Oper

Zwei Brit-Pop-Helden machen den Affen

Damon Albarn und Jamie Hewlett sind die Männer hinter der virtuellen Pop-Band "Gorillaz". Jetzt machen sie Oper - nächsten Sommer auch in Deutschland. Morgenpost Online hat sich das Werk des Duos schon einmal angesehen.

Foto: bla/mir / AFP

Am Anfang hofft man noch. Da fliegt man per Zeichentrickfilm durch den Dschungel, ein Ei klackert Felsen herab und gebiert den Affenkönig, den erst handelnden und dann denkenden Held einer in endlosen Reisekapiteln dahinmäandernden chinesischen Volkssage - so eine Art Till Eulenspiegel auf vier Pfoten. Der mutiert schnell - die Leinwand ist nun hochgezogen - zu einem in Mandarin singenden Menschen im Fellkostüm, um ihn herum, in einem schillernd bunten Regenwald hangeln weitere an Bambusstangen in den Bühnenhimmel.

Synthesizerbeat treibt die Handelnden voran, die Pipa, die chinesische Laute, jault und plingelt, äffische Akrobaten fliegen Flicflacs, ein Chor jubiliert, der melismatische Singsang der Peking-Oper (die den Affenkönig oft schon zu ihrer Hauptfigur gemacht hat) wird durch den Vocoder geschleudert. Eine Jahrhunderte alte, sehr exotische Kunstform scheint hier multikulturell aufgepeppt - als klingendes Konglomerat aus fernem Osten und nahem Rock-Westen, aus Oper und Performance, ja, auch mit einer Prise Musical. Populär und aufwendig, aber intelligent - und vor allem innovativ.


Schließlich stehen hier als Masterminds hinter dem millionenteuren Musiktheater-Unternehmen "Monkey Journey to the West", das nun auf Tournee gehen, natürlich auch auf CD und DVD gebannt werden soll, die Begründer der bereits mythisch verklärten, nur virtuell als CDs und Comiccharaktere existierenden Popband Gorillaz: Damon Albarn, Frontmann von Blur und einer zweiten Retortenband, die bisher nur unter ihrem Debütalbum "The Good, The Bad & The Queen" firmiert sowie Tank-Girl-Erfinder Jamie Hewlett. Regie führte der Chinese Chen Shi-Zen, der mit seinem 22-stündigen "Päonienpavillon" alle großen Kunstfestivals beglückt hat. Und in Aix-en-Provence mit einer bunten, aber faden "Così fan tutte" baden ging.

McCartney und Costello erlagen auch schon dem Bann der Oper

Die "Monkey"-Vorpremiere beim neuen Manchester Festival im Juni wurde hymnisch bejubelt, doch wegen technischer Schwierigkeiten kommt Berlin, wo die augenblicklich eventhungrige Lindenoper mitproduziert, erst nächsten Juli auf den mutwilligen Affen. Am ebenfall kooperierenden Pariser Théâtre du Châtelet fand jetzt die eigentliche Uraufführung statt. Und, sieht man den übrigen Spielplan dieser städtischen Oper ohne festes Ensemble, dann hat man wirklich den Eindruck, hier würde über populäre Musiktheaterformen der Zukunft nachgedacht.

Da folgt einer Sahel-Oper die "West Side Story". Fanny Ardant wird als Regisseuse eine Messager-Operette aufpeppen, Hans Ulrich Obrist kuratiert einen irgendwie szenischen Dialog bildender Künstler von Matthew Barney bis Tino Segal. Albert Roussels halbvergessenes Opéra ballet "Padmâvatî" wird in ein Bollywood-Spektakel verwandelt, es gibt eine Zarzuela und die Uraufführung der vom "Herr der Ringe"-Klangerfinder Howard Shore komponierten "Fliege" - mit David Cronenberg als Regisseur und Placido Domingo als Dirigent.

Und als Ouvertüre sollte es nun also rockopern. Ein Traum sollte weitergehen, der vor 40 Jahren mit "Tommy" von The Who begann. Popmusiker wie Paul McCartney, Elvis Costello, Roger Waters oder Steve Nieve wurden, kamen sie erst in die Jahre, magisch von der alten Tante Oper angezogen. Die hat längst ihren Irrweg einer seriellen und atonalen Moderne erkannt, flirtete immer häufiger mit Filmkomponisten, griff sich aus Literatur und Kino bekannte Stoffe. Doch wirklich Substanzielles kam seit "Tommy", das eigentlich auch nur eine Abfolge von in eine Handlung eingebetteter Songs ohne komplexere Verarbeitung ist, und "The Wall" von Pink Floyd nicht.

Rollen, Einräder, Tellerchen und eine Buddha-Statue

McCartney hat sülzige Oratorien geschaffen, Costello hat ein sehr schönes Streichquartett und ein Ballett komponiert, aber seine Andersen-Oper bliebt als Song-Zyklus auf halber Strecke, Waters' Revolutionsopus "Ça ira" klingt wie Lloyd Webber. Vor der Hochkultur wurde der räudige Rock zahm. Abhilfe könnte höchstens Glam-Diva Rufus Wainwright schaffen, der einen Operauftrag der Metropolitan Opera in der Tasche hat. Wenn Rockmusiker ihr Material verarbeiten müssen, es in szenische Zusammenhänge stellen und Personen psychologisch entwickeln sollen, dann fehlen ihnen dafür nicht selten die Mittel. Was für Opernkomponisten Routine scheint, wird hier zur oft unüberwindlichen Herausforderung.

Leider wurde auch bei "Monkey, Journey to the West" niemand vom wilden Opernaffen gebissen - und tollwütig rockig war der schon gar nicht. Je länger das dauert, und es sind eigentlich nur 110 Minuten, desto mehr und konventioneller zieht es sich als Stationendrama in Sojasauce dahin. Jamie Hewletts Filmchen verschwinden schnell, seine Ausstattung ist so üppig bunt und manga-harmlos wie ein Disney-Musical. Da hangeln sich chinesische Zirkusartisten als Spinnenfrauen an Seidenbahnen herab, schwerterbewehrte Dämonen gehen martial-arts-mäßig aufeinander los, verführerische Tempeltänzerinnen gleiten auf Rollen und Einrädern vorüber, am Ende dreht man Tellerchen vor einer bühnenfüllenden Buddha-Statue. Da sind längst schon alle im Musical-Nirwana, das aussieht wie eine Mischung aus schlitzäugiger Meerjungfrau Arielle, König der Löwen, André-Heller-Ethnospektakel und Cirque du Soleil.


Die fünf Freunde, die da von einer Abenteuerstation zu nächsten hüpfen, sind garantiert kinderkompatibel, jeder darf mal singen, aber nie zusammen. Denn Damon Albarn mixt hier Brit Pop, afrikanische Rhythmen, Pentatonik und Minimalismus mit zuviel Töne-Glutamat zum geschmacksneutralen Musikmus aus der Fusionsküche. Das aber kann die olle Oper besser, größer, professioneller.