Art Cinema

Paul Young zeigt die verrücktesten Filme

Man muss sie nicht verstehen. Man muss sie nicht mögen. Man findet sie interessant. Immer wieder gab es Verbindungslinien zwischen Kunst und Film. Damit konnte man sogar erfolgreich sein. Wie Dali und Bunuel mit dem "Chien andalou". Paul Young hat jetzt die Geschichte des Art Cinema aufgeschrieben.

Foto: Berlinale

Filme mit oder ohne Handlung, die man versteht oder auch nicht; in denen viel, wenig oder nichts passiert; die animiert sind, abstrakt, traumähnlich oder konkret; in denen geredet wird oder geschwiegen; die dokumentarisch sind oder inszeniert; die kurz oder lang oder noch viel, viel länger sind; die ihren Reiz im Formalen oder im Visuellen haben; die überladen sind, minimal oder was auch immer.

„Es mag schwer sein, sie zu definieren, aber man erkennt sie, wenn man ihr begegnet“, soll Potter Stewart einmal gesagt haben – der inzwischen verstorbene Richter am Gerichtshof der Vereinigten Staaten sprach über die Pornografie. Paul Young, Autor des Buches „Art Cinema“, zitiert Potter Stewart nun, um das weite Feld des Kunstfilms zu beschreiben.

Dabei hätte man es eigentlich auch belassen können. Weil es aber immer Leute gibt, die es noch ein bisschen genauer wissen wollen, hat Young das Thema dann doch in zehn Kategorien eingeteilt – vom surrealistischen Film über den Postsurrealismus zum lyrischen Film, von Landschaftsfilm zur Stadtsymphonie, von der Collage zum Porträtfilm zum Dada und noch mehr, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass in einem surrealistischen Stadtporträt nicht auch zum Zwecke des Dada hier und da eine lyrische Landschaft vorkommen mag.

Erfolglos? Ungenießbar? Mitnichten!

Selbst die These, Kunstfilme seien nur für Spezialisten gedreht, für das Massenpublikum daher ungenießbar und kommerziell völlig erfolglos, ist nicht haltbar. Schließlich haben Regisseure wie Jean Cocteau, Luis Buñuel, Peter Greenaway oder David Lynch auch bekannte Klassiker gedreht.

Es ist also verzwackt, und nach der Lektüre der knapp 200 Seiten ist man eigentlich nicht viel schlauer. Dafür hat man allerhand schön ausgewählte Bilder aus rund hundert Jahren Filmgeschichte gesehen und sich gedacht: Was es nicht alles gibt! Diesen oder jenen Film müsste man eigentlich dringend einmal sehen.

Rätsel um einen andalusischen Hund

Etwa das surrealistische Meisterwerk „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dali aus dem Jahre 1929, bei dem die beiden Regisseure sich laut Young die größte Mühe gaben, eine Folge von Bildern und Szenen zu erstellen, die absolut nichts miteinander zu tun haben.

Einmal sieht man eine Wolke am Mond vorüberziehen, gleich anschließend schneidet ein Mann mit einem Rasiermesser einer Frau ein Auge auf. Später jagt ein Mann einer Frau hinterher, bis er plötzlich feststellt, dass er an einem Konzertflügel festgebunden ist, auf dem zwei verwesende Esel liegen, an die wiederum zwei Geistliche gefesselt sind.

Vielleicht sollte es etwas bedeuten, vielleicht sah es auch einfach nur beeindruckend aus. Einflussreich war es allemal. Der Surrealismus ist wohl das beständigste Stilmittel des Kunstfilms, das durch die Jahrzehnte immer wieder im Kino auftaucht. Nicht nur, dass Alfred Hitchcock sich 1945 für den Film „Ich kämpfe um dich“ die Traumsequenzen von Dali gestalten ließ, auch David Lynch, Peter Greenaway, Michel Gondry, Charlie Kaufman, Apichatpong Weerasethkul und Alejandro Jodorowsky bedienten sich reichlich.

