Oliver Pocher auf Sat.1

Das Prinzip Anquatschen und Hinterherpfeifen

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Richard Herzinger

Aufdringlich, bis nichts mehr dagegen wirkt: Oliver Pocher überzeugte bei seiner ersten neuen Late-Night-Show auf Sat.1 nur sich selbst. Seine Witze waren schmerzhaft infantil – was den Moderator nicht störte. Von "Biene-Maja-Koalition" bis Gags mit dem eigenen Vater, Pocher war sich für nichts zu schade.

Um ihnen zu zeigen, wie sehr er auf sie pfeift, schrieb Oliver Pocher den Fernsehkritikern noch während der Sendung öffentlich auf, was sie von ihr zu halten hätten. Sie sei unter jedem Niveau, die Witze seien seicht, seine Bemerkungen über Heidi Klums schwarzes Topmodel Sara Nuru im Einspieler rassistisch gewesen, und Pochers Vater werde in der Show auf entwürdigende Weise vorgeführt.

Stimmt alles haargenau. Und deshalb könnte die Kritik an der Late-Night-Show „Pocher“, die am Freitagabend auf Sat.1 Premiere hatte, hier eigentlich schon enden. Wenn man sich als gequälter Zuschauer nicht irgendeinen Reim darauf machen müsste, wie es eigentlich so weit hat kommen können, dass ein Mann wie Oliver Pocher in diesem Land zu solcher Prominenz aufsteigen konnte.

Die Antwort ist einfach. Pocher hat das Prinzip hemmungsloser Aufdringlichkeit so sehr auf die Spitze getrieben, dass dagegen nichts mehr wirkt. Was er unter Komik versteht, ist die Freude darüber, dass sich andere Menschen gegen seine Belästigungen nicht wehren können. Wenn er etwa in einem Einspieler einen Passanten wegen dessen vermeintlicher Ähnlichkeit mit dem Modefriseur als Udo Walz anredet und der ratlos bedröppelt dreinschaut, weil er nicht weiß, was dieser blässliche Hänfling von ihm will, soll der überrumpelte Passant als lächerlicher Depp dastehen. Dabei sieht er in Wirklichkeit kein bisschen wie Udo Walz aus, und nur ein Depp könnte darauf kommen.

Seinen dünnen Witzchen schickt Pocher meist einen kleinen Kicherer hinterher, der besagen soll: Ich weiß genau, wie blöd das ist, und es eigentlich kein Mensch lustig finden kann, aber ist es nicht toll, dass ich das trotzdem erzählen darf?

Es ist die unerschütterliche Beharrlichkeit einer nichtssagenden Person, die weiß, dass sie nichts anderes kann, als sich selbst in den Vordergrund zu schieben, und die im Grunde an nichts anderem Interesse hat als am eigenen hohlen Ich. Um sich überlegen zu fühlen, bringt er zur Show seinen etwas drögen und wortkargen Vater mit und amüsiert sich darüber, dass der einfache Mann nicht weiß, wie man sich gegenüber den Prominenten, die Pocher trifft, verhalten soll.

Zur Bundestagswahl fiel Pocher der grandiose Scherz ein, dass die neue Regierung „Biene-Maja-Koalition“ genannt werde (wegen der schwarz-gelben Streifen) und schob einen Einspieler über „Biene Merkel“ und „Wester-Willi“ nach. Aber, halt, nein, nicht einmal das ist ihm ja selbst eingefallen – der infantile Witz war schon vor einer Woche in aller Munde, und dadurch, dass Pocher ihn noch einmal macht, wirkt er nur noch peinlich. In einem weiteren Filmchen geht Pocher aufs Oktoberfest und dort seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Leute dumm anquatschen und Frauen durch Hinterherpfeifen belästigen.

Dabei hat er eine Lederhose an und macht den bayerischen Dialekt nach, aber nicht einmal das mag ihm auf ansprechende Art gelingen. Dafür schmiegt er sich eng an einen auf einer Wiese schlafenden Besoffenen und sagt beruhigend: „Keine Angst, ich steck ihn nicht rein.“ Seinem amerikanischen Stargast Shakira ist solche Pennäler-Schlüpfrigkeit sichtlich eklig. Sie rede über zwei Dinge nicht öffentlich, sagt sie: Sex und Religion. Was Pocher dazu einfällt, ist: „Dann machen wir Sex im Dom.“

Pocher befindet sich auf dem Entwicklungsstand eines hyperaktiven Zwölfjährigen, der jeden in seiner Umgebung mit Faxen nervt, und der sie erst recht und mit doppelter Intensität weitertreibt, wenn man ihm sagt, er solle endlich aufhören.

Pocher loszuwerden ist so aussichtslos wie der Versuch, eine lästige Mücke zu verscheuchen – sie summt einem im nächsten Augenblick garantiert extra nah und penetrant am Ohr vorbei. Sieht man Pocher zu, wünscht man sich, dass endlich die Super-Nanny herbeieilen möge, um ihn zum Abkühlen auf die stille Treppe zu schicken. Aber diese resolute Erzieherin arbeitet ja leider für den Konkurrenzsender.