"Wortstoffhof"

Axel Hacke – tolles Kiezdeutsch, blöde Sprachhüter

Bekannt wurde er mit seinen Kolumnen für die "Süddeutsche Zeitung". Jetzt legt Axel Hacke gleich zwei Bücher vor: eine Fortsetzung des "Weißen Neger Wumbaba" und die Sprachanalyse "Wortstoffhof". Dabei distanziert er sich von Sprachbewahrern und feiert "Ich-mach-dich-Messer"-Dialoge türkischer Jugendlicher.

Foto: picture-alliance / dpa

Die Wirklichkeit nimmt sich gern wichtig. Sie ist eitel wie eine Diva. Immer steht sie da, die Wirklichkeit, reckt sich auf Zehenspitzen, plustert die Backen auf, fuchtelt mit den Händen und will auf keinen Fall übersehen werden. Doch schaut man näher hin, merkt man, wie unbeständig sie ist.

Kaum macht man die Augen zu, ist sie weg. Kaum beginnt man, sich was vorzustellen, ist sie plötzlich nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten. Kaum schlägt man ein Buch auf, beginnt sie zu verschwimmen und zu verschwinden. Ich möchte hiermit eine neue literarische Maßeinheit vorschlagen: Die kürzeste Entfernung von der Wirklichkeit zur Nicht-Wirklichkeit beträgt exakt ein „Hacke“. Benannt nach Axel Hacke, dem Erfinder zahlloser kleiner Geschichten, die alle in der Wirklichkeit wurzeln, aber auf schnellstem Weg über sie hinausführen.

Vor rund zwanzig Jahren begannen Hackes Geschichten zu wuchern. Inzwischen sind sie zu einem ausgedehnten Geschichten-Urwald aufgeblüht. Manche von ihnen sind gar nicht mehr so kurz, sondern gleich mehrere „Hacken“ lang.

Einer ihrer frühesten Helden ist ein sprechender, etwas ängstlicher Kühlschrank, der zum festen literarischen Begleiter Hackes wurde. Aber der ist nicht festgelegt auf Küchengeräte mit psychischen Problemen. In seinen Geschichten kommt alles möglich vor: Geldsaft zum Beispiel, oder ein fingergroßer, schrumpfender König, oder ein weißer Neger, dazu ein Sohn namens Luis, Doris Becker, Wutbomben und Liebesraketen, jede Menge Leserbriefe, jede Menge Tiere, Orlando der Vielfache, eine Ehefrau namens Paola, München, sehr viel München sogar, Doktor Leibtrost, Erich Scheitelmüller und ein prächtig sortierter Wortstoffhof. Doch zu dem später.

Als die ersten Geschichten zu keimen und sprießen begannen, war Hacke Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“. Das hätte schlecht enden können für die Geschichten, denn nach landläufigem Verständnis geht es beim Journalismus um harte Fakten und nicht um den Versuch, sie auf kürzester Distanz hinter sich zu lassen.

Doch Hacke hatte Glück, er bekam von seiner Zeitung eine Kolumne und die Leser damit einen Autor, der ihnen zeigt, wie man sogar mitten zwischen den wichtigsten Nachrichten und Kommentaren der Wirklichkeit eine Nase drehen kann. Hackes Kolumne gibt es bis heute, die ARD hat einiges daraus als Serie verfilmt, und ihre dauerhafte literarische Existenz hat sie in etlichen Büchern Hackes gefunden.

Irgendwann einmal kamen in einer seiner Geschichten auch eine Kröte und mehrere Keller vor. Die Geschichte beginnt mit dem denkwürdigen Fragesatz: „Die Keller meines Lebens?“ Danach gibt Hacke dann Auskunft über prägende Kellererlebnisse, als hätte ihn tatsächlich jemand genau danach gefragt. Der Satz verrät einiges über die erzählerische Perfektion und den Witz Hackes.

