"Unser Star für Oslo 2010"

Wenn Raab grinst, muss man mit allem rechnen

Mit einem Schlag soll Stefan Raab den Schlager retten. Und wenn es gerade passt, gleich die ARD und das Qualitätsfernsehen mit. Der Showmaster sucht gerade den "Star für Oslo". Raab hat die "nationale Aufgabe" angenommen, private und öffentliche Sender vereint. Hat er sich damit verhoben?

Ist er jetzt total verrückt geworden? Nun hält er sich auch noch für Frank Elstner, jedenfalls erzählte er das diese Woche einer Illustrierten. Und was kommt als Nächstes? Die Bundeskanzlerin – „spätestens im Finale“ des deutschen Vorentscheids zum European Song Contest am 12. März möchte Stefan Raab mit Angela Merkel in der Jury sitzen, sagt er. Und dass er dabei grinst, heißt gar nichts. Bei Stefan Raab muss man mit allem rechnen, vor allem wenn er grinst.

Wer hätte zum Beispiel auf der Rechnung gehabt, dass Stefan Raab einmal der kleinste gemeinsame Nenner beider Systeme in der dualen deutschen Rundfunkordnung sein würde? Oder der größte, wie man’s nimmt.

Dass er als „Präsident“ einem TV-Unterhaltungsprojekt vorstehen würde, das gerade dabei ist, Fernsehgeschichte zu schreiben, weil erstmals öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender gemeinsam in dieser Form vor die Zuschauer treten?

„Unser Star für Oslo 2010“ heißt das Kooperationsunternehmen, zu dem sich die öffentlich-rechtliche ARD und der Privatsender ProSieben zusammentaten, um nicht mehr und nicht weniger als den deutschen Schlager bei der Endausscheidung des European Song Contest (ESC) am 29. Mai in Oslo zu retten.

Mit Stefan Raab als Frontmann und oberstem Rettungsbeauftragten. Seit Jahr und Tag gehen bei diesem traditionsreichen Schlagerwettbewerb die deutschen Teilnehmer singend und klingend unter und die ARD als deutscher Co-Organisator gleich mit. Nun soll es Raab richten.

Ganz nebenbei soll er auch noch – die deutschen ESC-Vorentscheidungen werden als Castingshow aufgezogen – den Gegenentwurf zur erfolgreichsten TV-Unterhaltung auf die Beine stellen. Gemeint ist die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) bei RTL.

Damit erreicht der Kölner Sender jene, die bei der ARD kaum noch, bei ProSieben – vor allem dank Raab – aber durchaus noch hinschauen: die so flüchtigen, werbemarktrelevanten und heiß umworbenen jüngeren Zielgruppen.

Wer also ist dieser Stefan Raab, der es samt seiner „TV-Total“-Kulisse schon zu Lebzeiten in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin geschafft hat? Und wie konnte er zur Lichtgestalt zweier so weit voneinander entfernt erscheinenden Fernsehgalaxien – der öffentlichen wie der privaten – werden?

Eine bis heute in gutbürgerlichen Kreisen als „prollig“ verschriene Kontrastfigur zum Hochkultur-Darsteller Harald Schmid?

Man tut Raab sicher nicht unrecht daran, ihn als Seiteneinsteiger zu bezeichnen. Der heute 43-jährige Vater zweier Töchter wurde als Sohn eines Metzgerehepaars in Köln geboren und absolvierte nach dem Abitur im elterlichen Betrieb eine Lehre, die er als Bezirksbester abschloss.

1990 machte er sich als Produzent von Werbejingles selbstständig, bevor er 1993 beim Kölner Musikvideosender „Viva“ anheuerte und Popgruppen ansagte. Was wohl nicht seine stärkste Seite war, wie sich ehemalige Kollegen erinnern. „Aber wenn man dem ein Keyboard hinstellte und ihn machen ließ, da kamen ganz verrückte Sachen raus“, erinnert sich Dieter Gorny, Mitgründer und erster Geschäftsführer von Viva. „Und von Anfang an stand er in der Kritik, dass man das eigentlich so nicht machen kann, dort nicht machen kann. Konnte man aber doch, wenn man beharrlich war.“

Raab sei dann sehr bald als Allzweckwaffe eingesetzt worden, erzählt Gorny, der heute den Bundesverband der Musikindustrie leitet. Dass Stefan Raab sich nun als „Zentralscout der Öffentlich-Rechtlichen zum Auffinden real singender und künstlerisch wirkungsvoller Talente und Gegenpol zu DSDS“ wiederfinde, sei wahrlich eine Herausforderung, findet Gorny.

