Late Night

Maischberger gefangen zwischen Gier und Glaube

In der Finanzkrise feiert die Religion ein Comeback. Sandra Maischberger wollte deshalb von ihrer gottesfürchtigen Gästerunde wissen, ob der Glaube nun die Gier ersetzt. Doch ganz so einfach ist es nicht, sogar für Kirchenvertreter und Papst-Fans. Vor allem weil Lehre und Realität auseinander driften.

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Als kurz nach Weihnachten Bischof Wolfgang Huber den Bankenchef Josef Ackermann kritisierte, trafen zwei Extreme aufeinander. Auf der einen Seite Ackermann, ausgestattet mit einem zweistelligen Millionen-Einkommen und höchsten Renditeansprüchen für seine Deutsche Bank. Auf der anderen Seite Huber als Mahner für Anstand und Moral. Und als Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland.

Kapitalismuskritik wurde damals von der katholischen wie evangelischen Kirche geübt, doch Huber ging sogar so weit, dass er behauptete, Geld sei „zum Gott geworden“. Glaube gegen Gier, die Positionen waren bezogen, der Boden für eine gesellschaftliche Debatte geschaffen.

Vier Monate sind seitdem vergangen, nun hat Sandra Maischberger das Thema in ihrer Sendung neu verhandelt. „Glaube statt Gier – kommt die religiöse Wende“, fragte Maischberger, und hatte sich dazu eine vor allem gläubige Runde eingeladen.

Dabei waren alle Farbtöne, die die Kirche und das Umfeld des Klerus’ zu bieten haben. Vom altkonservativen Augsburger Bischof Walter Mixa über Fernsehpfarrer Jürgen Fliege bis zu dem Bonner Studenten und Papst-Fan Nathanael Liminski – man hatte sich bemüht, dass Thema mit Vielfalt aufzupeppen. Wie ein atheistischer Fleck in der Runde wirkte da TV-Psychologin Angelika Kallwass, die aus voller Überzeugung gegen den Strom schwamm und zum Teil ihre Mühe hatte, die abgehobenen Thesen ihrer Mitdiskutanten nachzuvollziehen.

Dabei war dies schon aus anderen Gründen schwierig. Mit jedem angerissenen Thema verfing sich die Runde zunächst in kaum verständlichen Schachtelsätzen, die der Normalzuschauer zunächst entwirren musste. Zumindest, wenn er wirklich verstehen wollte, was gerade besprochen wurde. Wenn also tatsächlich die Begeisterung zu Werten des Glaubens in der Gesellschaft wiederentdeckt worden wäre – so mancher Satz bei Maischberger ließ das Publikum fast einschlafen.

Meister des Schachtelsatzes – Bischof Mixa: „Maßlosigkeit ist ein Fehlverhalten gegen die Liebe“, sagte der Geistliche und ließ den Zuschauer alleine mit der Formulierung zurück. Auch mit den Finanz-Jongleuren ging der Bischof auf seine Art hart ins Gericht: „Investment-Banker haben sich nicht nach den Grundsätzen der christlichen Soziallehre verhalten.“

„Hat Gott dann die Wirtschaftskrise geschickt, damit wir uns auf andere Werte besinnen“, wollte Sandra Maischberger wissen. „Gott schickt keine Krisen“, antwortete Mixa. Das Übersinnliche kennt also auch für den Bischof seine Grenzen.

In der Folge entwickelte sich eine Auseinandersetzung um Kirche und Glaube, wie sie – zumindest gefühlt – vorher schon oft geführt wurde. Reflexartig kam der Vorwurf, ob die Kirche nicht selber gierig sei. „Es ist ja eine Menge, was der Vatikan an Immobilien besitzt, und ich meine nicht den Petersdom“, beklagte TV-Psychologin Kallwass, während Mixa konterte, der Vatikan sei „ärmer als eine Diözese wie Köln“. Trotzdem: „Wenn ich die Gewänder des Papstes sehe, dann ist das Luxus“, merkte Kallwass an.

Luxus, den sich einer der Diskussionsteilnehmer sicher nicht gönnt. Abtprimas Notker Wolf betonte, ihm reiche das Wenige, was er in seinem Leben als Benediktinermönch zur Verfügung habe – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein. „Mir wollte jemand Geld schenken“, sagte er „aber ich brauchte doch gar kein Geld.“ Nein, unter Gierverdacht würde ihn tatsächlich niemand stellen wollen.

Als sich die Diskussion in solchen Kleinigkeiten zu verheddern drohte, wurde es doch noch einmal spannend: Maischberger erzählte den Fall eines neunjährigen brasilianischen Mädchens, das von ihrem Stiefvater vergewaltigt und dadurch schwanger mit Zwillingen wurde. Das Mädchen hätte nach Auskunft der Ärzte keine Überlebenschance gehabt und hat daher abgetrieben. Die Reaktion der Kirche: Die Mutter und der Arzt wurden exkommuniziert – der Stiefvater blieb kirchlich unversehrt.

Die Reaktionen in der Runde waren unterschiedlich. Während sich Bischof Mixa auch in diesem unfassbaren Fall gegen die Abtreibung aussprach („Wir sind verpflichtet, Leben zu retten“), kritisierte Abtprimas Notker Wolf deutlich das Verhalten: „Die Kirche muss diese Brutalität nach außen verurteilen“, sagte der Benediktinermönch.

Irgendwo dazwischen stand Jungchrist Nathanael Liminski, der in diesem Fall immerhin „mildernde Umstände“ angeregt hat und die Mutter nicht exkommuniziert hätte. Weit von Bischof Mixa war diese Position nicht entfernt – bemerkenswert für jemanden, der erst Anfang zwanzig ist.

Vielleicht hätte es der Sendung gut getan, wenn sie erst an dieser Stelle begonnen hätte – denn jetzt fielen nach und nach Tabus. Jürgen Fliege fragte provokant, ob sich Pädophile vielleicht sogar besonders in der Kirche wohlfühlten, weil man in dieser nicht offen über Sexualität rede – und sie damit ihre Neigungen am besten verstecken können. Aber allein dies wäre ein Diskussionsthema für sich gewesen – und vielfach interessanter als der Gedanke, ob es eine religiöse Wende geben könnte. Oder ob Glaube nun Gier ersetzt.

Übrigens: Auch der Konflikt zwischen Bischof Huber und Josef Ackermann hatte sich Anfang des Jahres schnell wieder entschärft. Huber hat sich für seine Kritik am Deutsche Bank-Chef entschuldigt, es sei „nicht die Zeit für persönliche Anschuldigungen.“

Vielleicht ist also die Einsicht schon gereift: Es gibt Auseinandersetzungen, die sind gar keine. Die zwischen Glaube und Gier gehört wohl dazu.