers zur Folge. Am Ende des dazugehörigen Videos kniet Grohl keuchend am Boden. Die Gitarre liegt daneben. Rostrotes Abwasser, das sich zuvor schwallartig von hinten über die spielende Band ergossen hat, tropft aus seinen langen Haaren und seinem dichten Bart. Er hat alles gegeben.

Das neue Album der Foo Fighters ist ein bodenständiges Rockalbum mit schönen Akustikpassagen geworden. Die zwölf Songs hätten auch gut in das Set des viel beachteten Live Earth Konzerts im Londoner Wembley Stadion gepasst, bei dem die Band im Juli einige Hits aus ihrem eigentlichen Meisterwerk „The Colour and the Shape“ von 1997 spielte. Genau wie die Klassiker „Everlong“ oder „Monkey Wrench“ wurden alle Songs auf „Echoes, Silence, Patience & Grace“ von Gil Norton singletauglich produziert. Das von Grohls Klavierspiel getragene „Home“, dem der Albumtitel entnommen ist, liefert den ruhigen Abschluss eines Albums, das stimmungsaufhellend in dunklen Zeiten wirken kann. Das gilt nicht nur für Bergleute.

Foo Fighters: Echoes, Silence, Patience & Grace (RCA Int./ Sony BMG)