Rudolf Springer

Eine Berliner Galeristen-Legende wird 100

Wenn Rudolf Springer heute seinen 100. Geburtstag feiert, wird auch sein Lieblingsmaler Georg Baselitz dabei sein. In den Sechzigern gab ihm der Jubilar in seiner Galerie eine Chance. Mehr als feine Spürnase denn als Marktstratege wurde Springer zum Vorbild für spätere Galeristen-Generationen.

Foto: M. Lengemann

Dieser Mann ist ein Phänomen. Rudolf Springer wird heute 100 Jahre und ist erstaunlich munter, abgesehen davon, dass er im Rollstuhl sitzt. Eine Pointe folgt dem nächsten Witz. Und er flirtet immer noch gerne. „Sie kommen doch auch?“, fragt er zwei Tage zuvor am Telefon. „Von 18 bis 21 Uhr haben wir ein offenes Haus.“ 200 Gäste haben er und Christa Dichgans („meine vierte Ehefrau“), selbst Malerin, zum Jubiläum eingeladen. Das würde anderen Personen Angstschweiß auf die Stirn treiben. Auf Georg Baselitz freut er sich besonders. „Mein Lieblingsmaler“ – „ich hoffe, er schenkt mir ein Bild!“ Ach, und dann erzählt er, dass er gerade Patenonkel geworden ist – beim Söhnchen von Bruno Brunnet, einem der erfolgreichsten Hauptstadtgaleristen, der Christa Dichgans vertritt und Springer vor drei Jahren eine viel beachtete Hommage bei Contemporary Fine Arts ausgerichtet hat. Er schenkte Springer auch eine skurrile Skulptur (ein Schwein?) von Pathoskünstler Jonathan Meese, die nun auf der Fensterbank steht. Subversiver Spaß – ganz nach Springers Kunstgeschmack.

Springer führte die Galerie 50 Jahre

Als wir am Nachmittag ein Foto von ihm machen wollen, lädt er – gastfreundlich wie er ist – ins Haus. Rudolf Springer ist der Doyen des deutschen Kunsthandels, der Galerist aus Leidenschaft hat Berlins Szene in der Nachkriegszeit und auch die späteren Mauer-Jahrzehnte bis zur Schließung 1998 entscheidend geprägt; der damalige Streit um die figurative bzw. abstrakte Kunst war für Springer die Chance für die eigene (eigenwillige) Positionierung. Und wenn man so will, geht auch der Mythos der offenen quirligen Kunststadt auf ihn zurück. 50 Jahre führte er seine Galerie, dazu gehört mehr als nur preußisches Durchhaltevermögen und Geschäftssinn, das hat viel mit Charakter, Charisma und wohl auch mit den damals recht heiteren, feuchtfröhlichen Zusammenkünften der West-Berliner-Boheme zu tun.

Die idyllisch in der Zehlendorfer Schillerstraße gelegene, 1912 gebaute Familienvilla – Springers Urgroßvater gründete den gleichnamigen renommierten Wissenschaftsverlag – gleicht einer Wunderkammer, und dieses Refugium will der Hundertjährige uns zeigen. Von einigen Unterbrechungen abgesehen, hat er fast sein ganzes Leben in seinem Elternhaus gelebt. „Hier ist ein Lokus, dort hängt A.R. Penck an der Wand.“ Er dirigiert vom Rollstuhl aus und in der großen alten hochherrschaftlichen Küche, die mit dem gewaltigen Herd in der Mitte wie früher aussieht, duftet es nach Bratäpfeln, die es am Abend geben soll. Wie ein Archäologe gräbt er in den verschiedenen Räumen nach und nach verblasste Fotos, Bücher, Objekte aus Vitrinen, Schränken und Schubladen. Sie erzählen viel über seine Interessenvielfalt und Sammelleidenschaft, die in der Familie lag: von Vedova mit leichter Hand bemalte Teller, ein Buddha, eine Erstausgabe von Baudelaires „Les Paradis“, ein Bärenpelz aus Russland, der einst Mantel war und heute als Sofadecke fungiert, indisches Lametta, ein kiloschwerer Mörser aus Italien, ein Fetthund aus Peru. Plötzlich legt er uns einen Meteoriten in die Hand. „Manches ist Kitsch“, sagt er trocken, „aber das ist meine weibliche Komponente.“ Nun wird er ungeduldig. „Da in der Schreibtischschublade muss Einstein stecken.“ Im untersten Fach findet sich eine ziemlich zerfledderte Relativitätstheorie.

Dann zeigt er uns den weißen Wandschrank mit Spirituosen aus aller Herren Länder. „Wollen Sie einen?“ Er lässt sich zur Anrichte fahren. Dort steht eine ziemlich massive, wuchtige Betonskulptur aus einem Quadrat samt Oktogon. „Das ist der Schwanz eines Mannes!“ So sieht das Ding eigentlich gar nicht aus. Springer rollt weiter und sagt: „Wenn meine Frau vor mir stirbt, miete ich mich bei Baselitz ein!“ Punkt.

