Friedrich-Luft-Preis

Thomas Brussig plädiert für "Staats-Sicherheiten"

Das Dokumentarstück "Staats-Sicherheiten" ist mit dem Theaterpreis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet worden. In der Inszenierung von Clemens Bechtel am Potsdamer Hans Otto Theater erzählen Stasi-Opfer ihre Geschichte. Schriftsteller und Jurymitglied Thomas Brussig sagt, warum gerade das große Kunst ist.

Foto: Stefan Gloede

Mein Schulfreund, der ihnen vielleicht als Tatort-Kommissar Kain bekannte Schauspieler Bernd-Michael Lade, ist zum Theater zurückgekehrt. Er war als Stefan in der viel beachteten und auch für diesen Preis, den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost, nominierten Inszenierung von „Anna Karenina“ zu sehen. Als ich ihm erzählte, welche Inszenierung den diesjährigen Friedrich-Luft-Preis bekommt, winkte er nur ab und sagte: „Gegen so was bist du natürlich machtlos.“

Gutes, hervorragendes Theater ist dieses Jahr in Berlin und Potsdam gezeigt worden. Die Jury hatte die Qual der Wahl. Die Entscheidung für „Staats-Sicherheiten“ war weder eine Verlegenheits- noch eine Konformitätsentscheidung mit Blick auf die anstehenden Jubiläen.

Ein wenig seltsam war uns aber doch zumute. Denn: Ist das überhaupt Theater? Wir sehen ja keine Schauspieler, die Rollen interpretieren, sondern wir sehen Menschen, die ihre eigene Geschichte erzählen. Sie wechseln einander ab, sind knapper da, wo ihnen Ähnliches widerfahren ist, und ausführlicher dort, wo es individuell wird. Sie spielen nicht, sie deuten höchstens mal an, machen etwas vor.

Es ist ein sehr sparsamer Abend und wenn das Theater immer wieder seine Grenzen auslotet, so scheint diese Inszenierung gleichsam erkunden zu wollen, mit wie wenig Theater Theater noch Theater ist. Eine Bühne haben wir, aber keinen Vorhang. Es gibt nur zwei Szenen, in denen es so etwas wie Kulissen gibt. Licht und Musik – ja. Aber haben wir Kostüme? Und wie ist das, wenn von den Schauspielern keinerlei Verwandlung abverlangt wird? Aristoteles hat in der „Poetik“ dargelegt, dass die anthropologische Grundlage des Theaters im Nachahmungstrieb des Menschen liegt.

Aber gespielt wird hier nicht. Es gibt nicht einmal Protagonisten, nur etwas, das man, wenn wir schon bei Aristoteles sind, „Chor“ nennen kann. Und es ist auch nicht das, was gemeinhin „dokumentarisches Theater“ genannt wird. Im Gegensatz zu diesem kann „Staats-Sicherheiten“ nicht nachgespielt werden, denn es lebt ja von der Verschmelzung des Darstellers mit dem Darzustellenden.

Da fragt sich natürlich Lieschen Müller: Ist das überhaupt Kunst? Ich behaupte: Oh ja, es ist Kunst! Die Texte, auch wenn sie nur schmucklos Erlebtes wiedergeben, müssen ja trotzdem aufgeschrieben und montiert werden. Und die sie sprechen, haben Auftritte, Abtritte, sie stehen mal im Licht, mal im Schatten. Sie sprechen frei und sie sprechen deutlich. Nur, weil wir in „Staats-Sicherheiten“ nicht das erleben, was gemeinhin zum Theater gehört, ist es nicht gleich kein Theater.

Kunst teilt mir etwas mit, das ich nicht wusste und das es mir erlaubt, die Welt danach anders zu sehen als vorher. Und deshalb sage ich noch mal zu Lieschen Müller: „Staats-Sicherheiten“ ist Kunst. Wir sehen ja diese Menschen, die von der DDR zu Knastologen gemacht wurden. Menschen, die nichts an sich haben, dass man denkt, dass die in den Knast gehören. Angenommen, Sie träfen jemanden von denen auf der Straße: Würde Ihnen der Gedanke „vorbestraft“ in den Sinn kommen? Ganz sicher nicht.

„Staats-Sicherheiten“ erteilt uns so manche Lektion. Unter anderem diese: Das Interesse an diesem Thema ist groß. An dieser Stelle und bei diesem Anlass darf ich es sagen: Der Widerstand gegen dieses Projekt war nirgends größer als im eigenen Haus, dem Hans Otto Theater. Ich kann die Skeptiker sogar verstehen: Das Thema galt als langweilig, als besetzt von „Berufsopfergruppen“, die untereinander auch noch zerstritten waren, als politisch so korrekt, dass man vor Langeweile nur einschläft. Der Unrechtsstaat. Die Stasi. Das verbrecherische System. Die Bespitzelung und Überwachung. Wer bitte, will sich das freiwillig reinziehen?

Nun, nach ein paar Aufführungen weiß man: Die Hütte ist immer brechend voll. Und das ist doch mal ein Erkenntnisgewinn: Es gibt ein Interesse an dieser Zeit und an den Geschichten der Opfer der DDR-Diktatur. Ob wir ihre Meinungen hören wollen, weiß ich nicht, aber ihre Geschichten, die wollen wir hören. Und da rennen wir freiwillig hin und bezahlen sogar Geld für.

Ach, was muss man hören oder lesen von Ex-Stasi-Offizieren, die wieder den Kopf heben und die sich und der Welt erzählen, dass sie erstens im Dienste des Friedens und zweitens ja auch nicht sooo schlimm und drittens und viertens – kurzum: Sie spekulieren auf unser Vergessen. Man kann diesen Herrschaften, da sie nun mal unverbesserlich sind, von hier aus nur den Bescheid erteilen, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Euch will keiner hören. In Euren Zirkeln bleiben die alten Genossen unter sich und werden noch älter. Aber hierher, ins Hans Otto Theater, wenn Eure Gegner von sich und von Euch erzählen, dahin strömen die Leute. Also wartet gefälligst. Ihr seid noch nicht dran. Ihr interessiert jetzt einfach nicht.

Heute interessieren uns die Opfer und Gegner. Die, die eingesperrt wurden, haben uns für diesen Abend in den Bann gezogen und unsere Sympathie gewonnen, indem sie – scheinbar einfach – nur erzählt haben, von ihrer Verhaftung, ihrer Vernehmung, ihrem Eingesperrtsein, ihrem Prozess und ihrer Freilassung.

Manchmal haben sie uns auch zum Lachen gebracht. Vor allem aber erzählen sie uns Geschichten, die schier unglaublich sind. Würde man sie erfinden, bekäme man zu hören: Also bitte, das geht doch gar nicht. Aber das Leben ist sich bekanntlich für nichts zu schade. Dieser Abend wird in Erinnerung bleiben, das ist mal sicher. Und wenn ich schon anfange, in die Zukunft zu schauen: Denkbar ist auch, dass sich aus einer Arbeit wie dieser heraus ein neuer, eigener Inszenierungsstil entwickelt, der reale Menschen, die gemeinhin theatermäßige Laien sind, in die Lage versetzt, ihre ureigene Geschichte so darzubieten, dass sie auf Interesse stößt.

Unser AutorThomas Brussig ist Mitglied der Jury für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost und Schriftsteller aus Berlin. Zu seinen Bucherfolgen zählen unter anderem „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“.