Rückblick 2009

Wie Johannes B. Kerner das Jahr zu Grabe trug

| Lesedauer: 6 Minuten
Antje Hildebrandt

Alle Jahre wieder wird das interessierte TV-Publikum mit Jahresrückblicken beglückt. Da verliert der Zuschauer schnell den Überblick. Morgenpost Online wird alle Shows bis zum bitteren Ende verfolgen und nach einer Checkliste bewerten. Los geht es mit Sat.1. Dort trug Johannes B. Kerner Trauer.

Art des Rückblicks: Staatsbegräbnis. Ja, ist denn 2009 schon tot, mausetot? Hat das Jahr, in dem Margarethe Schreinemakers Herz für sechs Minuten stehen blieb und Oliver Pocher seine neue Freundin schwängerte, tatsächlich schon am 4. Dezember sein Leben ausgehaucht? Diese Sorge ergriff den Sat.1-Zuschauer wie eine eiskalte Hand, als der Moderator die Bühne betrat. Johannes B. Kerner trug eine schwarze Krawatte zum schwarzen Anzug, als sei er auf dem Weg zu einer Beerdigung.

Wir wissen nicht, wem dieser furchterregend feierliche Look geschuldet war: der stetig sinkenden Quote des neuen Sat.1-Aushängeschilds, dem Abschied von der Abwrackprämie oder gar Joe Jackson, dem Vater des verblichenen „King of Pop“, der die Gelegenheit nutzte, um via Kerner Kontakt zu seinem Renditeobjekt aufzunehmen: „Michael, ich möchte Dir noch näher kommen als früher.“

Zu betrauern gab es 2009 eine ganze Menge. Das Begräbnis, das Kerner zelebrierte, schien noch länger zu dauern als das gesamte Jahr. Beinahe vier Stunden zog sich das Spektakel. Es sollte den Reigen der Jahresrückblicke eröffnen, der alle Jahre wieder wie ein Tsunami über die TV-Zuschauer hinwegrollt – bis zum bitteren Ende am 28. Dezember (ARD-Rückblick).

Der Prominenten-Faktor: Außer den Jungs von Tokio Hotel und Wicki-Regisseur „Bully“ Michael Herbig samt präpubertärer Hauptdarsteller bot der Sender für die 14- bis 49-Jährigen nur Oliver Pocher, der zuletzt mit seiner Schweinegrippe beglückte. Nino Haase und Hans-Martin Schulze („Hass-Martin“,), die beiden Sieger, die 2009 in der Sendung „Schlag den Raab“ viel Geld gewannen, sollten den Altersdurchschnitt der Gäste zwar gewaltig senken. Doch wer kennt die beiden bloß – außer vielleicht die Zuschauer von ProSieben, der flotteren Sat.1-Schwester?

Veronica Ferres jedenfalls, die unverzichtbare Petersilie auf jedem Jahresrückblicksbüffet, ließ diesem Pleite-Paar des Jahres den Vortritt: Verona und Franjo Pooth. Die Aktrice zog es in diesem Jahr vor, ihr neues Liebesglück bei Thomas Gottschalk im ZDF-Jahresrückblick zu zelebrieren. Eine weise Entscheidung. Wer will schon als Stimmungsaufheller zwischen einem Herzstillstand (Margarethe Schreinemakers) und der Leichenfledderei des Jackson-Clans herhalten?

Zumal man sich bei dem Gast wegen seines Seppelhuts nicht ganz sicher sein konnte, ob es sich tatsächlich um den Vater Michael Jacksons oder nicht doch um Billy Mo („Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“) oder ein anderes Double handelte. Der Dialog, der sich zwischen Kerner und seinem Gast entspann, war jedenfalls allerfeinste Realsatire.

Jackson: „Der Familie geht’s gut. Natürlich trauern wir noch. Aber wir werden’s überleben.“

Kerner: „Vielleicht gibt es Leute, für die Michael tot mehr wert ist als lebendig.“

Jackson: „Das hat Michael selber gesagt. Es scheint sich irgendwie bewahrheitet zu haben.“

Die Frisur des Moderators: Passte zwar nicht 100-prozentig zu dem schwarzen Anzug, verlieh diesem Schlussverkauf in Kerners Gemischtwarenladen jedoch einen gewissen Retro-Charme. Kerner hat sich bei Sat.1 einen Nackenspoiler wachsen lassen. Wenn der Sender auch sonst in diesem Jahr keine neuen Trends gesetzt hat, so hat er zumindest das Comeback der Vokuhila-Frisur eingeläutet.

Der Taschentuchverschleiß: Hielt sich in Grenzen. Außer den beiden Hinterbliebenen aus Köln und Nachterstedt, die ihre Angehörigen in den Trümmern des weggesackten Archivs und beim Erdrutsch des Hauses verloren, kämpfte kaum einer mit den Tränen. Das lag in der Natur der Sache. Wie sollten denn die Angehörigen einer beim „schrecklichen Amoklauf von Winnenden“ (Kerner) erschossenen Referendarin auch ihrem Schmerz Ausdruck verleihen, wenn sie der Moderator nur als Trauerkloß-Platzhalter zwischen zwei Show-Acts schob?

Vermutlich floß selbst in der Sahel-Zone mehr Wasser als bei Kerners Jahresrückblick. Der schien bei aller Dramatik eher unter dem Motto zu stehen: Lasst uns froh und munter sein. Das sollte dem Sender allerdings zu denken geben. Seit wann ist ein Begräbnis eine fröhliche Angelegenheit? Oder besitzt Kerner etwa Galgenhumor?

Sogar die sonst als nah am Wasser gebaute Margarethe Schreinemakers vergoss ausnahmsweise keine Tränen. Gut, in ihrem Fall kann man das sogar verstehen. Sie ist seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr im Fernsehen aufgetreten. Möglicherweise überwog die Freude über das Comeback auf der Mattscheibe den Schrecken über den Herzstillstand.

Der Unterhaltungswert: Entsprach ungefähr dem der Lektüre einer „Freizeit-Revue“ unter dem Einfluss eines Anti-Depressivums: Viel Klatsch und Tratsch, einige Rätsel und ein bisschen „Äktschn“ auf dem Schrottplatz mit den „Ludolfs“. Die Besitzer eines Autofriedhofs im Westerwald und Lieblinge des Männersenders Dmax wrackten in Nullkommanichts den dunkelblauen Astra eines Heppenheimers ab. Der hatte seinen Antrag auf die Umweltprämie leider zu spät abgegeben. Was aber im Nachhinein nicht schlimm war. Als Trostpflaster bekam er erst ein Jahresticket für den Bus – und dann einen nagelneuen VW-Golf.

Der Erkenntnisgewinn: 2009 war ein vielversprechendes Jahr – außer für Sat.1. Drei unter 40-jährige Minister rückten in das Bundeskabinett vor, darunter ein AC/DC-Fan. Ein Fallschirmspringer überlebte einen Sturz aus 300 Metern Höhe. Franz Müntefering und seine junge Freundin Michelle heiraten.

Und Margarethe Schreinemakers ist dem Tod in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen. Täuschte der Eindruck, oder nutzte sie die Gelegenheit, um sich für die Kerner-Nachfolge bei Sat.1 in Stellung zu bringen? Ihr Resümee taugte jedenfalls auch als Analyse für diesen tödlich gruseligen Jahresrückblick: „Sterben kann etwas sehr Banales sein:“

Was bieten die Jahresrückblicke der anderen Sender? Lesen Sie bei Morgenpost Online ONLINE am Montag, dem 7. Dezember, eine TV-Kritik zur Sendung des ZDF "Menschen 2009".