Koketterie, Optimismus und Entdeckerneugier – vielleicht hat ihn diese starke charakterliche Melange so lange am Leben gehalten. Mit diesem Mann war es bestimmt nie langweilig. Seine Heimatstadt Berlin hat er mit genau jenem Engagement nach dem Krieg an den vitalen Tropf der Kunst gehängt. Eigentlich war er Versicherungsvertreter („Ja, verkaufen kann ich!“), doch als er nach dem Krieg aus Frankreich ins zerbombte Berlin zurückkehrte, merkte er schnell, dass ihm das nicht reichte. Er heuerte bei Gerd Rosen an, dieser hatte als erster Kunsthändler überhaupt nach dem Krieg eine Galerie in Berlin eröffnet, zu einer Zeit, als es andere Sorgen gab, als in Leinwände zu investieren. Andererseits war der Hunger groß nach kultureller Erneuerung. Bei Rosen eignete sich Springer das Handwerk an, wurde Geschäftsführer. Im Dezember 1948 machte er im oberen Geschoss seines Elternhauses, Platz gab es genügend, seine eigene Galerie auf – in zwei Kinderzimmern. Das Bronzeschild draußen an der Gartenpforte gibt es immer noch.

Celibidache war sein erster Käufer

An sein erstes verkauftes Bild erinnert er sich: „Hans Uhlmann“. Er verkaufte es an den Komponisten Sergiu Celibidache. Heute hängt das Bild wieder in Zehlendorf. „Celibidache hat es mir im Alter zurückgegeben.“ Später wird er mit seiner Galerie ins Maison de France an den Kudamm ziehen, er zeigt Künstler wie Mirò und Calder, dann Max Ernst, öffnet Berlin dem internationalen Markt, dessen Zentrum damals Paris war. In den Sechzigern, da gab es das neue Domizil in der Fasanenstraße, gibt er jungen deutschen Malern wie Lüpertz und Baselitz eine Chance – heute zählen sie zu den deutschen Künstlerfürsten. Künstler wie Galeristen, die Springer kennen, sagen, dass er sehr entscheidungsfreudig war, weniger Marktstratege, sondern stets geleitet von einer feinen Spürnase: „Er war das Vorbild für Generationen von Galeristen schlechthin. Am beeindruckendsten war, dass er immer getan hat, was er wollte“, meint Galerist Michael Schultz. So war es Springer, der bereits 1952 den Einzelgänger Gerhard Altenbourg präsentierte. Auf einem alten Foto entdeckt man den wundersamen Kauz Schröder-Sonnenstern, den Springer als erster ausstellte. Er tanzt bei der Vernissage im flatternden Mäntelchen durch den Raum und dirigiert versonnen ein imaginäres Orchester.

Baselitz erinnert sich in einem vorab veröffentlichenden Glückwunsch an die Stimmung bei seinem alten Freund: „Wir, ich und alle anderen malenden und denkenden Leute, fanden damals wenig Orte, wo nicht mit Hoffnung in der Stimme über die Zukunft geredet wurde, sondern wo es neben den Träumen etwas zu sehen gab: als Bild an der Wand oder als Geist auf einem Sockel.“

Springer hatte Sinn für Begegnungen, für Menschen und ihre Fähigkeiten, Talente, Originalitäten, vielleicht auch Absurditäten. So fanden bei ihm auch „lokale Eintagsfliegen“ Unterschlupf. Kunst ist für ihn eine „Sache des Herzens“. „Ich habe keine Richtung, sondern nur Künstler, die ich gut finde. Ohne Charakter aber geht es nicht.“

Dass er gerne feierte und die Leute auch heute noch gerne zu Springer kommen, sieht man dem Interieur sofort an. Im Esszimmer steht ein Nussbaum-Tisch aus einem französischen Kloster, zehn Stühle drum herum, fünf weitere irgendwo im Raum. Und auch der Kamin in der großzügigen Diele mit Blick auf den verwunschenen Garten scheint Stammplatz für mindestens sechs Personen zu sein.

Hier tummelte sich sein Völkchen

Hier sind schon viele eingekehrt, Miller, Penck, Immendorf, Berggruen und auch Peter Raue, der bereits als junger Referendar bei Springer Kunst kaufte und abstotterte, weil sein Gehalt dafür nicht reichte. Das kunterbunte Kunstvölkchen fühlte sich wohl in dieser unkonventionellen, lockeren Atmosphäre. Mit A.R. Penck leerte er so manches Fläschchen Rotwein, Marino Marini zeichnete Henry Miller im Garten.

Klaus Kinski wollte seine expressiven Kohlezeichnungen vorstellen, vermasselte sich aber seinen Einstand durch sein bekanntlich rüdes Auftreten. Er fütterte Springers Vierbeiner mit Stullen, was dieser gar nicht komisch fand.

„Ich bat Kinski, meinen Hund aus guten Gründen nicht zu füttern.“ Kinski rotzfrech: „Sie können ja nicht mal einen Hund füttern!“ Springer sagte sie Schau ab, obwohl die Einladungskarten gedruckt waren. Die Vernissage-Gäste drängelten sich trotzdem zahlreich – nur, Zeichnungen, die gab es eben nicht zu sehen.

Heute, sagt Springer, denken und arbeiten Galeristen anders. Zeiten ändern sich. Es sagt das ganz unsentimental. Veränderungen zulassen, auch das gehört zu seiner Offenheit. Marketing und Strategie – das waren damals Fremdworte für ihn, der Kunsthandel musste nach dem Krieg erst wieder aufgebaut werden. „Heute haben Galeristen oft ein Team von 200 Leuten. Ich hatte nur eine Sekretärin. Deshalb ging's mir immer gut. Nur am Ende war ich pleite“, sagte er keck und rollt weiter zum nächsten Anschauungsobjekt. Müde ist er immer noch nicht.