Nachruf im ZDF

Für Hamann drückt Kerner auf die Tränendrüse

Aus aktuellem Anlass wollte Johannes B. Kerner in einer Sondersendung am frühen Montagabend die „1000 Gesichter" der verstorbenen Evelyn Hamann zeigen – angeblich. Stattdessen flocht er ihr einen Kranz aus abgegriffenen Klischees. Weil seine Taktik ins Leere lief, musste er kräftig auf die Tränendrüse drücken.

Muttis wissen es längst. Der Einhandsauger namens Heinzelmann mit integrierter Trockenhaube ist ein echtes Multitalent, an dem auch Vati seine Freude hat: „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“

Darf in einem Nachruf auf Evelyn Hamann eigentlich gekichert werden?

Es war eine jener scheinheiligen Kerner-Fragen, mit der der Moderator seine Studiogäste in einer Sondersendung zum plötzlichen Tod der beliebten Komikerin konfrontierte. Kaum hatte die Redaktion die Nummer mit dem Heinzelmann und andere Ausschnitte aus berühmten Loriot-Sketchen gezeigt, da meldete sich das gute Gewissen der Nation in Gestalt von Johannes Gutfried zu Wort.

Und alle waren sie da

Vor ihm saßen langjährige Wegbegleiter Hamanns, die alle hätten dazu beitragen können, ein aussagekräftiges Bild der Schauspielerin zusammenzupuzzeln - wenn sie nicht wüssten, dass ihnen das der Anstand verbietet. Da war der Produzent Markus Trebitsch, der so eng mit Hamann befreundet war, dass er mit ihr und seiner Familie gelegentlich sogar Weihnachten zusammen gefeiert hatte. Mit Rudolf Kowalski hatte sie schon in Bremen zusammen Theater gespielt, bevor sie einige Loriot-Sketche und später auch „Evelyn Hamanns Geschichten aus dem Leben“ mit ihm zusammen drehte. Und den Kollegen Gerhard Garbers kannte sie schon seit 1962, seit sie gemeinsam die Schauspielschule besucht hatten. Sie hat ihn 30 Jahre später gebeten, ihren Ex-Ehemann in der satirischen Krimiserie „Adelheid und ihre Mörder“ zu spielen.

Es gehe ihm darum, die „1000 Gesichter einer ungewöhnlichen Frau“ vorzustellen, verkündete Kerner zu Beginn der Sendung. Doch wer ihm das abkaufte, hatte entweder den jüngsten Rauswurf Eva Hermans aus seiner Talkshow verpasst oder glaubte noch an den Weihnachtsmann. Hätte der Moderator das wirklich gewollt, hätte er tiefer als bei Wikipedia schürfen müssen, statt der Komikerin aus den abgegriffenen Klischees einen Kranz zu flechten. Der „kongenialen Partnerin“ an der Seite von Loriot, die angeblich doch immer die Hauptrolle spielte. Einer der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen Deutschlands, die sich mit Loriot in jedem Sketch einen Schlagabtausch geliefert habe, „aus dem beide als Punktsieger hervorgingen“.

An dem Denkmal Loriot zu rütteln, wagt nicht einmal Kerner

Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass die beiden nicht als Freunde auseinander gegangen sind. Erst im August hatte der NDR Evelyn Hamann zum 65. Geburtstag ein zweistündiges Porträt gewidmet. Und schon damals hatte man sich gefragt, warum dort ausgerechnet ihr Friseur Udo Walz zu Protokoll gab: „Ich habe Evelyn nie küssen gesehen“, aber ihr Ziehvater nicht auftrat. Aber an dem Denkmal Loriot zu rütteln, das wagt nicht einmal Johannes B. Kerner.