Denn natürlich verfällt kein Mensch je auf die reichlich abwegige Idee, irgendjemanden auf dieser Welt nach den Kellern seines Lebens zu fragen. Doch dieser erste Satz kommt so natürlich und mit so viel Freude an windschiefen Themen daher, dass man sich als Leser erwartungsvoll zurücklehnt und mit einem Mal neugierig ist auf diese dunklen Keller. Viel mehr kann ein Erzähler mit einem gerade mal vier Worte langen Eröffnungssatz kaum erreichen.

Natürlich sind die Keller dieser Geschichte nicht einfach Keller, sondern so etwas wie das Unterbewusste all der luftig-hohen Wohnungen, in denen man lebt. In Hackes Kellern sieht es, gesteht er, reichlich wirr und wüst aus, und er beneidet die Nachbarn, bei denen es aufgeräumter zugeht. Und dann schreibt er etwas, das für Hackes Geschichten bezeichnend ist: Er schreibt, wie er das Ohr an die Tür legt, hinter der sein Keller-Chaos lauert, und nach den „Geräuschen seiner Unordnung“ lauscht.

Geheimnisse von Hackes Erzählungen

Das scheint mir eines der Geheimnisse von Hackes Erzählungen zu sein: Wer die Haltegriffe der Wirklichkeit hinter sich lässt – selbst wenn er das nur für Momente wagt – der muss auch den Mut haben, all dem Kuriosen, Abwegigen, dunkel Rumorenden zuzuhören, das in seinen Träumen und Fantasien zum Vorschein kommt. Hacke hat diesen Mut, und das macht seine Kolumne zum Logbuch einer Tauchfahrt durch die eigenen Hirngespinste. Nicht alles, was einem dabei begegnet, ist immer angenehm.

Axel Hacke weiß das, also kommt in seinen Keller-Bekenntnissen auch ein Bauernhaus vor mit modrigem Lehmkeller. Als er, schreibt er, dessen Tür öffnete, „schlug mir ein feuchter Hauch entgegen, ich sah eine riesige, den Raum füllende weiße Kröte sitzen. Sie blickte mich verwundert an und machte ein gurgelndes Geräusch. Ich schloss die Tür und machte sie nie wieder auf.“

Lesern ist das offenbar nicht fremd, im Gegenteil, sie lieben es, wenn Hacke das Nicht-Wirkliche, das Fantastische literarisch in greifbare Nähe rückt. Hacke ist heute kein Journalist mehr, sondern so etwas wie ein Volksschriftsteller: „Am Samstag sagt mir die Gemüsehändlerin auf dem Vikualienmarkt, wie ihr meine neue Kolumne vom Freitag gefallen hat“.

Und das, obwohl Hacke kein jovialer Münchner, sondern in Braunschweig geboren und ein eher kühler Kopf ist. Auf Lesetourneen füllt er große Säle quer durch Deutschland. Im Münchner Lustspielhaus steht er monatlich auf dem Programm.

"Kleiner Erziehungsberater"

Sein „Kleiner Erziehungsberater“, eine Kolumnenreihe, die von dem Dauer-Tumult berichtet, in den Kinder den ganz gewöhnlichen Familienalltag verwandeln, hat sich zu einem kleinen Welterfolg entwickelt: 600.000 Exemplare wurden in Deutschland verkauft, noch einmal so viel im Ausland. Von seinem Buch über den schrumpfenden „König Dezember“ eine halbe Million. Von den Bänden über Herrn Wumbaba etwa doppelt so viel.

Womit wir schon fast beim anfangs angekündigten „Wortstoffhof“ angekommen sind. Hackes Leidenschaft, herauszufinden, was hinter den Grenzen der Wirklichkeit zu entdecken ist, erstreckt sich nämlich nicht nur auf Fantasie-, sondern auch auf Sprachwelten. Wenn einer etwas sagt und andere ihn verstehen, bleibt in der Sprachwelt alles an seinem Platz.