Ein Dieb der Jesus ähnelt

Letzterer drehte 1973 das zweistündige Werk „Montana Sacre – Der heilige Berg“, dem Paul Young in seinem Buch einer der wenigen längeren Texte widmete. Nach dem der chilenische Regisseur seinem zutiefst rätselhaften und extrem blutigen Western „El Topo“ 1970 einen überraschenden Erfolg feiern konnte, produzierte der ehemalige Beatles-Manager Allen Klein jenes Werk um einen Dieb, der aus nicht ganz geklärten Gründen – Ähnlichkeit? – für Christus gehalten wird.

Er schart eine Gruppe von Kapitalisten um sich, die jeweils für die Planeten unseres Sonnensystems stehen, und erklimmt mit ihnen einen heiligen Berg, um das Rätsel des ewigen Lebens zu lösen. Doch was finden sie auf dem Berg? Den Regisseur Jodorowsky mit seinem Filmteam.

George wollte sich nicht waschen lassen

Ursprünglich sollte George Harrison die Christusfigur spielen, doch weil der Ex-Beatle sich weigerte, vor der Kamera die Hosen herunterzulassen und seinen Hintern in Großaufnahme waschen zu lassen, wurde er ohne Umschweife ersetzt – Jodorowsky ließ seine künstlerische Vision nicht vom Ruhm eines schamhaften Popstars korrumpieren.

Etwa alle dreißig Sekunden beglückt er die Zuschauer mit einer irrsinnigen visuellen Idee: die Eroberung Südamerikas durch die Spanier nachgestellt mit verkleideten Riesenkröten, Soldaten in Strapsen, militante nackte Kinder, Kastrationsrituale als Massenspektakel, Tiger, Kamele und unpraktische Kloschüsseln, die meterweit über dem Boden angebracht sind – Jodorowsky ließ nichts aus.

Wovon handeln Matthew Barneys Filme?

Die Filme von Jodorowsky dürfte sich auch der amerikanische Künstler Matthew Barney näher angeschaut haben, dem Paul Young ein paar Sätze und einige Bilderseiten widmet. Von 1995 bis 2002 drehte Barney den „Cremaster“-Zyklus, bestehend aus fünf jeweils abendfüllenden Filmen, von denen kein Mensch genau zu sagen weiß, wovon sie eigentlich handeln.

Vom Bau des Chrysler Buildings vielleicht? Der Hinrichtung des Ganoven Gary Gilmore? Der Popkultur? Den Freimaurern? Oder der physischen Manifestation des Geschlechts? Man weiß es nicht, zumal es sich um Filme handelt, die in wenigen Kopien im Besitz irgendwelcher Museen und Sammler sind, weil Barney sich nicht als Filmemacher versteht, sondern als bildender Künstler. Man kann sie also nur unter erschwerten Bedingungen sichten, zu den wenigen Ausschnitten, die man daraus kennt, lässt sich immerhin sagen: Das sieht durchaus ansprechend aus.

Auch der italienische Künstler Francesco Vezzoli arbeitet mit den Mitteln des Kinos und hat mit allerhand internationale Stars den „Trailer for a Remake of Gore Vidal’s Caligula“ gedreht – weshalb seine Erwähnung in Youngs Buch sogar irgendwie Sinn macht. Aber ob sich das auch über all die anderen Künstler sagen lässt, die mit bewegten Bildern arbeiten und weite Strecken des Buchs einnehmen?

Passt wirklich jeder Videokünstler in die Kategorie „Art Cinema“? Paul Young meint ja und macht damit ein vollständig unübersichtliches Feld noch unübersichtlicher. Aber wo wollte man die Grenze ziehen? Sind die etwa die Filme und cineastischen Experimente von Andy Warhol eher Kunst oder eher Kino? Dass es darauf keine Antwort gibt, könnte die Quintessenz des Buches sein. Es gibt Filme und es gibt Experimente und manchmal gibt es Experimente im Film.

Paul Young: Art Cinema. Hrsg. v. Paul Duncan. Taschen, Köln. 191 S., 19,99 €.