Und es kam einem Ritterschlag für Stefan Raab gleich, als Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens, bei der Präsentation der ARD/ProSieben-Kooperation mit kaum hörbarer Ironie in diesem Zusammenhang von einer „nationalen Aufgabe“ sprach, die es nun zu bewältigen gelte.

Da kenne man keine verschiedenen Fernsehsysteme mehr, sondern nur noch deutsche Sender, die zum Ruhme des heimischen Schlagers das Aufgebot der Allerbesten in die Medienschlacht schicken müssten.

Dabei ist es noch nicht sehr lange her, da galt – nicht nur den Medienaufsichtsbehörden – Stefan Raab als ebenso ein grenzwertiger Kandidat wie seine rüpelnden Gegenspieler im Unterhaltungskulturkampf bei RTL.

Frei nach dem Privatfernsehmotto „Eigentlich kann man das nicht machen“ testete Raab immer wieder froh gelaunt die Geschmacksgrenzen und Wettbewerbsregeln bis an juristische Limits und auch darüber hinaus.

Damit freilich ist es vorbei. Die Auftaktsendung, der sieben weitere folgen (Moderation Sabine Heinrich von 1Live/WDR und Matthias Opdenhövel, Co-Moderator bei Raabs „TV-Total“-Events, Viertelfinale und Finale in der ARD, der Rest bei ProSieben), strotzte nur so vor Distanzsuche zum Vorbild von RTL.

Geradezu als Anti-Bohlen trat Jurymitglied Marius Müller-Westernhagen auf, als er sich erst einmal grundsätzlich von Castingshows distanzierte, um dann aber doch umso engagierter mit gesetzter Miene und distinguierter Wortwahl sein Fachurteil im Sängerstreit zu verlautbaren.

Derlei Gespreiztheiten, die Raab als „Jury-Präsident“ mit betonten Schnoddrigkeiten auszugleichen versuchte, können Startprobleme, möglicherweise aber auch grundsätzlicher Natur sein.

Denn dass die ARD ohne Truppenbeistellung durch die Privaten den „Grand Prix“ nicht mehr flottbekommt, deutet auf einen fundamentalen Verlust an Kompetenz im Unterhaltungsfernsehen hin. Das habe etwas mit der Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun, das elektronische Mediensystem öffentlich-rechtlich anzulegen, während man den Printbereich wirtschaftlich ökonomisch hat laufen lassen, meint Dieter Gorny.

„Das hat eine volkshochschulische Kultur hervorgebracht, die irgendwann überholt wurde – nicht nur von den Privaten, sondern von der Tatsache, dass die Jüngeren irgendwann anfingen, Fernsehen nicht als Spitze einer Medienpyramide, sondern als Alltagsgegenstand zu sehen“, analysiert Medienprofessor Gorny.

Schließlich sei es bezeichnend, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht nur eine ganze Generation beim Publikum, sondern auch bei den Machern verloren hätten. Jessica Schwarz, Heike Makatsch, Oliver Pocher, Stefan Raab – dieser Nachwuchs sei bei Viva groß geworden, wo keine Hierarchie im Wege gestanden, sondern Sendefläche zur Selbstgestaltung zur Verfügung gestanden habe.

Gelernt ist eben gelernt, vor allem bei der Selbstgestaltung. „Ich bin Teilnehmer der von mir geschaffenen Veranstaltungen“, sagte Raab heute, der mit Sendungen wie „Schlag den Raab“ auch international als Erfinder von Fernsehshows und als Musik- und Fernsehproduzent erfolgreich und ein reicher Mann geworden ist.

Und ob es nun sogar etwas wird mit der Kanzlerin als Jurymitglied beim deutschen Finale zum European Song Contest am 12. März (20.15 Uhr) – unter der Präsidentschaft von Stefan Raab, versteht sich? Angela Merkel wird sich denken: Das kann man eigentlich nicht machen. Aber das haben bei Stefan Raab schon viele gesagt. Und dann konnte man doch.

Nächste Sendung: Dienstag, 2. Februar 20.15 Uhr auf ProSieben