Ewiger Thronfolger

Vor Prinz Charles zerrieben sich schon viele

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Michael Stürmer

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Der Kronprinz zwischen Chef und Nachfolger: Dass Prinz Charles von Wales zwischen der Queen und dem zweiten in der Thronfolge zerrieben werden könnte, haben Beobachter beizeiten bemerkt. Er wäre nicht der erste, den ein solches Schicksal ereilen würde. Auch die deutsche Geschichte kennt solche Fälle.

Für His Royal Highness Prince William of Wales (27) mögen es "Supertage" gewesen sein, die er als Vertreter des britischen Königshauses in Australien verbracht hat. Doch selbst wenn die Debatte über die Zukunft der Monarchie, die sein Besuch in der ehemaligen Kolonie wieder einmal entfachte, zunächst einmal seine Großmutter Elizabeth II. ins Grübeln bringen dürfte: Allein die Tatsache, dass der älteste Sohn von Kronprinz Charles die offiziöse Reise unternahm, ist nicht ohne Rückwirkung auf das dynastieinterne Machtspiel geblieben.

Während sich Her Majesty the Queen (83) weiterhin bester Gesundheit erfreut, wächst ihrem Sohn und präsumtiven Nachfolger in Gestalt von dessen Ältestem ein Konkurrent zu. Dass der Prinz von Wales (61) zwischen Königin und dem zweiten in der Thronfolge buchstäblich zerrieben werden könnte, haben Beobachter beizeiten bemerkt ( ). Charles wäre nicht der erste Prinz, den ein solches Schicksal ereilen würde.

Kronprinz zu sein kommt mit der Erstgeburt. Es ist ein Geschenk des Schicksals, von Rückgabe ausgeschlossen. Es umfasst eine Lehrzeit von unbestimmter Dauer, die mit dem Tode des Vorgängers endet. Wenn aber die Lehrzeit länger dauert, Ungeduld und Frustration den Gesichtern abzulesen sind, dann zittert der Boden der Monarchie.

Von jeher haben die Monarchen "von Gottes Gnaden" es gescheut, dem göttlichen Willen vorzugreifen und durch Rücktritt den Kronprinzen beizeiten an die Macht zu bringen. Als Karl V., "Erwehlter Römischer Kaiser Allzeit Mehrer des Reichs", sich 1556 ins spanische Kloster zurückzog, da war dies das Ende einer Epoche. Die Einheit der Kirche zerborsten, die Kaiserliche Majestät fast zu Tode gesiegt.

Die Hinrichtung König Karls I. von England durch Beschluss des Parlaments blieb auf lange Zeit einzigartiger moralischer Bruch im Europa der Monarchen. Erst 1793 wurde dergleichen in Frankreich wiederholt, als Ludwig XVI. unter dem Fallbeil endete.

Bayern, Mittelmacht auf der stets vergeblichen Suche nach der europäischen Rolle, war der einzige deutsche Staat, wo die 48-er Revolution den Monarchen zum Rücktritt zwang. Nicht nur, dass zuvor der Bierpreis gestiegen war, König Ludwig I. hatte auch ein allzu öffentliches Verhältnis mit der Tänzerin Lola Montez. Kronprinz Maximilian Joseph musste, obwohl er lieber Professor für Geschichte geworden wäre, vorzeitig den Thron besteigen. Auch sein Nachfolger Ludwig II. musste vorzeitig auf die Krone verzichten, wenngleich ihm nur ein "Prinzregent" folgte.

Zu womöglich welthistorischer Dimension wuchs sich der Generationenkonflikt im Haus Hohenzollern aus. Als 1858 Wilhelm I. in einem staatsrechtlich gewagten Akt die Regentschaft für seinen verwirrten Bruder Friedrich Wilhelm IV. übernahm, war sein Sohn Friedrich bereits ein Offizier, der wenige Jahre später mit großem Erfolg ganze Armeen gegen Österreich und Frankreich führen sollte. Doch Wilhelm I., 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert, erreichte ein gesegnetes Alter von 91 Jahren. Ganze 30 Jahre regierte er unter seinem Ministerpräsidenten und Reichskanzler Otto von Bismarck, beide Seelenverwandte in ihren konservativen Überzeugungen.

Ein halbes Leben lang warteten die deutschen Liberalen auf ihren Hoffnungsträger Friedrich, der mit einer Tochter der Queen Victoria verheiratet war und aus seinen Sympathien für England keinen Hehl machte. Der Kronprinz hatte um sich einen Kreis reformbereiter, weltkundiger Berater versammelt, und er machte kein Geheimnis daraus, dass die Uhren des Systems Bismarck abgelaufen sein würden, sobald er seinem kaiserlichen Vater nachgefolgt sei.

Doch bereits 1859 war Friedrichs ältester Sohn Wilhelm geboren worden, der als letzter die Kaiserkrone tragen sollte. Der machte beizeiten aus der Abneigung gegenüber seiner Mutter und den Überzeugungen seines Vaters kein Hehl, was ihn zum idealen Partner für den Großvater und dessen Kanzler werden ließ.

Beizeiten förderten sie die Ambitionen des Enkels auf dem politischen und diplomatischen Parkett und erodierten damit Autorität und Lebenskraft Friedrichs, dem eine Krebserkrankung zunehmend zusetzte. Als er als Friedrich III. 1888 schließlich für 99 Tage an die Macht kam, war er nicht einmal mehr in der Lage, den verhassten Kanzler seines Vaters in die Wüste zu schicken.

Das blieb Wilhelm II. überlassen, der ihm für 30 Jahre nachfolgte. Er tat das seine, Europa in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges zu führen und damit in eine Zeit, in der die Frage der Thronfolge weniger dramatische Folgen hat. Zumindest dieser Umstand ist geeignet, Prinz Charles ruhig schlafen zu lassen.