Fernsehen

Marcel Reich-Ranicki war immer ein Außenseiter

Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises hat Marcel Reich-Ranicki noch über den TV-"Blödsinn" gewettert. Jetzt ist er selbst Gegenstand eines Fernsehfilms geworden. Gezeigt wird die Verfilmung von Reich-Ranickis Memoiren "Mein Leben". Mit Morgenpost Online sprach der Literaturkritiker über den Film und über Mathematik.

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Morgenpost Online: Ist der Film über Ihr Leben gelungen?

Marcel Reich-Ranicki: Ja. Ich habe dem Filmteam vorher gesagt: "Verfilmt nicht das Buch, macht einen guten Film." Das ist ihnen gelungen. Ich wollte mich nicht einmischen. Die Frage, die mich vorher am meisten beunruhigt hat, war, ob die beiden Hauptdarsteller passen würden. Ich muss sagen: Sie sind fabelhaft.

Morgenpost Online: Dem Film, noch mehr als Ihrem Buch, kann man entnehmen, dass Sie ein sehr artiges Kind waren. Sie sind als Neunjähriger von Polen nach Berlin geschickt worden. Hatten Sie keine Angst?

Reich-Ranicki: Nein. Ich kam ja zu Verwandten. Ich sprach anfangs nur Polnisch, aber meine Mutter war ja in Preußen aufgewachsen. In der Schule habe ich mich dann allerdings als Außenseiter gefühlt. Schon bei der Frage nach meinem Geburtsort, dem polnischen Wloclawek, wurde gelacht. Ich passte nicht zu den anderen. Ich war immer ein Außenseiter. Auch in Polen, als ich dorthin zurückkam aus dem Dritten Reich.

Morgenpost Online: Über Ihre Mutter schreiben Sie am Anfang Ihres Buches: "Sie war nicht sehr sprachgewandt. Bis zum Ende ihres Lebens, bis zum Tag, an dem man sie in Treblinka vergaste ..." Hier stockt man beim Lesen. Wie lange hat es gedauert, bis Sie diesen Satz schreiben konnten?

Reich-Ranicki: Eine Minute. So war es doch. So ist meine Mutter umgekommen und auch mein Vater. Bei meinem Bruder weiß ich es nicht genau; er wurde wahrscheinlich erschossen. Der Vater meiner Frau hat Selbstmord verübt.

Morgenpost Online: Sie haben erst sehr spät Ihre Autobiografie geschrieben. Warum?

Reich-Ranicki: Meine Frau hatte mir schon im Krieg gesagt: Wenn wir das überleben, musst du es aufschreiben. Ich habe geantwortet: Nein, bestimmt nicht. Dazu bin ich nicht imstande. Das, was ich im Krieg und im Ghetto erlebt habe, ist sehr schwer darzustellen. Nach dem Krieg hatte ich andere Arbeiten und habe nicht mehr daran gedacht, mein Leben aufzuschreiben. Erst viel später hat mich ein Verleger angesprochen und überzeugt. Ich wollte noch nicht, hatte aber einen Vortrag über das Thema Heimat zu halten, schrieb 40 Seiten und da wurde mir klar: Wenn ich das erweitere, ist das Buch fast fertig.

Morgenpost Online: Zurück zu Ihrer Jugend. Sie wollten Ihr Außenseitertum durch Wissen und Können beenden. Haben Sie deshalb so viel gelesen?

Reich-Ranicki: Zuerst hat mich ja Mathematik fasziniert. Das ging am schnellsten, da war ich gleich der Beste in der Klasse. Und dann begann auf dem Umweg über das Theater die große Schwäche für die Literatur.

Morgenpost Online: Ein Exkurs: Ihr Sohn ist ein anerkannter Mathematiker in der Fachrichtung ...

Reich-Ranicki: Topologie. Aber was das genau ist, weiß ich nicht. Ich habe ihn mal gefragt: Wie viel Zeit brauchst du, um mir zu erklären, was Topologie ist? Er hat geantwortet: Bei dir - drei Monate. Später habe ich mal einen Mathematiker im Zug getroffen und ihn nach der Topologie gefragt. Er hat es mir erklärt. In drei Minuten. Mein Sohn hat geantwortet: Ja, aber das war kein Topologe.

Morgenpost Online: Wie war es möglich, dass Sie die viele Lektüre, die Sie als junger Mann gelesen hatten, so behalten konnten, dass Sie die Romane und Theaterstücke Jahre später, als Sie im Keller bei den Polen versteckt waren, nacherzählen konnten?