Falls sich aber einer verhört, falls es zu Missverständnissen kommt, dann tun sich mit einem Mal noch nie betretene, ungeahnte Sprachräume auf. Die verzeichnet Hacke in seinen „Handbüchern des Verhörens“, die schon in ihrem Titel den nicht nur farblich bemerkenswerten „Weißen Neger Wumbaba“ führen – der aus Matthias Claudius’ Gedichtzeile „die weißen Nebel wunderbar“ mittels eines prachtvollen Hörfehlers geboren wurde.

Ärger um Wumbaba

Wumbaba hat Hacke auch Ärger eingetragen. Um Anstoß am bösen N-Wort im Titel zu nehmen, kamen zu einer Lesung Zuhörer, die weder Ironie noch Spaß verstanden. „Nenn’ mich nicht Neger, stand auf Schildern, die sie sich um den Hals gehängt hatten“, sagt Hacke.

Schon am Teint Wumbabas hätten sie erkennen können, dass er dem Reich der Poesie, nicht den Territorien des Rassismus entstammt. Doch da Wumbaba in Hackes Hörfehler-Handbüchern ohnehin nur die Rolle eines einzelnen Beispiels und eines Maskottchens spielt, lieferte er auch in dieser Lesung letztlich keine Munition für den Versuch, selbst das Verhören noch an die Kette politischer Korrektheit zu legen.

In seinem „Wortstoffhof“, um endlich zu ihm zu kommen, sammelt Axel Hacke nicht Hör-, sondern Schreibfehler: „Schlecht übersetzte Speisekarten, rätselhafte Schild-Texte, kryptische Gebrauchsanweisungen“. Aus all dem macht er Baumaterial zu den erstaunlichsten und oft sehr komischen Sprachabenteuergeschichten.

Nicht um Duden-Genauigkeit geht es ihm, sondern um die Lust am Spiel mit Worten: „Ich halte nicht viel von denen, die das Deutsche ‚pflegen’ wollen, als sei es ein Patient. Oder die nach aussterbenden Wörtern suchen, als sei die Sprache ein bedrohtes Ökosystem und der Verlust des Wortes ‚Backfisch’ dem Aussterben des Kabeljaus gleichzusetzen. In Wahrheit stehen bei uns, wenn ein Wort ausstirbt, doch gleich zwei neue an den nächsten Straßenecke, und noch im letzten Ich-mach-dich-Messer-Dialog zweier Neuköllner Türkenjungs steckt mehr von der Kraft des Deutschen als in den Teilnehmern betulicher Sprachhütertagungen.“

Wer so viele Leser hat, wer so viel Genuss bereitet, wer so viel Vertrauen in die Sprache samt ihrer unordentlichen Schönheit hat – der hatte es in unserem Literaturbetrieb schon immer schwer, Anerkennung zu finden. Bis heute bekam Hacke von den zahllosen deutschen Literaturpreisen keinen einzigen.

Keine der fünf Akademien, die sich hierzulande für Sprache, Literatur oder Dichtung zuständig fühlen, hat Hacke bislang zum Mitglied gemacht. Er ist einer der erfolgreichsten Vorkämpfer der Sprachlust, ein Popstar der Wörterliebe, aber der Betrieb zeigt ihm die kalte Schulter.

Die Leser haben schnell gemerkt, was für einen Dichter sie in ihm haben. Die Fachleute brauchen länger. Vielleicht sollten sie sich an den heute viel gefeierten Peter Altenberg erinnern, der vor 100 Jahren starb und die Feuilletons seiner Zeit mit kleinen Geschichten belieferte, die Fluchtwege aus der Wirklichkeit wiesen. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Altenberg und Axel Hacke: Hacke ist besser.

Axel Hacke: Wortstoffhof, 223 S., 16,80 €.

Axel Hacke & Michael Sowa: Wumbabas Vermächtnis, 77 S., 9,90 €.

Beide: Kunstmann, München

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