500. "Bericht aus Berlin"

Immer wieder sonntags, auf die Minute pünktlich

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Benjamin von Stuckrad-Barre

Foto: ARD-HSB/Martin Jehnichen / ARD-HSB/Martin Jehnichen/WDR

Wer gerne Nachrichten sieht, der kommt an dem "Bericht aus Berlin" in der ARD nicht vorbei. Bei den beiden Moderatoren der Sendung steht Rainald Becker eher hinter als neben Ulrich Deppendorf. Dabei wird der Sprecher, der sich vor der Kamera gerne an seinen Karten festhält, unterschätzt.

Eine Pauschalreise hatte er nicht gebucht, gleichwohl verhielt er sich genau so: Rainald Becker, der eher hinter als neben Ulrich Deppendorf agierende zweite Moderator vom ARD-„Bericht aus Berlin“ stand fluchend auf dem Bürgersteig und wartete auf den Bus: „Na toll!“

Es war nämlich Punkt 22 Uhr, und der Bus sollte um Punkt 22 Uhr genau hier abfahren, vom Bus aber nichts zu sehen, auch der Rest der Reisegruppe fehlte, ganz allein also stand Rainald Becker da mit seinem rührenden Stewardessenköfferchen auf dem Bürgersteig, guckte immer wieder demonstrativ auf die Uhr und schüttelte den Kopf: „Kann doch wohl nicht wahr sein!“

Jener Dienstag im August hatte früh begonnen: Am Morgen war Becker im Tross mit Journalistenkollegen um 6.20 Uhr in Berlin abgeflogen, um den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier auf dessen „Sommerreise“ durchs Ruhrgebiet zu begleiten; ein strapaziöser Tag: viele Betriebsbesichtigungen, viele Steinmeier-Reden. Kurz vor Köln hatte der Reisegruppenbus dann im Stau gestanden und war daher nicht wie geplant vorher noch zum Hotel, sondern direkt zum den Tag beschließenden „Empfang mit Vertreterinnen und Vertretern der Kreativwirtschaft“ in einem Kölschgarten gesteuert, das Einchecken und sogenannte kurze Frischmachen war also ausgefallen, was Beckers Stimmung erheblich beeinträchtigt hatte.

Alles an diesem Tag hatte länger gedauert als im Reiseplan angekündigt, und Steinmeier redete immer weiter da im Kölschgarten, die anderen Journalisten machten Überstunden und Notizen, und wo war eigentlich der Busfahrer samt Gefährt? Man hatte Becker doch gesagt, Abfahrt sei um 22 Uhr! Und so stand er da, mit seinem Koffer, darin möglicherweise ein Hemd zum Wechseln, Becker ist der Typ Jackett & Jeans, sonntags zur Sendung dann aber natürlich Anzughose. „Was ist denn das für eine Organisation?“, rief Becker in die Sommernacht, der Verzweiflung nah.

Rainald Becker ist eher kein Kriegsreporter, er hat es gern überschaubar. Alle zwei Wochen liest er beim „Bericht aus Berlin“ seine in grauenhaft verphrastem Pseudokommentatoren-Deutsch abgefassten Moderationen vom Teleprompter ab, hat zusätzlich Pappkarten in der Hand, als Requisit, auch seine superkritischen Fragen an „unseren heutigen Gast“ liest er ab und ist so gegen jeden eventuellen Gedanken abgesichert, da fährt sozusagen der Bus immer pünktlich ab.

Ebenso gestanzt wie Beckers verbale Journalismus-Imitation ist die Sprache seines Körpers, mithin seine einzige erkennbare eigene Haltung: Während er verlässlich die abgegriffensten Politikbetriebsvokabeln herunterleiert, breitet er völlig willkürlich alle paar Wörter kurz die karteikartenumklammernden Hände aus, das egalste all der egalen Wörter betonend. Eine kurze, wie Becker es wohl nennen würde, „Kostprobe“ vom letzten Sonntag aus dem 499. „Bericht aus Berlin“, jeweils kursiv gesetzt das von Becker mit Händeausbreiten akzentuierte Wort:

„...schimpft die Opposition, und die Umfragewerte zeigen, die Vorschusslorbeeren für die neue Regierung sind so schnell verpufft wie das Silvesterfeuerwerk. Schwarz-Gelb hat für viele einen glatten Fehlstart hingelegt. Ob Steuersenkung, Arbeitsmarkt, Gesundheitsreform – es hagelt Kritik, auch aus den eigenen Reihen.“

Verpuffende Vorschusslorbeeren sind natürlich, ebenso wie die immer gute „hagelnde“ Kritik, ein beeindruckendes Bild, obendrein hat Becker Humor: Westerwelle und Seehofer, so erzählte er uns des Weiteren am letzten Sonntag, „kommen zur besten Kaffee- und Kuchenzeit ins Kanzleramt. Doch das Kaffeekränzchen bei Angela Merkel ist eher ein Krisengipfel.“

Zweifelsohne, in seinem Studio ist Becker, wenn Deppendorf nicht da ist, der Kapitän, doch draußen, wo es keinen Teleprompter gibt und manchmal nicht alles wie geplant läuft, da braucht er Hilfe. An jenem Sommerabend in Köln zum Beispiel, als dieser verdammte Bus nicht kam. Freilich, Becker hätte zu Fuß zum Hotel gehen können an diesem äußerlich angenehmen Sommerabend, vielleicht ein Eis schlecken und sich mal umgucken in der Welt, die paar Hundert Meter. Oder ein Taxi rufen? Hatte er ja! Aber das kam nicht! Ein anderes fuhr grußlos vorbei, obwohl Becker so doll gewunken hatte – unfassbar! Fährt der einfach weiter, wo sind wir denn?

Schließlich nahm sich ein freundlicher Mensch seiner an, der das selbe Ziel – ein über die SPD zu günstigen Konditionen gebuchtes, gar nicht mal so schlechtes Hotel – und vor allem Mitleid mit dem hier in Kabul, ach nee, in Köln gestrandeten Becker hatte, ein Taxi heranzuwinken in der Lage war, ja sogar die kompletten 7,80 Euro für diese Fahrt zahlte und sich eine hälftige Beteiligung des immer noch grimmigen Beckers verbat.

Und so war ja alles gerade noch mal gut gegangen, Becker konnte seinen Stewardessenrollkoffer zur Rezeption ziehen, und auch da hat dann alles geklappt. Was für ein Tag, was für ein Leben. Vielleicht noch einen Saft aus der Minibar pflücken und über dessen horrenden Preis schimpfen, zu Hause anrufen und das Jackett auf einen Bügel hängen. Man macht schon ganz schön was mit.

Am Sonntag (24. Januar 2010) nun kommt der 500. „Bericht aus Berlin“ in der ARD, Ulrich Deppendorf moderiert – aber nächste Woche ist wieder Becker dran und wird die Hände ausbreiten, auf die Minute pünktlich.