Reich-Ranicki: Ich weiß es nicht. Es ist auch für mich unfassbar, wie viel ich in meiner Schulzeit in Berlin lesen konnte. All die Romane von Tolstoi, Dostojewski, Balzac, Stendal, die Stücke von Shakespeare, Lessing, Schiller, Kleist. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich als Jude in der Schule von bestimmten Veranstaltungen ausgeschlossen war und deshalb viel Zeit zum Lesen hatte. Und behalten habe ich es, weil es mir gefallen hatte. Ich muss aber sagen, dass ich als Jude in der Schule sehr gut behandelt worden bin.

Morgenpost Online: Die Literatur hat Ihr Leben gerettet. Den Polen, die Sie nach Ihrer Flucht aus dem Ghetto versteckten, haben Sie abends Dramen und Romane nacherzählt. War das, bei aller Unerträglichkeit der Situation, die Schule für Ihre spätere Arbeit als Kritiker?

Reich-Ranicki: Ja. Ich habe an der Reaktion gemerkt, was ankam und was nicht.

Morgenpost Online: Die polnische Familie, die Sie und Ihre Frau versteckte, wurde erst nach deren Tod in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Ihre Lebensretter geehrt. Warum?

Reich-Ranicki: Nach unserer Befreiung hat mir der Mann etwas Erschütterndes gesagt. Er hat mich darum gebeten, niemandem zu sagen, dass er uns versteckt hatte. Er sagte: Ich kenne die Polen. Sie würden es mir nie verzeihen.

Morgenpost Online: Haben Sie nach dem Krieg antisemitische Erfahrungen in Polen gemacht? Wann waren Sie zuletzt dort?

Reich-Ranicki: Vor 50 Jahren. Ich bin 1958 weggegangen, war nie wieder dort. Aber es hat mich auch nie mehr jemand nach Polen eingeladen.

Morgenpost Online: Aber Sie sprechen mit Ihrer Frau noch Polnisch?

Reich-Ranicki: Ja.

Morgenpost Online: Sie mussten Jahre Ihrer Jugend im Ghetto verbringen. Haben dort Ihre Frau kennengelernt. Hat man denn unter diesen Umständen Zeit für Zärtlichkeiten?

Reich-Ranicki: Ja, aber wir haben gewusst, dass man uns unsere Jugend gestohlen hatte.

Morgenpost Online: Sie sind 1943, nachdem schon fast alle im Warschauer Ghetto ermordet worden waren, von dort geflohen. Warum nicht eher?

Reich-Ranicki: Wohin hätten wir fliehen sollen? Wovon leben? Wir hatten keine Freunde außerhalb des Ghettos. Jeder Helfer wurde ja mit dem Tode bestraft.

Morgenpost Online: Wie konnten Sie 1958 in die Bundesrepublik gehen, wo Sie doch dort täglich Menschen begegnen konnten, die Sie zehn Jahre zuvor noch ermorden wollten?

Reich-Ranicki: Der Film hat das fabelhaft gelöst. Man sieht dort Menschen an mir vorbeigehen, die mich im Krieg bedroht haben, und man weiß nicht, ob ich mir das nur einbilde. Ich muss Ihnen dazu aber Folgendes erzählen: Ich bin 1958 nicht nach Deutschland gegangen. Der erste Gedanke war umgekehrt: Ich will weg aus Polen. Der nächste Gedanke war: wohin? Es gab nur zwei Länder, in die ich legal gehen konnte, Israel und Deutschland. Was ich in Deutschland tun würde, wusste ich nicht. Ich bin zur "FAZ" und zur "Welt" gegangen und habe Bücher zum Rezensieren bekommen. So ging es los. Jahre später habe ich gemerkt, woher ich meinen Stil hatte. Ich hatte in der Jugend so viel von Polgar, Tucholsky, Kerr gelesen. Ich war unter dem Einfluss deutscher Kritiker.

Morgenpost Online: War Ihre Frau damit einverstanden, nach Deutschland zu gehen?

Reich-Ranicki: Nein! Aber sie hat letztlich immer getan, was ich wollte.

Verfilmung von Reich-Ranickis Memoiren "Mein Leben" - Sendedaten: Arte, 10. April, 21 Uhr und ARD, 15. April, 20.15 Uhr

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