Filmkritik

"Howl" - Kampf für die Freiheit der Kunst

| Lesedauer: 2 Minuten
Thomas Abeltshauser

Es sind mit die bekanntesten Zeilen der amerikanischen Literatur: "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt..." und zumindest in den USA sind sie auch Menschen ein Begriff, die sich sonst kaum für Poesie interessieren.

Es ist der Auftakt von Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" (Das Geheul), einer wütenden Wehklage über die traumatisierten Menschen im Nachkriegsamerika. 1956 erschienen, löste es wegen seiner radikalen, provozierend saftigen Sprache einen Skandal aus, der zu einer Anklage wegen Obszönität führte. Die renommierten Dokumentarfilmer und Berlinale-Veteranen Rob Epstein und Jeffrey Friedman ("The Times of Harvey Milk") haben aus dem Stoff ihren ersten Spielfilm gemacht: Wobei es Experimentalfilm besser trifft, denn sie verknüpfen dabei mehrere Ebenen.

Der Prozess, der mit einem richterlichen Bekenntnis zur Kunst- und Redefreiheit endet, wird mit prominenten Darstellern nachgestellt. In einem fiktiven Interview erzählt Ginsberg (ein unterforderter James Franco sieht ihm nicht wirklich ähnlich, trifft aber Gestus und Duktus frappierend) von unglücklichen Lieben, dem Aufenthalt in der Psychiatrie und dem Ringen um die sexuelle Veranlagung, die sein Schreiben beeinflussten. Und auf einer dritten Ebene wird das Gedicht fast komplett rezitiert, gelesen von James Franco, sowohl als Lesung in der Six Gallery in San Francisco im Jahr 1955 als auch durch Animationsszenen visualisiert, die von Allen Ginsbergs Illustrator Eric Drooker entworfen wurden.

Epstein und Friedman komponieren diese Elemente fast wie ein Stück Jazz, springen immer wieder hin und her, variieren, rhythmisieren und assoziieren vor allem in den animierten Szenen frei bis ins Surreale und benutzen damit ganz ähnliche Methoden wie Ginsberg beim Schreiben. Der Film wird selbst zum Gedicht. Aber eben nicht nur: Er liefert zugleich Entstehungsgeschichte, Interpretation, Rezeption, den Verfasserkommentar. Für Poetikseminare dürfte er damit Pflichtlektüre werden. Wer kein umfassendes Wissen über Ginsberg und seine Schriftsteller-Generation, die sogenannte Beat Generation hat, dem dürften etliche Anspielungen entgehen. Vielleicht sollte man es mit dem Literaturprofessor halten, der im Prozess auf die insistierenden Fragen des verständnislosen Anklägers, was denn diese oder jene Zeile von "Howl" zu bedeuten habe, mit einem Satz antwortet, der alles sagt: "Poesie lässt sich nicht in Prosa übersetzen, deswegen ist es Poesie."

Wiederholungen Heute, 9.30 Uhr, Friedrichstadtpalast; heute, 20 Uhr, International; 21. Februar, 21 Uhr, Friedrichstadtpalast.