Sexreport

Blick unter die Bettdecken der Jugendlichen

Im vierten Teil des Sexreports kümmerte sich ProSieben um die Teenager.Wie liebt die Jugend in der versexten Medienwelt? Der Zuschauer erfuhr: Mit der Aufklärung hapert es, die Schönheitsideale sind dieselben wie bei Erwachsenen, aber wenn es um Romantik geht, sind die Jugendlichen idealistischer.

Foto: ZB / DPA

Es gibt eine Welt, in der Erwachsene davon ausgehen, dass die Regel einer Frau alle sechs Wochen kommt, eine Frau kurz vor oder nach ihrer Periode nicht schwanger werden könne, in der sie die Vagina "Ritze“ nennen oder glauben, alle Frauen seien insgeheim Schlampen. Diese Aussagen stammen allesamt von Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren und waren zu hören im vierten Teil des Sexreports 2008 auf ProSieben.

Leider verschenkte ProSieben die Chance, sich zum Aufklärer der Nation aufzuschwingen; wie der Zyklus der Frau funktioniert, wurde nicht geschildert. Und auch ein Plädoyer gegen jede Form von Diskriminierung blieb aus. Wieder einmal wurde deutlich: ProSieben will zeigen, nicht erklären, hier will man unterhalten und nicht belehren. Man ist hier schließlich nicht im Biologieunterricht, sondern immer noch im Privatfernsehen – und da kommt es vor allem auf die Verpackung an.

Eine Woche vor der finalen fünften Folge des Sexreports kann bereits resümiert werden: Die Dokureihe ist hübsch aufbereitet, es gibt schnelle Schnitte, eine erstaunlich gute Liederauswahl, und die Songs sind mit Gespür für Ironie eingebunden. Es gibt gezeichnete Animationen und eine grelle Comicstreifen-Ästhetik. Was zumindest in der Folge fehlte: Neuigkeiten. Denn Daten, die belegen, dass Jugendlich heute früher körperlich reif sind als noch vor 40 Jahren oder die Feststellung, dass junge Menschen der Pornografie nicht abgeneigt sind, sind alles andere als brisant, sondern eher: allseits bekannt.

Sexhungrige Männer gelten als Superhelden

Und Umstände, wie der, dass Mädchen, die oft und gerne Sex haben, als Schlampen gelten und Männer mit ähnlichem Faible als Superhelden, wurde hier einmal mehr durch Aussagen interviewter Teenager aufgegriffen, aber ansonsten nicht weiter untersucht. Stattdessen hat ProSieben sieben Jugendliche stellvertretend für ihre Generation vor die Kamera geholt und zu Themen wie Körpergefühl, Schönheitsideale, Treue, Eifersucht oder das berühmte erste Mal befragt.

Warum die Macher der Sendung aber zwei Jungen mit versteckter Kamera bei unbeholfenen Flirtversuchen filmten und damit gnadenlos vorführten, bleibt schleierhaft. Gleichzeitig waren viele Interviews eher amüsant als informativ: Da bezeichnete ein Jungspund seine Vorlieben folgendermaßen: "Schnitten-Titten“. Ein Mädchen sagte: "Ein kleines Zahnstöcherchen von Mann kommt für mich überhaupt nicht in Frage!“ Auch die Tatsache, dass sich die Hälfte aller jungen Mädchen für zu dick hält, zugleich aber nur etwa 12 Prozent der Jungen Probleme mit ihrem Körpergewicht haben, ist keine wirklich neue Erkenntnis.

Alarmierendes Unwissen für Geschlechtskrankheiten

Alarmierend sind hingegen die Ergebnisse hinsichtlich des Schutzes vor sexuell übertragbaren Krankheiten: 42 Prozent der Jugendlichen machen sich über Aids keine Gedanken, ein Junge sagt: "Bei Mädchen in meinem Freundeskreis bin ich mir sicher, dass die nichts haben und wenn, würden die es mir sagen.“Die Jugend von heute ist nicht nur erschreckend wenig informiert, sie ist auch konservativer als angenommen – nur 6 Prozent der Mädchen und 12 Prozent der Jungen können sich Sex ohne Liebe vorstellen.

Wir dagegen versuchen uns vorzustellen, an welche Zielgruppe diese Doku gerichtet war. Etwa an besorgte Eltern, die wissen wollen, was ihr Nachwuchs heimlich hinter der Kinderzimmertür treibt? An ältere Semester, die sich ihrer Adoleszenz erinnern wollen?

Der Sexreport ist sicherlich gut gemeint und kurzweilig aufbereitet. Doch die eigentlich angesprochenen, Jugendliche, werden angesichts dieser Mischung aus diffusem wissenschaftlichen Anspruch und viel Wirbel um wenig Inhalt vor allem eines denken: Laaaangweilig. Überhaupt: Wer jung ist und Samstagnacht vor dem Fernseher hockt, muss eh noch einiges lernen. Beispielsweise im richtigen Moment einfach mal abzuschalten.