Viel lieber hätte er aus seinen Gästen herausgekitzelt, wie denn die Schauspielerin so als Mensch gewesen sei. Wo man doch über ihr Privatleben kaum etwas weiß, außer dass sie einmal geschieden war und Katzen und Musik von Wagner mochte. Künstlerisch, das darf man sagen, ohne ihr zu nahe zu treten, hat sie nie wieder das Niveau wie während der Zusammenarbeit mit dem Grandseigneur des deutschen Humors erreicht. Das scheint sie verbittert zu haben. In den letzten Jahren, räumte Rudolf Kowalski ein, sei sie immer stiller geworden.

Zwar konnte sich Hamann später nicht über mangelnde Angebote beklagen, und gelegentlich war auch eine Rolle dabei, die ihr Image als verschrobene Spießbürgerin konterkarierte. So spielte sie 1999 in dem TV-Film „Wut im Bauch“ eine geschasste Bankerin und alleinerziehende Mutter, die sich als Mann verkleidete, um einen Job als Filialleiterin zu bekommen.

"Ich kann nur das spielen, was ich verstehe"

Doch egal, ob sie die pfiffige Sekretärin in der satirischen Krimi-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ oder die Haushälterin Carsta Michaelis in der „Schwarzwaldklinik“ gab, es schien, als würde sie sich lieber auf eingefahrenen Gleisen bewegen. „Die Figuren waren immer 100 Prozent Evelyn Hamann“, räumte Produzent Markus Trebitsch ein. Dabei habe es durchaus Angebote für andere Rollen gegeben. „Doch sie hat gesagt: Ich kann nur das spielen, was ich verstehe.“

Bei „Titel, Thesen und Temperamente (ttt)“ in der ARD oder in der „Kulturzeit“ auf 3sat hätten sich die Kollegen über solche Sätze gefreut. Kerner hätte es lieber pikanter gehabt. Vermutlich wollte er hören, dass sich die Komikerin mit ihrem Perfektionismus keine Freunde gemacht hatte. Dass sie ihren beruflichen Erfolg mit dem Verlust ihres Privatlebens bezahlt hatte. Doch seine Studiogäste ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern. Höflich versteckte sich Markus Trebitsch hinter der Formulierung, Hamann habe viel Freude in sein Haus gebracht.

Tränen lügen nie

Und so tat Kerner das, was er immer tut, wenn er merkt, dass seine Taktik ins Leere läuft: Er flüchtete ins Gefühlige. Tränen lügen nie. Aber wen gehen sie etwas an?

Man konnte es kaum mitansehen, wie es in Trebitschs Gesicht arbeitete, als er auf Kerners Nachfrage flüsternd gestand, er sei in den letzten Stunden ihres Lebens bei ihr gewesen. Er sei sehr traurig. Hamann sei sehr tapfer gewesen, sie habe bis zum Ende geglaubt, ihre Krankheit besiegen zu können. Die Kamera hielt frontal auf sein Gesicht.

Sie wandte sich auch nicht diskret ab, als sich Gerhard Garbers später verstohlen Tränen aus dem Augenwinkel wischte, nachdem Kerner seinen Gästen – gewissermaßen als Kontrastprogramm – die Nummer mit Hamann als TV-Ansagerin der 8. Folge der 16teiligen britischen, th-lastigen Krimiserie „Die zwei Cousinen“ gezeigt hatte. Es waren wohl keine Lachtränen, der Kollege war schlicht und einfach ergriffen.

Derart berauscht von seinem Punktsieg, schob Kerner später eine Frage nach, die an sich legitim ist, die in diesem Zusammenhang aber deplatziert wirkte: „Wir kichern. Muss uns das unangenehm sein?“ Gegenfrage: Bekommt man vom Heucheln Hautausschlag?

Aber nein, beruhigte ihn Markus Trebitsch. Evelyn Hamann hätte es gefallen, dass ihr Humor die Menschen auch nach ihrem Tod anspreche. Es wäre ganz in ihrem Sinne gewesen.

Ob das auch für die Abschiedsworte ihres Entdeckers Loriot galt? „Liebe Evelyn! Dein Timing war immer perfekt. Nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte.“