Fotoausstellung

Ursula Arnold hat das alte Ost-Berlin konserviert

Diese Fotoausstellung zeigt dem Betrachter ein Bild des Sozialismus, das im krassen Kontrast zu dem Bild steht, das der SED-Staat von sich und seinen Bewohnern hatte. Nicht heroisch und kämpferisch, sondern einfach nur müde sehen die Menschen auf diesen Fotografien aus. Wer die Bilder betrachtet, begibt sich auf Zeitreise.

Hurtig läuft eine kleine Dame den Bürgersteig entlang. In der Hand hält sie einen Schirm, so groß, dass sie fast darunter verschwindet. Hinter ihr säumt sich eine Straße, in der sich ein marodes Haus an das nächste reiht.

Risse ziehen sich durch die Fassaden, der Putz bröckelt, Bäume neigen sich im Regen. Es ist das Jahr 1965 und Ost-Berlin hat noch ein anderes Gesicht. Die Fotografin Ursula Arnold war Zeugin dieser Zeit. Eindringlich bebildern ihre Aufnahmen die untergegangene DDR: Verlassene Straßen, müde Werktätige. Eine Reihe Porträts, die in Berliner S- und U-Bahnen entstanden sind, zeigt Menschen, denen der Ernst des Lebens in die erschöpften Gesichter geschrieben steht.

Die Galerie Poll widmet der Künstlerin nun anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Jubiläumsschau. Darin nimmt die in Gera geborene Fotografin den Betrachter mit auf eine Zeitreise in die Ostbezirke Berlins der 60er und 80er Jahre. Man spaziert durch einen Kiez, den wir heute so nicht mehr kennen. Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung des Prenzlauer Berges ausgetauscht. Aufwendig wurden ganze Straßenzüge saniert. Daher scheinen die Motive heutzutage so bekannt wie fern: Reichtagsufer, Potsdamer Platz, Friedrichstraße - Menschen, die in diesen stillen Ruinen wandeln. Ursula Arnold gehört zu den bedeutendsten Vertretern ihrer Generation und Zunft, 2002 erhielt sie den Hannah-Höch-Preis.

Ihre Arbeiten stehen im Kontrast zum Bild des kämpferischen DDR-Bürgers und Helden des Sozialismus. Sie sind Bruchstücke des Alltags und des Gewöhnlichen, die stumm und anonym dennoch nahezu alles erzählen über das Leben - subtil, unaufdringlich und doch ausdrucksstark. Ein Bild aus dem Jahre 1965 zeigt drei junge Männer am S-Bahnhof Plänterwald. In ihren Frisuren, die an die Pilzköpfe der Beatles erinnern, schwingt der Hauch eines anderen Zeitgeistes mit - ein Fünkchen Freiheit. Diese Einblicke in die gesellschaftliche Realität der DDR, abseits der SED-konformen Fotoberichterstattung, sind ein großer Verdienst von Ursula Arnold.

Kunststiftung Poll , Gipsstr. 3, Mitte. Di-Sa 15-18 Uhr. Bis zum 18. April

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